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24.05.2019

Der Geist von Niki Lauda


Der Grand Prix von Monaco ist dieses Wochenende der Große Preis von Niki Lauda. Der Tod des 70-jährigen Wieners am vergangenen Montag in Zürich hallt quer durch die tollen Tage im Fürstentum: Mercedes hat eine Art Gedenkstein aufgestellt, vor dem sich Blumenbuketts und Kränze stapeln wie vor dem Grab des Unbekannten Soldaten an einem Volkstrauertag. Sebastian Vettel hat sein Helmdekor an jenes von Lauda angelehnt, das Haas-Team fährt mit den österreichischen Landesfarben und einem Gedenkschriftzug auf der Finne hinter der Lufthutze, Mercedes hat ein Autogramm des Verstorbenen auf die Nase foliert.

Man müsste mal eine Umfrage machen. Aber wahrscheinlich wissen 99 Prozent der weltweiten Bevölkerung, wer Niki Lauda war – höhere Bekanntheitsgrade haben wohl nur noch Elvis oder JR Ewing. Und mit den beiden Letztgenannten verband Lauda auch eine Eigenheit: Sie alle konnten machen, was sie wollten; sich benehmen, wie es ihnen in den Kram passte – man hat es ihnen immer verziehen.

Ich habe diese Woche einen Podcast mit Jochen Mass gemacht, der in den Siebzigern und Achtzigern ein dauernder Gegner von Lauda in der Formel 1 war. Mass fuhr bei McLaren, als Lauda im Ferrari gegen James Hunt im McLaren um die WM kämpfte – in jenem schicksalhaften Jahr 1976, als Lauda am Ring in den Flammen saß. Mass fuhr abends mit Marlene Lauda auf dem Beifahrersitz zum Krankenhaus nach Ludwigshafen. Er war also richtig nahe dran an den Österreichern.

Entsprechend packend ist der Podcast geraten. Vor allem haben wir darin nicht nur die Vergangenheit verklärt, sondern sind einer spannenden Frage nachgegangen: Könnte sich ein Phänomen wie Niki Lauda heutzutage noch ereignen?

Wahrscheinlich nicht, lautet die Antwort. Denn wenn sich im aktuellen Zeitgeist jemand derart kompromisslos, brüsk und zielstrebig aufführen wie Lauda, mit all’ seiner gnadenlosen Brutalität – dann würden die Pressesprecher und Marketingleute schon bei den ersten Begegnungen über ihn herfallen, um ihn auf Linie der politische Korrektheit zu bringen. Und wenn er sich trotzdem aus dem Korsett auszubrechen traute, wie Lauda es stets gemacht hat – dann würden Empörungsjournalisten ihn in Grund und Boden schreiben.

Lauda und Mass kommen aus einer Generation, als viele junge Leute auf Gedeih’ und Verderb anders sein wollten als ihre Eltern – den Achtundsechzigern. Beide eint denn auch ihre Motivation, es im Motorsport nach vorn zu schaffen: neben dem Anderssein vor allem der Freiheitsdurst und die Abenteuerlust. Dass aus solchen jungen Leuten Haudegen mit Todesverachtung wurden, ist beinahe unvermeidbar.

Die heutigen Formel 1-Fahrer kommen aus der Generation Y. Junge Leute aus behütetem, oft sogar reichem Haushalt, die ihren Traum leben und sich dabei in den Sozialen Netzwerken in Szene setzen wie Influencer. Nico Rosberg etwa ist inzwischen nur noch ein Social Media-Phänomen. Man weiß vor lauter Tweets, Instagram Storys etc. überhaupt nicht mehr, warum er so bekannt geworden ist – nämlich dass er vor noch gar nicht allzu langer Zeit Formel 1-Weltmeister wurde. Inzwischen tobt er durch die digitale Welt, anlasslos, aber omnipräsent.

Bei Lauda hingegen wusste man stets, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Man konnte es ja auch schlecht übersehen. Aber er hat trotz aller Inszenierungen, für die Lauda perfekt auf der Klaviatur der klassischen Medien gespielt hat, stets das Wesentliche im Auge behalten: den Motorsport. Das macht ihn zu einer öffentlichen Person, die jeder im Fahrerlager respektiert und geachtet hat, auch wenn er oft kurz angebunden war. Und die jeder, der nix mit Autorennen am Hut hat, ebenfalls mit Hochachtung bedacht hat.

Jochen Mass sagt in unserem Podcast, der Umgang mit dem Absturz seines Lauda-Air-Flugzeugs über Thailand habe Lauda mehr geprägt als sein eigener Unfall samt Nahtoderfahrung. Genau diese Zeit hat aber auch gezeigt, aus welchem Holz Lauda geschnitzt war – aus einem viel härteren als die meisten anderen Menschen. Die Willenskraft, mit der er sich aus allen Problemen wieder rausgekämpft hat, muss man in der Gesellschaft lange suchen. In der heutigen sowieso – aber auch früher.

Schließlich hat Lauda es sogar geschafft, die labile Persönlichkeit Lewis Hamiltons zu kanalisieren und den Engländer konstant auf die Erfolgsschiene zu setzen. Bei McLaren, Hamiltons vorherigem Team, gab es noch einen eigenen Krisenstab, der Hamilton immer wieder aus misslichen Lagen holen und mental aufrichten musste. Bei Mercedes gab es ein Gespräch mit Lauda – und Hamilton war auf Spur.

Dass Hamilton überhaupt für Mercedes fährt, ist auch das Verdienst von Lauda. Dafür hat der Österreicher sogar Michael Schumacher in Rente geschickt; Norbert Haug als dessen Fürsprecher und Ross Brawn als Schumis kongenialen Partner gleich mit. Lauda fürchtete keine großen Namen. Denn er selbst trug ja den größten aller Namen.

Das hat er gewusst. Und er hat es ausgelebt. Mit allen Konsequenzen. Trotzdem hat ihn jeder geachtet. Oder wahrscheinlich genau deswegen.


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