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28.06.2018

Der Schmarrn von Schiris und Spokos


Geht es Ihnen nicht auch so? Diese Geste von den Schiedsrichtern, das ausladend und weit ausholend zum Rechteck wirbeln mit den Armen – ich kann es schon nach der Vorrunde nicht mehr sehen. Es ist eines der Un-Symbole der Fußball-WM schlechthin.

Ich mag nicht darüber diskutieren, ob der Videobeweis nun gut oder schlecht sei, dazu kenne ich mich im Fußball bei weitem nicht gut genug aus. Aber dieser olle Luft-Bildschirm weckt bei mir ganz andere Assoziationen: an zu viel Macht bei den Autoritäten, die sich damit unweigerlich zu wichtig nehmen.

Genau so ist es derzeit im Motorsport auch. Denn seit einiger Zeit schon spielen sich die Sportkommissare – quasi die Schiris des Rennsport – in einer Art und Weise in den Vordergrund, die mal zumindest einen schalen Beigeschmack hinterlässt.

Plakativstes Beispiel: Warum muss man Sebastian Vettel für seine Startkollision mit Valtteri Bottas beim letzten Rennen in Le Castellet bestrafen?
Ganz offensichtlich nur, um sich hervortun zu können, doch etwas unternommen zu haben.

Denn einen echten Grund für eine Strafe gibt es nicht. Klar, Vettel ist mit bemerkenswerter Tollpatschigkeit in den Finnen reingeklötert, ein fürwahr unweltmeisterlicher Fehler. Aber eben auch genau das: ein Fehler. Keine Absicht, kein Foul, sondern nur Ungeschicklichkeit.

Genau so muss man das dann auch einordnen: Man muss erkennen, dass hinter dem Manöver keine Absicht steckte, und entsprechend auch mal Fingerspitzengefühlt walten lassen.

In den allermeisten Fällen kann man mit ein bisschen Sachkunde erkennen, wenn ein Fahrer einen anderen absichtlich aufs Korn nimmt. Im Touren- und Sportwagensport sowieso, dort genügt ein Blick, und man sieht, ob der Pilot mit schändlicher Präzision Augenmaß genommen hat und dem Vordermann genau so auf die Ecke gefahren ist, dass der sich drehen musste – er selbst aber unbeschadet davon kam.

Das ist strafwürdig, dann aber auch nicht nur mit fünf Sekunden, sondern mit einer Durchfahrtstrafe. Denn es ist eine grobe Unsportlichkeit.

Wenn aber beim Fußball ein Zusammenprall entsteht, weil der herannahende Verteidiger erst dann beim Gegner ankommt, wenn der den Ball längst weitergespielt hat – dann ist das kein Foul, sondern ein unglücklicher Zusammenprall. Das muss man auch in Zeiten von in die Luft gemalten Monitoren immer noch unterscheiden.

Auf der Rennstrecke heißt das für mich: Wenn im Getümmel oder bei einem nötigen forschen Ausbremsversuch etwas schiefgeht, dann muss man das nicht sofort mit einer Strafe belegen. Das sollte man nur tun, wenn ersichtlich Absicht im Spiel ist. Vettel hat gezeigt, dass er auch foul spielen kann, dann muss man ihn bestrafen, aber im Falle von Le Castellet war die Strafe völlig unverhältnismäßig.

Auch wenn Niki Lauda – ausgerechnet der – lamentiert hat. Der Wiener müsste aus seiner aktiven Zeit noch am besten wissen, dass solche Fehltritte passieren können – und dass man die auch unter Männern aus der Welt schaffen kann.

Es gibt viele Beispiele in letzter Zeit, wo Strafen übers Ziel hinausgeschossen sind, weil die Sportkommissare mit einer Mischung aus Starrhalsigkeit, Beamtenmentalität und Wichtigtuerei agieren. Bei den 24 Stunden von Le Mans hätte man Toyota-Fahrer Kamui Kobayashi niemals zwei Mal büßen lassen müssen, nur weil der eine Runde zu lang fuhr, nachdem er die pünktliche Anfahrt zu seinem Tankstopp verschusselt hatte – denn er musste ohnehin schon in langsamer Fahrt und teils nur auf dem Strom aus dem Hybridsystem fahren, um überhaupt noch die Box zu erreichen, das allein hat seinen Wagen schon den Sieg gekostet. Und das DTM-Fiasko auf dem Hungaroring mit drei Ausrutschern in der Boxengasse im strömenden Regen? Niemals ein strafbarer Akt. Außer, der Rennleiter des kriselnden DTM muss damit von seinem eigenen Fehler ablenken, nicht schon nach dem ersten Unfall die unausweichlich nötige Rote Fahne gezückt zu haben.

Solche Strafenhagel mit übertriebenen Strafmaßnahmen führen nur zu einem: Die Fahrer agieren übervorsichtig, die Rennen werden dadurch zu langweiligen Prozessionen wie am Palmsonntag im Vatikan.

Ein alter Spruch meines Entdeckers und langjährigen Chefredakteurs Günther Frauenkron hat weiterhin Gültigkeit: „Funktionäre sollen vor allem eines – funktionieren.“ Dazu gehört auch, dass sie – wie gute Schiris – weitgehend unbemerkt agieren. Und nicht dauernd Bildschirme in die Luft malen oder alle Nase lang Kontrollmitteilungen auf die Zeitnahmemonitore schicken.


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