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04.01.2019

Der Udo Lindenberg des Motorsports?


Meine ersten beiden Begegnungen mit Michael Schumacher gehen kurioser Weise beide auf Initiative von Zeitschriften aus der ehemaligen DDR zurück. Eine Tatsache, die bei der Analyse dessen, was später zur „Schumania“ werden wird, rückblickend wie ein Menetekel wirkt. Denn dass Schumi so groß wurde, wie er ist, geht auch zurück auf die Zeit, in der er sich als Phänomen ereignete – die Jahre nach der Wende.

Zum ersten Mal treffen wir uns bei einem Gruppe C-Rennen auf dem Nürburgring, Schumacher ist damals Mercedes-Junior im Sauber-Werksrennstall für mächtigen Sportwagen der goldenen Ära des Langstreckensports. Damals hat der Axel-Springer-Verlag, beziehungsweise eine Tochtergesellschaft, gerade den ostdeutschen Titel „illustrierter motorsport“ übernommen, und für eine Weile sah es so aus, als solle der neben „rallye racing“ weitergeführt werden. Ich bin da gerade im Praktikum am Hamburger Gänsemarkt, und man ließ mich auf den Eifel-Auftritt der Sportwagen-WM los.

Schumacher gilt als Totalen, also suche ich ihn und treffen auf einen kurz angebundenen, mürrisch wirkenden jungen Mann ohne große Auskunftsfreudigkeit. Grantig sein kann ich aber auch allein, also rede ich lieber mit seinem Co-Junioren Karl Wendlinger, der deutlich sympathischer erscheint.

Erst später wird sich rausstellen, dass Schumacher nicht abweisend sein will, sondern dass seine Scheu und sein Misstrauen allem und allen Fremden gegenüber diese Mauer des falschen Eindrucks aufgebaut hat – seinerzeit ist Schumi tatsächlich noch schüchtern.

Ein paar Jahre später, „ims“ ist längst eingestellt, bin ich neben meiner Anstellung bei der Motor-Presse Stuttgart Freier Mitarbeiter von „Auto Straßenverkehr“, denn die Schwaben haben den Berliner Titel nach der Wende gekauft und wollen ihn mit einem eigenen Gesicht am gesamtdeutschen Markt halten und etablieren. Das ist spannend, genau wie „ims“ spannend gewesen wäre – ich habe mir über Brieffreundschaften beide Zeitschriften schon aus der DDR schicken lassen, als die Mauer noch stand, weil mich – als Westler – das deutsch-deutsche Thema aus allen Facetten schon seit meiner Kindheit fasziniert hat.

Schumacher ist da schon Weltmeister und fährt noch Benetton. Der ebenso selbstverständlich wie nonchalant vorgetragene Wunsch der Auto Straßenverkehr-Chefredaktion nach einem Exklusivinterview mit ihm ist in etwa so einfach wie die Suche nach der Blauen Mauritius. Aber irgendwie macht Schumis damaliger Pressesprecher Heiner Buchinger – ein ehemaliger „sport auto“-Chefredakteur mit einem gewaltigen Gespür für Journalismus, Themen und die Menschen und Leistungen der Reporter – es möglich. Bei einem Test in Barcelona sei Zeit für ein langes Gespräch.

Damals funktioniert die Recherche in der Formel 1 noch besser als heute. Es gibt kein Testlimit, jeder konnte fahren, wo und wann er wollte. Und bei den Tests entstehen für die Fahrer immer wieder Leerlaufzeiten, wenn die Mechaniker das Auto mit einer neuen Abstimmung versehen. Diese Pausen nutzen die Presseleute dann konsequent, um Einzelinterviews anzusetzen. Man muss einfach ein, zwei Tage an der Strecke sein – und warten, bis sich im Testverlauf solch’ ein Fenster auftut.

Schumacher hat sich diese Zeit immer gern genommen, so auch in Barcelona. Allerdings ist von Buchinger die wohlmeinende Warnung gekommen, ich solle mir für die ersten Fragen gleich ein Thema einfallen lassen, dass Schumi überrasche und über das er nachdenken müsse. Bei Fragen, die er schon hundertfach gehört habe, schalte er geistig ab und spule nur ein Routineantwortprogramm ab.

In Ostdeutschland ist damals gerade eine Welle von rechter Hetze ausgebrochen, und Schumacher ist eine der nationalen Identifikationsfiguren. Also frage ich ihn, ob er Schiss hätte, von den neuen Braunen als Anker missbraucht zu werden und ob er mit seiner vorhandenen Strahlkraft etwas tun könne, um diesem Trend aktiv entgegenzuwirken. Quasi wie ein Udo Lindenberg des Sports.
Am Abend im Hotel ist Buchinger immer noch platt von diesem Einstieg, und Schumacher selbst zeigt sich auch sichtlich verblüfft. Das Gespräch dauert schließlich so lange und ist so inhaltsvoll, dass man mehrere Episoden daraus schreiben können. Ich weiß gar nicht mehr, ob Auto Straßenverkehr das wirklich gemacht hat – oder es gnadenlos eingekürzt hat. Jedenfalls hat’s einen Mordspaß gemacht. Und mich als jungen Journalisten auch eine Spur stolz, keine Frage.

Wie ein Schlaglicht fällt mir immer wieder ein Bild ein, wie Schumacher sich im Verlauf des Gesprächs höchstpersönlich und mit zäher Beharrlichkeit darum verdient macht, eine Wespe zu verscheuchen, die immer wieder in meine Coladose krabbeln will. Keine Ahnung warum – aber das ist eine Szene, die mir sofort vor Augen kommt, wenn ich an Schumi denken muss.

Ich bleibe überzeugt davon: Ohne die Wende hätte es die Schumania in ihrem damaligen Ausmaß nicht gegeben. Der Osten war extrem motorsportbegeistert, ist es immer noch – ein erstaunlich hoher Anteil der Leser unserer Zeitschrift PITWALK stammt aus den sogenannten Neuen Bundesländern. In den Nachwendejahren, mit all’ dem Hin und Her der Treuhand und dem Niedergang der Ostwirtschaft, mischt sich der Nachholbedarf der Ost-Rennfans mit einer Sehnsucht nach etwas, worüber sie sich freuen und mitfiebern können. Schumacher verkörpert für sie damals den guten Wessi – anders als die Industriebosse und auch viele herablassend agierenden Bundesbürger. An Schumacher können sie sich in Zeiten ihrer enttäuschten Hoffnungen aufrichten. Gleichzeitig darf vor allem in späteren Schumi-Jahren auch erstmals wieder die deutsche Flagge gezeigt werden, ohne dass man dafür von links gleich als Nationalist gebrandmarkt wird. Diese doppelte Zeitenwende findet in Schumacher ihre Projektionsfläche. Schumi ist ein Phänomen und auch ein Gesicht der Nachwendezeit, in der Deutschland sein Gesicht wandelt.

Heute sind die Zeiten anders, deswegen kann man nicht bitter sein, wenn etwa Sebastian Vettel nicht denselben Wahnwitz entfacht wie Schumacher seinerzeit. Jede Zeit hat ihre Helden, und für den Aufstieg von Schumacher kam die Wende und die Folgejahre genau richtig.

Was andersrum übrigens genauso gilt.


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