+++ 2020-02-28 08:44 : Neue Fotogalerie – mehr Details zum neuen Glickenhaus fürs 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Unter PITLIVE // Bilder des Tages +++ 2020-02-27 19:47 : Neuer Podcast online – Katar-Marathonrallye, Sportwagen-WM Austin, Formel 1-Teste und Änderungen im Kalender wegen des Corona-Virus +++ 2020-02-27 17:47 : Neuer Blog online – das erste Foto des Glickenhaus für die Nordschleife +++
BACK

04.01.2019

Der Udo Lindenberg des Motorsports?


Meine ersten beiden Begegnungen mit Michael Schumacher gehen kurioser Weise beide auf Initiative von Zeitschriften aus der ehemaligen DDR zurück. Eine Tatsache, die bei der Analyse dessen, was später zur „Schumania“ werden wird, rückblickend wie ein Menetekel wirkt. Denn dass Schumi so groß wurde, wie er ist, geht auch zurück auf die Zeit, in der er sich als Phänomen ereignete – die Jahre nach der Wende.

Zum ersten Mal treffen wir uns bei einem Gruppe C-Rennen auf dem Nürburgring, Schumacher ist damals Mercedes-Junior im Sauber-Werksrennstall für mächtigen Sportwagen der goldenen Ära des Langstreckensports. Damals hat der Axel-Springer-Verlag, beziehungsweise eine Tochtergesellschaft, gerade den ostdeutschen Titel „illustrierter motorsport“ übernommen, und für eine Weile sah es so aus, als solle der neben „rallye racing“ weitergeführt werden. Ich bin da gerade im Praktikum am Hamburger Gänsemarkt, und man ließ mich auf den Eifel-Auftritt der Sportwagen-WM los.

Schumacher gilt als Totalen, also suche ich ihn und treffen auf einen kurz angebundenen, mürrisch wirkenden jungen Mann ohne große Auskunftsfreudigkeit. Grantig sein kann ich aber auch allein, also rede ich lieber mit seinem Co-Junioren Karl Wendlinger, der deutlich sympathischer erscheint.

Erst später wird sich rausstellen, dass Schumacher nicht abweisend sein will, sondern dass seine Scheu und sein Misstrauen allem und allen Fremden gegenüber diese Mauer des falschen Eindrucks aufgebaut hat – seinerzeit ist Schumi tatsächlich noch schüchtern.

Ein paar Jahre später, „ims“ ist längst eingestellt, bin ich neben meiner Anstellung bei der Motor-Presse Stuttgart Freier Mitarbeiter von „Auto Straßenverkehr“, denn die Schwaben haben den Berliner Titel nach der Wende gekauft und wollen ihn mit einem eigenen Gesicht am gesamtdeutschen Markt halten und etablieren. Das ist spannend, genau wie „ims“ spannend gewesen wäre – ich habe mir über Brieffreundschaften beide Zeitschriften schon aus der DDR schicken lassen, als die Mauer noch stand, weil mich – als Westler – das deutsch-deutsche Thema aus allen Facetten schon seit meiner Kindheit fasziniert hat.

Schumacher ist da schon Weltmeister und fährt noch Benetton. Der ebenso selbstverständlich wie nonchalant vorgetragene Wunsch der Auto Straßenverkehr-Chefredaktion nach einem Exklusivinterview mit ihm ist in etwa so einfach wie die Suche nach der Blauen Mauritius. Aber irgendwie macht Schumis damaliger Pressesprecher Heiner Buchinger – ein ehemaliger „sport auto“-Chefredakteur mit einem gewaltigen Gespür für Journalismus, Themen und die Menschen und Leistungen der Reporter – es möglich. Bei einem Test in Barcelona sei Zeit für ein langes Gespräch.

Damals funktioniert die Recherche in der Formel 1 noch besser als heute. Es gibt kein Testlimit, jeder konnte fahren, wo und wann er wollte. Und bei den Tests entstehen für die Fahrer immer wieder Leerlaufzeiten, wenn die Mechaniker das Auto mit einer neuen Abstimmung versehen. Diese Pausen nutzen die Presseleute dann konsequent, um Einzelinterviews anzusetzen. Man muss einfach ein, zwei Tage an der Strecke sein – und warten, bis sich im Testverlauf solch’ ein Fenster auftut.

Schumacher hat sich diese Zeit immer gern genommen, so auch in Barcelona. Allerdings ist von Buchinger die wohlmeinende Warnung gekommen, ich solle mir für die ersten Fragen gleich ein Thema einfallen lassen, dass Schumi überrasche und über das er nachdenken müsse. Bei Fragen, die er schon hundertfach gehört habe, schalte er geistig ab und spule nur ein Routineantwortprogramm ab.

In Ostdeutschland ist damals gerade eine Welle von rechter Hetze ausgebrochen, und Schumacher ist eine der nationalen Identifikationsfiguren. Also frage ich ihn, ob er Schiss hätte, von den neuen Braunen als Anker missbraucht zu werden und ob er mit seiner vorhandenen Strahlkraft etwas tun könne, um diesem Trend aktiv entgegenzuwirken. Quasi wie ein Udo Lindenberg des Sports.
Am Abend im Hotel ist Buchinger immer noch platt von diesem Einstieg, und Schumacher selbst zeigt sich auch sichtlich verblüfft. Das Gespräch dauert schließlich so lange und ist so inhaltsvoll, dass man mehrere Episoden daraus schreiben können. Ich weiß gar nicht mehr, ob Auto Straßenverkehr das wirklich gemacht hat – oder es gnadenlos eingekürzt hat. Jedenfalls hat’s einen Mordspaß gemacht. Und mich als jungen Journalisten auch eine Spur stolz, keine Frage.

Wie ein Schlaglicht fällt mir immer wieder ein Bild ein, wie Schumacher sich im Verlauf des Gesprächs höchstpersönlich und mit zäher Beharrlichkeit darum verdient macht, eine Wespe zu verscheuchen, die immer wieder in meine Coladose krabbeln will. Keine Ahnung warum – aber das ist eine Szene, die mir sofort vor Augen kommt, wenn ich an Schumi denken muss.

Ich bleibe überzeugt davon: Ohne die Wende hätte es die Schumania in ihrem damaligen Ausmaß nicht gegeben. Der Osten war extrem motorsportbegeistert, ist es immer noch – ein erstaunlich hoher Anteil der Leser unserer Zeitschrift PITWALK stammt aus den sogenannten Neuen Bundesländern. In den Nachwendejahren, mit all’ dem Hin und Her der Treuhand und dem Niedergang der Ostwirtschaft, mischt sich der Nachholbedarf der Ost-Rennfans mit einer Sehnsucht nach etwas, worüber sie sich freuen und mitfiebern können. Schumacher verkörpert für sie damals den guten Wessi – anders als die Industriebosse und auch viele herablassend agierenden Bundesbürger. An Schumacher können sie sich in Zeiten ihrer enttäuschten Hoffnungen aufrichten. Gleichzeitig darf vor allem in späteren Schumi-Jahren auch erstmals wieder die deutsche Flagge gezeigt werden, ohne dass man dafür von links gleich als Nationalist gebrandmarkt wird. Diese doppelte Zeitenwende findet in Schumacher ihre Projektionsfläche. Schumi ist ein Phänomen und auch ein Gesicht der Nachwendezeit, in der Deutschland sein Gesicht wandelt.

Heute sind die Zeiten anders, deswegen kann man nicht bitter sein, wenn etwa Sebastian Vettel nicht denselben Wahnwitz entfacht wie Schumacher seinerzeit. Jede Zeit hat ihre Helden, und für den Aufstieg von Schumacher kam die Wende und die Folgejahre genau richtig.

Was andersrum übrigens genauso gilt.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 27.02.2020

    Das ist der neue Glickenhaus!

    Der neue GT3-Killer für das 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring hat seinen Testbetrieb aufgenommen, und so sieht er aus: der Glickenhaus SCG 004C, dessen erstes Foto vom Roll-Out…
  • 26.02.2020

    Aus der Bahn

    Der Alltag ist die beste Teststrecke. Gerade im großen Themenbereich, der im Moment alle umtreibt: Nachhaltigkeit und Mobilität der Zukunft. Also haben wir in der neuen Ausgabe der…
  • 24.02.2020

    Der englische Patient

    Es war wohl so eine Art Vorahnung, wegen der wir bei der Bebilderung der Hypercar-Geschichte in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK auf jegliches Motiv von Aston Martin verzi…
  • 23.02.2020

    Aktenzeichen El Chueco

    Heute ist ein ganz besonderer Tag in der Motorsportgeschichte. Und gleichzeitig einer, der immer wieder vergessen wird. Denn am heutigen Sonntag ist wieder Jahrestag des größten Ve…
  • 22.02.2020

    Trio R-Fernale

    Oft ist die Geschichte hinter der Geschichte die viel interessantere. So war es auch bei einem Termin am Dienstag jener Woche, in der das aktuelle Heft von PITWALK in Druck ging. K…
  • 21.02.2020

    Die linke und die rechte Hand

    Rob Huff wird in der kommenden Saison nicht im Tourenwagen-Weltpokal an den Start gehen. Der Exweltmeister aus Cambridge hat keinen Platz mehr gefunden, nachdem sich VW aus dem Kun…
  • 20.02.2020

    Das steckt alles drin

    Nun ist es endlich da – das Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK. In wenigen Tagen steht der Versand von Heft 53 an, damit alle Abonnenten und Vorabbestelle…
  • 19.02.2020

    Recherche-Marathon

    PITWALK-Chef Norbert Ockenga auf heißem Pflaster: auf dem Ulman-Straight, der langen Gegengeraden hinter dem Fahrerlager von Sebring in Florida. So begann vor etwas mehr als einem …
  • 18.02.2020

    In Druck gegangen

    Die Maschinen laufen schon wieder. Seit dem heutigen Dienstag ist die nächste Ausgabe der Zeitschrift PITWALK in Druck. Wenn alles plangemäß läuft, erhalten die Abonnenten und Vora…
  • 17.02.2020

    Toyota auf Probe

    Kuba Prygonski und sein deutscher Beifahrer Timo Gottschalk verlassen ihr bisheriges Team X-Raid. Bereits für den Weltcuplauf in Katar, der am kommenden Woche auf dem Programm steh…
  • 16.02.2020

    Schnee-Treiben

    Alle reden übers Wetter. Auch bei der Rallye Schweden. Die Winterfestspiele des Motorsports, die wir in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK noch als Reisetipp rausgearbei…
  • 15.02.2020

    Das neue Heft driftet herein

    Das erste Heft des neuen Jahrgangs ist so gut wie fertig. Ein paar Handgriffe noch, dann sind 180 Seiten voller exklusiver Themen wieder so weit, dass die 53. Ausgabe von PITWALK i…
2020 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA