+++ 16.07.2019 15:25 : Neuer PITCAST online – die letzte Etappe der Rallye Seidenstraße +++ 15.07.2019 16:46 : Neue Fotogalerie online – Action aus der Wüste Gobi +++ 15.07.2019 12:31 : Neuer PITCAST online – Gespräch mit PITWALK-Formel 1-Reporterin Inga Stracke über den Großen Preis von England, aktuelles Update und Interview mit Speedbrain-Chef Wolfgang Fischer von der Rallye Seidenstraße +++
BACK

04.01.2019

Der Udo Lindenberg des Motorsports?


Meine ersten beiden Begegnungen mit Michael Schumacher gehen kurioser Weise beide auf Initiative von Zeitschriften aus der ehemaligen DDR zurück. Eine Tatsache, die bei der Analyse dessen, was später zur „Schumania“ werden wird, rückblickend wie ein Menetekel wirkt. Denn dass Schumi so groß wurde, wie er ist, geht auch zurück auf die Zeit, in der er sich als Phänomen ereignete – die Jahre nach der Wende.

Zum ersten Mal treffen wir uns bei einem Gruppe C-Rennen auf dem Nürburgring, Schumacher ist damals Mercedes-Junior im Sauber-Werksrennstall für mächtigen Sportwagen der goldenen Ära des Langstreckensports. Damals hat der Axel-Springer-Verlag, beziehungsweise eine Tochtergesellschaft, gerade den ostdeutschen Titel „illustrierter motorsport“ übernommen, und für eine Weile sah es so aus, als solle der neben „rallye racing“ weitergeführt werden. Ich bin da gerade im Praktikum am Hamburger Gänsemarkt, und man ließ mich auf den Eifel-Auftritt der Sportwagen-WM los.

Schumacher gilt als Totalen, also suche ich ihn und treffen auf einen kurz angebundenen, mürrisch wirkenden jungen Mann ohne große Auskunftsfreudigkeit. Grantig sein kann ich aber auch allein, also rede ich lieber mit seinem Co-Junioren Karl Wendlinger, der deutlich sympathischer erscheint.

Erst später wird sich rausstellen, dass Schumacher nicht abweisend sein will, sondern dass seine Scheu und sein Misstrauen allem und allen Fremden gegenüber diese Mauer des falschen Eindrucks aufgebaut hat – seinerzeit ist Schumi tatsächlich noch schüchtern.

Ein paar Jahre später, „ims“ ist längst eingestellt, bin ich neben meiner Anstellung bei der Motor-Presse Stuttgart Freier Mitarbeiter von „Auto Straßenverkehr“, denn die Schwaben haben den Berliner Titel nach der Wende gekauft und wollen ihn mit einem eigenen Gesicht am gesamtdeutschen Markt halten und etablieren. Das ist spannend, genau wie „ims“ spannend gewesen wäre – ich habe mir über Brieffreundschaften beide Zeitschriften schon aus der DDR schicken lassen, als die Mauer noch stand, weil mich – als Westler – das deutsch-deutsche Thema aus allen Facetten schon seit meiner Kindheit fasziniert hat.

Schumacher ist da schon Weltmeister und fährt noch Benetton. Der ebenso selbstverständlich wie nonchalant vorgetragene Wunsch der Auto Straßenverkehr-Chefredaktion nach einem Exklusivinterview mit ihm ist in etwa so einfach wie die Suche nach der Blauen Mauritius. Aber irgendwie macht Schumis damaliger Pressesprecher Heiner Buchinger – ein ehemaliger „sport auto“-Chefredakteur mit einem gewaltigen Gespür für Journalismus, Themen und die Menschen und Leistungen der Reporter – es möglich. Bei einem Test in Barcelona sei Zeit für ein langes Gespräch.

Damals funktioniert die Recherche in der Formel 1 noch besser als heute. Es gibt kein Testlimit, jeder konnte fahren, wo und wann er wollte. Und bei den Tests entstehen für die Fahrer immer wieder Leerlaufzeiten, wenn die Mechaniker das Auto mit einer neuen Abstimmung versehen. Diese Pausen nutzen die Presseleute dann konsequent, um Einzelinterviews anzusetzen. Man muss einfach ein, zwei Tage an der Strecke sein – und warten, bis sich im Testverlauf solch’ ein Fenster auftut.

Schumacher hat sich diese Zeit immer gern genommen, so auch in Barcelona. Allerdings ist von Buchinger die wohlmeinende Warnung gekommen, ich solle mir für die ersten Fragen gleich ein Thema einfallen lassen, dass Schumi überrasche und über das er nachdenken müsse. Bei Fragen, die er schon hundertfach gehört habe, schalte er geistig ab und spule nur ein Routineantwortprogramm ab.

In Ostdeutschland ist damals gerade eine Welle von rechter Hetze ausgebrochen, und Schumacher ist eine der nationalen Identifikationsfiguren. Also frage ich ihn, ob er Schiss hätte, von den neuen Braunen als Anker missbraucht zu werden und ob er mit seiner vorhandenen Strahlkraft etwas tun könne, um diesem Trend aktiv entgegenzuwirken. Quasi wie ein Udo Lindenberg des Sports.
Am Abend im Hotel ist Buchinger immer noch platt von diesem Einstieg, und Schumacher selbst zeigt sich auch sichtlich verblüfft. Das Gespräch dauert schließlich so lange und ist so inhaltsvoll, dass man mehrere Episoden daraus schreiben können. Ich weiß gar nicht mehr, ob Auto Straßenverkehr das wirklich gemacht hat – oder es gnadenlos eingekürzt hat. Jedenfalls hat’s einen Mordspaß gemacht. Und mich als jungen Journalisten auch eine Spur stolz, keine Frage.

Wie ein Schlaglicht fällt mir immer wieder ein Bild ein, wie Schumacher sich im Verlauf des Gesprächs höchstpersönlich und mit zäher Beharrlichkeit darum verdient macht, eine Wespe zu verscheuchen, die immer wieder in meine Coladose krabbeln will. Keine Ahnung warum – aber das ist eine Szene, die mir sofort vor Augen kommt, wenn ich an Schumi denken muss.

Ich bleibe überzeugt davon: Ohne die Wende hätte es die Schumania in ihrem damaligen Ausmaß nicht gegeben. Der Osten war extrem motorsportbegeistert, ist es immer noch – ein erstaunlich hoher Anteil der Leser unserer Zeitschrift PITWALK stammt aus den sogenannten Neuen Bundesländern. In den Nachwendejahren, mit all’ dem Hin und Her der Treuhand und dem Niedergang der Ostwirtschaft, mischt sich der Nachholbedarf der Ost-Rennfans mit einer Sehnsucht nach etwas, worüber sie sich freuen und mitfiebern können. Schumacher verkörpert für sie damals den guten Wessi – anders als die Industriebosse und auch viele herablassend agierenden Bundesbürger. An Schumacher können sie sich in Zeiten ihrer enttäuschten Hoffnungen aufrichten. Gleichzeitig darf vor allem in späteren Schumi-Jahren auch erstmals wieder die deutsche Flagge gezeigt werden, ohne dass man dafür von links gleich als Nationalist gebrandmarkt wird. Diese doppelte Zeitenwende findet in Schumacher ihre Projektionsfläche. Schumi ist ein Phänomen und auch ein Gesicht der Nachwendezeit, in der Deutschland sein Gesicht wandelt.

Heute sind die Zeiten anders, deswegen kann man nicht bitter sein, wenn etwa Sebastian Vettel nicht denselben Wahnwitz entfacht wie Schumacher seinerzeit. Jede Zeit hat ihre Helden, und für den Aufstieg von Schumacher kam die Wende und die Folgejahre genau richtig.

Was andersrum übrigens genauso gilt.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 12.07.2019

    Die Formel 1 trägt schon wieder Trauer

    Silverstone ist eigentlich immer einer der wenigen in Europa ausgetragenen Großen Preise, auf die man sich regelrecht freuen kann – wegen der Einzigartigkeit von umgebender Landsch…
  • 11.07.2019

    Geheimwissenschaft

    Wer die Disqualifikation des Manthey-Porsche nach dem 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring verstehen möchte, der muss sich zunächst mit der Balance of Performance als Gesamtkunstw…
  • 26.06.2019

    Stimmung in der Steiermark

    Allein schon der Tunnel. Wenn man normaler Weise unter einer Rennstrecke hindurch muss, um etwa von den Parkplätzen in den Innenbereich zu gelangen, bieten die Unterführungen stets…
  • 20.06.2019

    Vettel-Gate unter der Lupe

    Mächtig viel Palaver. Die Strafe gegen Sebastian Vettel beim vorigen Rennen in Montréal ist auch in Le Castellet immer noch das Topgesprächsthema. Nicht zuletzt deswegen, weil Ferr…
  • 14.06.2019

    Na also

    Die Zukunft ist klar. Ab September 2020 wird die Sportwagen-WM und damit auch das 24 Stunden-Rennen von Le Mans 2021 in der Ersten Liga mit Hypercars beschickt. Am Freitagmorgen be…
  • 13.06.2019

    Vetter-Bericht

    Die Corvette C7.R ist das mit Abstand älteste Auto im Feld der GTE-Pro-Wertung. Und die gelben Muscle Cars gehen in ihr letztes Le Mans – ab 2020 kommt die neue Mittelmotorvariante…
  • 13.06.2019

    Neues aus Hypercarhausen

    Freitag kommt alles raus. Dann werden der Le Mans veranstaltende ACO und der Weltverband FIA das neue Reglement für die Zukunft der Sportwagen-WM ab der übernächsten Supersaison vo…
  • 13.06.2019

    Toyota muss neues Auto bauen

    Sonderschichten bei Toyota: Am heutigen Donnerstag muss TMG einen neuen TS050 aufbauen. Der Wagen von Mike Conway, Kamui Kobayashi und José Mariá Lopez ist im gestrigen ersten Qual…
  • 12.06.2019

    Wo sind die Pferde?

    Dieser Motor ist Stein des Anstoßes bei den Privaten innerhalb der LMP1-Erstligisten: der Gibson-V8, mit dem seit Spa auch das Team von Dr. Colin Kolles unterwegs ist. In der noch …
  • 12.06.2019

    Und was macht das Wetter?

    Mühsam rumpelt sich der Flieger durch heftige Turbulenzen westwärts, in Richtung Paris. Mitten durch die Wolken. Normaler Weise würde der Kapitän jetzt hochziehen oder ein bisschen…
  • 11.06.2019

    Das langsame Erwachen

    Lange Zeit sah es so aus, als schaue die Zukunft des LMP1-Sports bei den 24 Stunden von Le Mans und in der Sportwagen-WM so aus wie dieses Auto hier. Doch seit vergangener Woche ha…
  • 10.06.2019

    Der Preis ist heiß

    Rechtzeitig vor Pfingsten sind die Preise für das aktuelle Gewinnspiel in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK in der Redaktion eingetroffen. Seht Ihr? Das da oben sind jene E…
2019 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA