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07.07.2016

Der kleine Unterschied


Die Pfiffe von Österreich hallen immer noch nach. Denn solch eine brüske Reaktion des Publikums ist für den Motorsport – selbst für die exponierte Formel 1 – höchst ungewöhnlich.

Noch bei den 24 Stunden von Le Mans habe ich während unserer Eurosport-Liveübertragung im Fernsehen mit dem Schauspieler Richy Müller – als Kommissar Lannert Hauptdarsteller im Stuttgarter „Tatort“ – genau darüber philosophiert. Richy Müller war als begeisterter Motorsport-Fan und Eurosport-Zuschauer bei uns in der Kommentatorenkabine zu Gast – und lobte die Atmosphäre in Le Mans sinngemäß als feierwütig, aber freundlich und stilvoll. Und Richy Müller bemühte auch ausdrücklich den Vergleich mit der so anderen Stimmung im Umfeld von Fußball-Spielen.
Genau diese Art der Fankultur hat mich am Rennsport genau so begeistert, wie sie mich beim Fußball abgetörnt hat. Okay, bei den 24 Stunden-Rennen am Nürburgring geht’s nachts auch zu wie früher bei der Auricher Vorort-Disco „Dieling“ samstags nach Mitternacht. Aber das ist auch das einzige Rennen, das ich kenne, bei dem ein solches flaches Niveau herrscht.

Sonst regiert die Begeisterung für den Sport. Natürlich haben die einzelnen Fans Vorlieben für diesen oder jenen Fahrer. Aber deswegen werden die anderen Akteure nicht despektierlich behandelt oder herabgewürdigt.

Silverstone jetzt am Wochenende steht als leuchtendes Beispiel dafür: Das Rennen ist lange ausverkauft, und über 95 Prozent der Fans will sehen, dass Lewis Hamilton seinen Rückstand auf Nico Rosberg signifikant eindampft. Aber dennoch wird Rosberg nicht ausgebuht, um Hamilton zu stützen.
Und es weist eine andere Qualität auf, Hamilton zuzujubeln und anzufeuern – als seinen Kontrahenten in Grund und Boden zu pfeifen.
Woher kommt die plötzliche Neigung mancher Formel 1-Fans zu Pfeifkonzerten? Immerhin war Spielberg nicht der einzige Ausrutscher der letzten Zeit. Der langjährige Formel 1-Pilot Mark Webber vertritt dazu seine ganz eigene Theorie: Sebastian Vettel habe durch das permanente In-die-Kamera-Halten seines „Vettel-Fingers“ nach Siegen, durch seine demonstrative und Ich-bezogene Freude viel dazu beigetragen, dass die Fahrer nach außen als ähnliche Egomanen wie Fußballspieler rüberkämen.

Klingt zunächst komisch, aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, hat der Gedanke was für sich. Denn über Jahrzehnte hinweg fühlte man die Freude der Fahrer immer eine Spur weit offen und großherzig; der einzelne Finger hingegen versinnbildlicht die Nachricht: „Ich war’s; ich ganz allein.“
Wenn Vettel diese Attitüde verströmt hat, dann am Anfang sicher unbewusst und ohne darüber nachzudenken. Aber er hat der Stimmung damit keinen Gefallen getan. Und letztlich hat er sich kurz vorm Pfeifkonzert in Österreich selbst entzaubert – als er nach seinem Reifenschaden auf Start/Ziel wehr- und hilflos einfach rechts in die Mauer abbog.

Hat Sie der Plattfuß nicht auch sofort an Adelaide 1986 erinnert, als Nigel Mansell mitten im WM-Finale ein Hinterreifen um die Ohren flog? Ebenfalls bei voller Fahrt auf der Geraden, allerdings ein breiterer Pneu mit viel mehr Haftkraft an einem brachialeren Auto. Mansell und Vettel kämpften beide mit dem schlagartig ausbrechenden Auto, um einen Unfall bei hohem Tempo zu vermeiden.

Vettel hat seinen Kampf ähnlich unspektakulär verloren wie die saftlosen Slowaken ihr Achtelfinalspiel gegen Deutschland bei der EM. Mansell dagegen hielt seinen Williams unter Kontrolle, bändigte das wild schlingernde Biest und führte es geradeaus in einen Notausgang, wo er es wie ein Drachentöter seinen letzten Seufzer tun ließ.

Der direkte Vergleich der Bilder nach den Reifenschäden zeigt eindrucksvoll, welche Generation die besseren Rennfahrer, die Piloten mit der besseren Fahrzeugbeherrschung, gestellt hat.

Schade, dass diese Zeiten vorbei sind. Und dass stattdessen mancherorts gepfiffen wird wie im Fußball-Stadion. Brrrr!
Da ist das Rennen am Wochenende sicher ein Labsal. Denn es findet in England statt, dem Mutterland des Motorsports, der Fankultur und des Fairplay nach dem Motto „Hard but Fair.“ Und da seit dem Aus von Wales am Mittwoch auch die Fußball-EM uninteressant geworden ist, können wir den Silverstone-Grand Prix von ganzem Herzen genießen.


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