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24.09.2020

Der neue Formel 1-Boss


Die Formel 1 kriegt einen neuen Chef. Stefano Domenicali löst den US-Amerikaner Chase Carey ab – in der Erbfolge von Bernie Ecclestone. Das Fahrerlager überschlägt sich schier vor Begeisterung, seit die Personalie in der vergangenen Woche öffentlich wurde – denn man traut Domenicali zu, die Formel 1 als Sport und nicht nur als Unterhaltung zu betrachten.

Aber warum?

Der Italiener kommt von Lamborghini, dort war er bislang der Boss. Doch der VAG-Konzern liebäugelt damit, die Marke zu verkaufen – die Verschlankung, der auch die Luxusmarken Bentley und Bugatti zum Opfer fallen dürften, ist immer noch eine Spätfolge des Dieselskandals und der Transformation hin zu E-Mobilität. Dabei hat Lamborghini gerade erst die Kurve gekriegt, verdient dank eines Luxus-SUV erstmals seit langem und als eine der wenigen Konzermarken neben Porsche sogar wieder Geld. Doch ein Verkauf spült kurzfristig mehr Geld auf die Wolfsburger Konten als ein beharrliches Abschöpfen kleinerer Überschüsse, also gibt das Management die italienische Kultmarke zum Feilschen frei.

Das ist ein Trend, den auch andere Großmarken schon erleben mussten. Ford hatte einst die Nobelmarken Jaguar und Aston Martin sowie in den USA auch Lincoln und Mercury, dazu noch Volvo und Mazda in einem Konzern vereint – und sie dann bis auf die beiden US-Marken und das Blaue Oval alle wieder verkauft, weil ein solches Konglomerat nicht sinnvoll zu führen war. VW wollte diese Tendenz nicht wahrhaben und es besser machen, geht nun aber auch den Veräußerungsweg.

Für Domenicali scheint diese Perspektive zu wackelig zu sein. Er griff offenbar sofort zu, als das Angebot kam, den Großen Vorsitzenden der Formel 1 zu geben.

Die Verpflichtung ist ein zweischneidiges Schwert. Denn einerseits ist Domenicali in seinem Berufsleben im Motorsport großgeworden, bei Ferrari. Dort war er zuletzt Personalchef, ist dann zum Teamchef berufen worden – und hat sodann alle Weichen fürs seinerzeit neue Hybridregelwerk falsch gestellt, sodass jener Abschwung begann, der heute voll durchschlägt.

Diejenigen, die den hageren Brillenträger jetzt loben, berufen sich darauf, dass unter seiner Ägide als Teamchef der letzte WM-Titel für die Roten aus Maranello gefallen sei. Das stimmt zwar – aber der Erfolg fußte noch auf jenem Fundament, dass Jean Todt als Teamchef und Ross Brown als Techniker sowie Michael Schumacher als Fahrer gelegt hatten. Es war quasi die letzte Ernte aus einem Boden, der schon am Ausmergeln war, aber den Bäumen noch ein Mal genug Nahrung für die letzten Früchte geben konnte.

Die falsche Strategie von Domenicali hat zu einer ganzen Reihe von Motoränderungen und -nachrüstungen geführt. Unter anderem musste die Position des Turboladers verlegt und eine Vorkammerzündung nachgerüstet werden. Bei beiden Details hatte Mercedes den besseren Weg eingeschlagen, Ferrari konnte bis 2019 mühsam, aber doch aufholen – bis dann bei der Entwicklung für den diesjährigen Wagen der nächste Fehler gemacht wurde. Nämlich, sich nur noch auf einen neuen eigenen Windkanal zu verlassen und nicht mehr – wie früher – jenen bei den Le Mans-Siegern Toyota Gazoo Racing zu mieten. Aber für den letzten Missgriff konnte Domenicali nichts mehr. Für die falsch gesetzten Schwerpunkte bei der Entwicklung des ersten Hybridturbos dagegen sehr wohl.

Und Domenicali kommt aus einer Zeit, als die Formel 1 noch völlig anders funktioniert hat: aus der Hochphase der Werksteams. Er selbst war ein Verfechter von umständlichem Konzerndenken auch in Rennteams. Das hat er von seinem Posten als Personalchef mitgebracht. Martin Whitmarsh, sein Freund, hat bei McLaren denselben Fehler mit zu vielen Hierarchien und zu umständlichen Entscheidungswegen gemacht, das Team hat sich bis heute nicht davon erholt. Jetzt mutmaßen englische Szenekenner: Domenicali werde Whitmarsh, bei McLaren längst vom Hof gejagt, nachziehen in eine führende Position der neuen Formel 1-Chefetage.

Das wirkt alles wie ein Rückschritt in eine Ära, die nicht mehr wiederkommen wird. Nach Aufbruch und einer Anpassung an ein geändertes Medien- und Freizeitverhalten sieht all’ das nicht aus.

Andererseits hat die Führung der Königsklasse unter Chase Carey auch zu lange nur an Nebenkriegsschauplätzen rumgedoktert: Abschaffung von Grid Girls als Übersprungshandlung auf die MeToo-Bewegung, Verlegung der Startzeiten auf eine krumme Uhrzeit. Erst auf Druck von Corona und den Teams hat man sich an große Reformen getraut. In einem Ausmaß, gegen die sich Ferrari immer gesperrt hat. Auch schon zu Domenicalis Zeiten.

Und der Italiener muss jetzt keine sportlichen Entscheidungen für ein Team mehr treffen, sondern die ganze Serie managen. Das ist eine Aufgabe, die er bei seinen Stationen – Ferrari, Audi und Lamborghini – gelernt haben könnte. Wenn er diese Erfahrung mit dem Wissen aus der Formel 1 paart, mag dabei etwas mehr herauskommen als unter der Regie von Carey.

Und die Verpflichtung von Domenicali wischt ein großes Bedenken vom Tisch, das die Branche schon seit er Übernahme von Liberty Media als Nachfolge von Bernie Ecclestone umgetrieben hat: dass das Medienunternehmen die Rennserie nur als Investition sieht und die Rechte an der Formel 1 bei nächster Gelegenheit gewinnbringend abstoßen will.

Das hat sich durch Covid-19 eh’ erst mal erledigt, denn die Aktie der Formel 1 ist zusammengeschnurrt, die Kosten laufen den Ausrichtern davon, das ganze wirtschaftliche Fundament wackelt. Nicht zuletzt deshalb, weil die Geisterrennen viel zu wenig Geld in die Kasse bringen – mangels Antrittsgeldern der Rennausrichter.

Domenicali findet in seinem neuen Büro einen Berg voller Probleme. Erst ist ein ruhiger, besonnener Mann, der diese Schwierigkeiten in aller Ruhe abarbeiten wird. Doch ein sicherer Arbeitsplatz sieht anders aus. Zumal sich hinter die Kulissen hartnäckig die Gerüchte halten, dass Toto Wolff nicht mehr lange Mercedes-Rennleiter bleiben werde, sondern sich viel mehr für den Posten als oberster Formel 1-Boss interessiere.

Womöglich muss der Wiener bloß abwarten, bis auch Domenicali die Aufgabe zu groß geworden ist.


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