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28.11.2019

Der große Irrtum der Elektrofraktion


Wer sich zu sehr treiben lässt, läuft Gefahr, irgendwann abzudriften. Auch vom Zeitgeist. So geht es gerade der Formel 1. Um Greta Thunberg und Co. in vorauseilendem Gehorsam gerecht zu werden, gab’s vor Kurzem eine Pressemitteilung, die Serie wolle bis zu einem gewissen Zeitpunkt kohlenstoffdioxidneutral werden.

Die genaue Jahreszahl kenne ich nicht, denn ich habe den Stuss nicht mal gelesen. Schließlich ist es die Antwort auf eine Frage, die keiner gestellt hatte. Genau wie die Abschaffung der „Grid Girls“ im Zuge der damals überkochenden „Me too“-Debatte.

So etwas passiert, wenn man sich zu sehr in die Abhängigkeit von Werken und Konzernen mit ihren überkandidelten Complianceregeln begibt. Man muss seinen Acker so bestellen, dass er politisch korrekt ist, damit die Werke trotz aller Bedenkenträger und Kontrollinstanzen darauf säen können.

Dass der wahre Charakter des Sports dabei auf der Strecke bleibt, interessiert die Serienbetreiber nicht, und die Vertreter der Hersteller schon mal gleich drei Mal nicht.

Da kam der Schuss vor den Bug am vergangenen Wochenende gerade recht. Da nämlich beging die Formel E ihren Saisonauftakt in Riad. Die Serie für rein elektrisch betriebene Monoposti erfährt seit dem Dieselskandal einen Boom, weil alle VAG-Marken sich von dem Betrügerimage grünwaschen müssen und die anderen Hersteller prophylaktisch gleich mitziehen. Denn auch sie fühlen sich als Umweltsünder verschrien, wehren sich aber nicht wie die Landwirte mit ihren Treckerdemos, sondern kuschen vor dem Aktionismus.

Die Quittung haben sie in Saudi-Arabien gekriegt: 700 Zuschauer auf der Tribüne. Keine Berichterstattung in Medien mit Breitenwirkung, nur ein paar Influencer oder eingeladene Journalisten, und Fernsehquoten wie beim Breitensport. Porsche, BMW, Mercedes, Audi, Jaguar, Nissan – in den Marketingabteilungen muss es nach Auswertung der Mediadaten ganz schön trist ausgesehen haben.

Man muss sich das mal bildlich genau vorstellen. Zu einer Rennserie, in der sich sieben internationale Hersteller engagieren, darunter alle wichtigen deutschen, kommen etwa fünf Prozent der Zuschauerzahlen, die bei einem offenen Speedwayrennen in Norden erscheinen – und das wird von einem ehrenamtlich geführten Motorsportverein organisiert, ohne Marketingetat und sündhafte teure Kommunikationsagenturen im Hintergrund. „Nuff said“, sagt der Engländer, damit ist alles gesagt.

Die Formel E kommuniziert an der eigenen Wahrheit vorbei und schadet damit den engagierten Herstellern direkt. Und doch wird sie von Marketingmenschen als das Allheilmittel für die Rufschädigung durch Abschalteinrichtungen, Feinstaubausstoß und unrealistische Verbrauchswertangaben gesehen.

Selbst bei Daimler, dem Dauerweltmeister in der Formel 1, ist das Engagement in der Königsklasse unter Druck geraten, weil die Formel E von Marketingleuten als grünere, opportunere Alternative propagiert wird. Zum Teil haben sie sogar recht: Wir haben in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK gerade enthüllt, dass Mercedes trotz vieler von den Gegnern abgeworbenen Sponsoren und aller sportlichen Erfolge, die mit Preisgeldausschüttungen verbunden sind, immer noch ein dickes Minus mit dem Rennteam schreibt. Die Summe ist so groß, dass auch die erzielte Reklame- und Öffentlichkeitswirkung sie nicht rechtfertigen kann. Und in Zeiten der Transformation vom Verbrenner zum E-Motor muss jeder Konzern sparen. Meint er zumindest. Da kommt die günstigere Formel E ins Spiel.

Zumindest so lange, bis man sich das Preis/Leistungsverhältnis anguckt. Da nämlich sieht man: Die Werbewirksamkeit in der Formel 1 pro eingesetzten Euro ist noch schlechter als in der Formel E. In Saudi-Arabien provozierte die Streckenführung zudem wieder unnötige Unfälle, welche die Fahrer und damit auch die Werksteams, die sie anstellen, aussehen lässt wie Trottel. Und im Rahmenprogramm fahren hochbeinige SUV von Jaguar einen Markenpokal mit der Spritzigkeit eines auslaufenden Smoothie, es sind eh nur 10 Autos am Start. Die ganzen Formel E-Wochenenden sind Kunstprodukte, die künstlich am Leben erhalten werden müssen. Ein sicheres Indiz dafür: Susi Wolff, die Gattin von Sportchef Toto, ist Teamchefin eines Mercedes-Kundenteams in der Formel E. Dass das bei den strengen Complianceregeln eines Konzerns überhaupt geht…

Was sonst noch alles in der Formel E und deren Außenwirkung schief hängt und warum die Serie auf keinen grünen Zweig kommt, steht in einer großen Analyse in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK. Da erklären zwei Fahrerlager-Insider auch, dass die Serie in Wahrheit ganz anders funktioniert und durchaus anspruchsvoller ist, als sie nach außen dargestellt wird. Und genau darin liegt des Pudels Kern. Wer die neue PITWALK liest, weiß, warum die Hersteller mit der Formel E nicht zufrieden sein können – das aber nicht zugeben dürfen.

Die Formel 1 dagegen ist historisch gewachsen. Auch in Abu Dhabi am Wochenende wird erheblich mehr los sein. Aus den Emiraten, aber auch aus Europa reisen Tausende an. Zwar ist das Rennen auf der künstlich aufgeschütteten Yas-Insel auch kein Klassiker wie Silverstone, Monaco oder Monza. Aber er ist etabliert als Rennen, mit dem man dem grauen Herbst in Europa entfliehen kann, inzwischen genau so gut. Zumal es sich auch als Kurzurlaubsziel eignet, und zwar dank der Preispolitik der arabischen Fluggesellschaften auch durchaus für Otto Normalverbraucher.

Der direkte Vergleich in den beiden arabischen Nachbarländern zeigt: Die Formel 1 ist, weil historisch gewachsen und in sich gefestigt, immer noch die mit Abstand am besten funktionierende Rennserie. Wer im Motorsport etwas gelten möchte, kommt an der Grand Prix-Szene nicht vorbei. Und auch wer seine Werbung wirksam mit Rennsport fördern möchte, braucht die Formel 1 oder zumindest eine hochklassige Sportwagenserie.

Auf diesem Wissen sollte sich die Formel 1 etwas ausruhen und zur Besinnung kommen. Es ist gut und sinnvoll, das eigene Produkt immer weiter zu verbessern. Die neuen Technikregeln, die in Austin vorgestellt wurden, sind da ein Schritt in die richtige Richtung. Aber man sollte Gutes nicht auf Gedeih und Verderb ummodeln wollen, nur weil – global gesehen – Minderheiten die Gesellschaft neu erfinden und dafür den ganzen Zeitgeist bemühen. Ändern um des Änderns Willen hat noch nie funktioniert. Reformen müssen sinnvoll sein, und im Falle des Erfolgsprodukts Formel 1 sollten sie genau so organisch wachsen wie die Serie selbst es seit Jahrzehnten tut.

Sonst verheddern sich die Reformer, und am Ende beschädigen sie ihre eigene Erfolgsstory.


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