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23.10.2020

Der unbekannte Corona-Horror


So langsam greift die Benautheit um sich. Man merkt es an allen Ecken und Enden. Vor allem bei den heimlichen Helden des Motorsports, der Arbeiterklasse – den Mechanikern. Die Gesichter werden ausgemergelter, die Wangen hohler, die Stimmen matter – wenn man versucht, den Kalender einer ganzen Saison in weniger als ein halbes Jahr zu quetschen, bleiben Ermattungserscheinungen nicht aus.

Vielleicht haben die Schreibtischtäter in den Chefetagen die enormen Belastungen auf die hart arbeitenden Schrauber unterschätzt. Jedenfalls spürt man plötzlich, wie deren Kraft aufgezehrt wird. Und das, obwohl noch einen Europaslalom von Portugal in die Emilia Romagna gibt, ehe der Wanderzirkus in den Nahen Osten abbiegt. Die größten Strapazen sind noch lange nicht vorbei – haben gerade erst begonnen.

Denn nach dem Rennen an der Algarve macht sich ein Konvoi von 150 Sattelschleppern auf die Reise ein Mal quer durch Europa. Der Törn nach Norditalien dauert dermaßen lange, dass dort erst samstags mit dem Fahren begonnen werden kann – statt wie sonst freitags.

Zu Beginn der Seuche haben die Teamchefs gesagt, die Mechaniker, aber auch deren daheim bleibende Familien, würden die taffen Tage schon verkraften, weil alle wüssten, dass es sich um eine einmalige Ausnahmesituation handelt. Die Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes auch über Corona hinaus gehe vor, das würden alle einsehen.

Die Argumentation stimmt sicher immer noch. Doch die Wahrheit hat das Wissen um die Notwendigkeit inzwischen ein Stück weit entwertet. Fast man fühlt man sich an Gespräche mit alten Mechanikern über deren richtig wüste Zeit in der Königsklasse erinnert. Damals, in den Siebzigern, gab es noch weniger Personal. Die Schrauber mussten meist per Auto oder Bus zu den Rennen gurken. Erst das Team Tyrrell, der Urururgroßvater des heutigen Mercedes-Rennstalls, hat damit begonnen, die Mechaniker zu den Rennen zu fliegen, um ihnen zumindest den Reisestress zu nehmen.

Auch gab es damals noch keine Sperrstunde wie heute. Nachtschichten waren bei den meisten Teams die Norm. Vor allem bei Lotus. Aber auch bei anderen. Spätestens dann, wenn es einen Unfallschaden zu reparieren oder einen Motor zu wechseln gab.

Die Mechaniker haben damals so viel verdient wie die englischen Bergarbeiter – und zählten damit zu den Besserbezahlten innerhalb der Arbeiterklasse. Auch heute ist der Lohn im oberen Teil der Arbeiter angesiedelt – aber längst nicht so hoch, als dass er in einem vertretbaren Verhältnis zu den derzeitigen außergewöhnlichen Belastungen stehe

Man muss Einblick haben hinter die Gemäuer der Teams. Wie mehrfach schon in unseren Podcasts thematisiert, fürchten sich viele Mechaniker etwa von Williams ganz offen davor, in Coronazeiten auf Reisen zu gehen – allein wegen der Ansteckungsgefahr und der Gesundheit. Die Lage in England ist immer noch deutlich schlimmer als in Deutschland. Und die Gattinnen und Kinder, die zuhause bleiben, bangen ebenso – zudem leiden sie unter der langen Ortsabwesenheit. Und, auch das gehört dazu: Wenn das Familienoberhaupt nach Hause kommt, ist es zunächst mal zu nicht allzu viel zu gebrauchen, weil es sich schlicht von den Strapazen erholen muss. In den Sechzigern und Siebzigern lag die Scheidungsrate bei Formel 1-Mechanikern im Vergleich zur normalen englischen Arbeiterklasse um ein Vielfaches höher. Jetzt herrschen fast wieder ähnliche Verhältnisse.

Denn: Auch wenn die Mechaniker inzwischen in Sachen Arbeitszeit, aber auch Reiseart und Vergütung deutlich besser gestellt sind als damals – so arbeiten sie dennoch verdammt hart. Ihr Job ist körperlich anstrengend. Sie reisen nicht komfortabel in der Business Class, sondern fliegen Eco – und teilen sich zu zweit oder dritt ihre Hotelzimmer. Mechaniker sind meistens echte Haudegen. Sie lieben ihren Sport, tun alles für ihren Fahrer, nehmen dabei harte und lange Stunden in Kauf. Und dabei sind sie in der Regel auch noch Pfundskerle mit einem derben, aber liebenswerten Humor. Es ist wie so oft in diesen Tagen: Die einfachen Leute brauchen den breitesten Rücken, um das Gros einer Krise zu schultern, die vom Schreibtisch aus maßgeblich gesteuert und initiiert wird.

Es hilft alles nix. Man muss die Zähne zusammenbeißen. Das wissen alle, und alle tun es. Fälle wie der intransparente Umgang von Lance Stroll mit seiner eigenen Coronakrankheit am Nürburgringwochenende machen das allerdings nicht einfacher. Denn im alltäglichen Arbeitsumfeld sind die Mechaniker diejenigen, die das größte Ansteckungsrisiko haben. Bei den 24 Stunden von Le Mans hat es drei Rebellion-Mechaniker aus dem LMP1-Team erwischt, in der MotoGP haben die Viren bei Yamaha ihre Wirte gefunden, auch bei Michelin, und in der Formel 1 musste sogar Mercedes Teile seiner Truppen austauschen.

Trotzdem werden Coronasündenfälle wie früher von Valtteri Bottas und Charles Leclerc oder jetzt von Lance Stroll einfach unter den Teppich gekehrt. Die Teams stellen ihren Fahrern wider besseren Wissens Persilscheine aus. Das geht nicht nur zulasten der Glaubwürdigkeit in der Außendarstellung, denn die Öffentlichkeit lässt sich längst nicht so sehr für dumm verkaufen wie die Teams das glauben.

Es schadet auch dem Innenverhältnis. Die Mechaniker laufen eh’ schon in ihrem Drehzahlbegrenzer. Das macht sie nicht nur leichter reizbar, sondern auch unweigerlich anfälliger für Krankheiten. Am Ende einer normalen Rennsaison ist es ganz normal, dass viele von ihnen erst Mal mit Grippe und sonstigen Schwächungen darniederliegen. Das gilt übrigens auch für andere viel reisende und hart arbeitende Mitglieder des Motorsportzirkus.

Wenn man den Mechanikern jetzt noch mehr Arbeit aufbürdet, ihnen noch weniger Ruhezeiten gönnt und gleichzeitig den Fahrern ihre virusöffnenden Allüren durchgehen lässt – dann passt das nicht zusammen. Jetzt müssten alle zusammenhalten, um die chaotische und auszehrende Saison irgendwie durchzustehen.

Denn die wahre harte Zeit für die Teams kommt erst noch. Im nächsten Jahr. Wenn die Rezession, die von der Politik mit den Shutdowns ausgelöst wurde, voll durchschlägt. Denn da wird noch ein weiterer Aspekt mit reinspielen, den bislang noch keiner so richtig auf der Rechnung hat.

Er steht aber in einer großen Wirtschaftsgeschichte über die Formel 1 in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK, die am morgigen Samstag bei allen Abonnenten und Vorabbestellern ankommen wird. Der Artikel wird vielen die Augen öffnen – und viele zum Nachdenken anregen, wie sehr die Königsklasse wirklich taumelt.

Wer jetzt noch eine E-Mail an shop@pitwalk.de schickt, der kann die 180 Seiten starke Ausgabe 57 von Deutschlands größter Motorsportzeitschrift ebenfalls noch morgen im Briefkasten vorfinden. Druckfrisch und exklusiv.


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