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14.03.2020

Der andere Blickwinkel


Man muss vielleicht mal die Fronten wechseln. Oder zumindest die Perspektive. Denn natürlich tut man sich leicht damit, die Corona-bedingte Absage des Großen Preises von Melbourne als „zu spät“ oder das lange Warten und Zögern als „weltfremd“ zu kritisieren.

Aber nur, wenn man lediglich durch die Brille des kritischen Betrachters schaut. Wer aber schon mal als Veranstalter in einer ähnlichen Situation gewesen ist, denkt darüber zwangsläufig anders. Und kann die Versuche der Veranstalter, Melbourne irgendwie über die Bühne zu bringen, doch verstehen.

In den Neunzigern war ich Zweiter Vorsitzender des MC Norden. Wir haben damals ein Rennen wegen Regens absagen müssen, was im Speedway üblich ist. „Rain-off“, heißt so was, bei Niederschlag kann halt nicht gefahren werden in diesem ganz speziellen Motorradsport. Der Wetterbericht hatte den Regen angekündigt. Aber seit Wochen hatten wir alle Weichen fürs Rennen gestellt, alle Vorarbeit geleistet und auch finanziell viel in Vorleistung ausgegeben. Also haben wir irgendwie gehofft, dass das Wetter doch noch mitspielt. Auch wenn das im Nachhinein betrachten unrealistisch, vielleicht sogar naiv war. Die Absage hat den Verein damals so viel Geld gekostet, dass der Dornröschenschlaf der nächsten Jahre unausweichlich war. Erst Meik Lüders und seine Truppe haben mit viel mehr Eigenleistung, als wir sie hätten aufbringen können, das Weltmeisterstadion von Egon Müller ’83 wiederbeleben können.

Es klingt komisch für jeden, der so etwas noch nicht mitgemacht hat. Aber ab einem gewissen Punkt in der Vorbereitung ist so viel Geld ausgegeben, dass eine Absage Tage vorher auch nicht mehr teurer kommen kann als eine, die erst am Renntag erfolgt, weil man sich ans Prinzip Hoffnung klammert.

Hoffen ist kein Managementinstrument, das weiß auch jeder. Aber manchmal zählt halt nur: Wer wagt, gewinnt. Vielleicht zumindest. In der Formel 1 sind die finanziellen Verknüpfungen und Dimensionen noch um ein Vielfaches höher als beim MC Norden – oder beim Eisspeedway in Inzell, das gerade für dieses Wochenende wegen Corona auch abgesagt werden musste und über das Mitausrichter Günther Bauer mir in einem Podcast sagte: „Wenn 80 Prozent der Zuschauer ihr Eintrittsgeld wiederhaben möchten, statt ihre Karten bis ins nächste Jahr liegen zu lassen, muss der Verein Insolvenz anmelden.“

Das muss die Formel 1-Ausrichtergesellschaft nicht. Die sieht nur ihren Börsenkurs abschmieren. Aber das tun gerade alle. Trotzdem haben die Macher versucht, das Rennen zu retten. Für sich, für die Teams und auch für die Zuschauer. Jetzt kann man sagen: Es war unrealistisch, gerade eine so professionelle und große Orga wie die Formel 1 hätte die Auswirkungen von Corona richtig einschätzen müssen und eigentlich auch ohne Infektionsfall im Fahrerlager schon absagen müssen, nur aus Vorsicht und um ein Zeichen zu setzen.

Andererseits: Wie viele Sachen sind gerade in Deutschland schon abgesagt oder infrage gestellt worden in letzter Zeit, nur aus falsch verstandener Vorsicht? Sogar ein Rosenmontagszug in Köln stand auf der Kippe, nur weil ein Wind ging, bei dem wir früher noch mit dem Fahrrad zur Schule gefahren wären. Übertriebene Risikovermeidung hat zu einer Absageritis geführt, die oft ans Groteske grenzt. Die Formel 1 hat das jetzt zu durchbrechen versucht – und ist für ihren Mut böse bestraft worden. Nun stehen die Veranstalter da wie verantwortungslose Hasardeure.

Aber die Zuschauer in Australien vor Ort hätten nicht abgesagt, sie kamen ohne Furcht vor Corona in Scharen. Und Antonio Giovinazzi, die Alfa-Fahrer, hat sogar gesagt, es sei für seine italienischen Landsleute ganz gut, wenn gefahren würde – dann hätten die via TV ein paar Stunden Zerstreuung von ihrer Quarantäne-Isolationshaft. Es gibt mehr Facetten hinter der Absage als nur das reine Man-hätte-es-kommen-sehen-Müssen.

Natürlich haben die Formel 1-Chefs rund um Ross Brawn es kommen sehen. Ihr Notfallplan war: Wir müssen da durch. Klar, in erster Linie aus finanziellen Erwägungen, da braucht sich keiner was vormachen. Aber auch, weil sie wollten, dass das Rennen stattfindet – und zwar wirklich wollten. Brawn ist ein Pragmatiker, aber er ist auch ein Racer mit ganzem Herzen, und er ist ganz sicher kein Naivling.

Naiv wirkt in der ganzen Posse nur Mercedes-Teamchef Toto Wolff, der erst mit seinem Team fahren wollte, dann aber feststellen musste: Es gibt bei Weltkonzernen klare Richtlinien, wie mit Belegschaften umgegangen wird, die aus Corona-Risikogebieten heimkehren. In den meisten großen Firmen heißt das: 14 Tage Quarantäne zu Hause, nicht zum Arbeitsplatz erscheinen, um keine Kollegen anzustecken. Warum Wolff dachte, fürs Formel 1-Team gelte diese Corporate Governance nicht? Unerklärlich. Andererseits hat er ja auch schon sonst Konzernregeln großzügig ausgelegt, etwa indem seine eigene Ehefrau als Teamchefin bei einem Mercedes-Kundenrennstall in der Formel E arbeiten kann. Die über-gestrenge Compliance-Abteilung dürfte auch so etwas nie zulassen. Eigentlich.

Jetzt hat das Konzerndenken den Motorsport eingeholt, weil Corona eine größere Nummer ist als Posten in einer kleinen Rennserie. Der Motorsport ist nicht so groß und wichtig, wie er vom Mikrokosmos des Formel 1-Fahrerlagers gern gesehen wird. Erst wenn’s eine echte globale Krise gibt, schauen die Konzernwächter auch dort hin. Beim Dieselskandal und den Kosteneinsparungen für die E-Transformation etwa, oder jetzt bei Corona. Dann ist’s schlagartig vorbei mit dem Vor-sich-hin-Arbeiten auf der Insel der Glückseligen, dann fährt die scharfe Axt des Kapitalismus dazwischen.

Die Formel E hat einen ganz ähnlichen Effekt erfahren. Die Stromautorennserie, in der seit Dieselgate so viele Werke sich ein grünes Image erarbeiten möchten, hat bereits am 11. März entschieden, alle Rennen für zwei Monate auszusetzen. Sie hatte keine Wahl: Die meisten Teams sind Werksteams, sie müssen sich an die Konzernrichtlinien halten, 14 Tage Quarantäne und so. Das ist die Schattenseite von Werksmotorsport. Dass die Formel E sich jetzt dafür feiert, so viel besser entschieden zu haben als die Formel 1 und „wieder mal ihrer Zeit voraus zu sein“, wie es sogar die Fahrer sagen, ist grober Unfug und zeugt von Unkenntnis der wirtschaftspolitischen Zusammenhänge. Oder auch nur von Wichtigtuerei im Kampf um jene Anerkennung und Akzeptanz, die der Formel E immer noch fehlt.

In der Formel 1 sind nur Ferrari und Mercedes Konzerne. Alle anderen Teams sind unabhängig von solchen Richtlinien. Ferrari hat sofort reagiert und gesagt, man wolle nicht fahren, Mercedes fuhr dagegen einen Slalomkurs. Vermeidbar.

Hat Mercedes damit vielleicht sogar falsche Hoffnungen bei der Formel 1-Dachgesellschaft geweckt? Sehr wahrscheinlich. Deren Absage kam zu spät, sie wirkt merkwürdig ungelenk und nicht durchdacht. Klar war aber auch von Anfang an: Nach der Entscheidung, nicht zu fahren, würden peu-à-peu alle weiteren Beschlüsse gefällt werden. Natürlich würde man auch den Zuschauern ein Angebot machen, ein faires ganz sicher obendrein. Schließlich war der Entschluss, es in erster Instanz auf jeden Fall zu probieren, nicht nur den eigenen wirtschaftlichen Interessen geschuldet, sondern auch dem Druck, den vielen teils weitgereisten Fans etwas bieten zu wollen. Auch das überlegt man sich nämlich als Veranstalter sehr wohl: Da haben sich Menschen wochenlang auf das Wochenende gefreut – diese Freude will man nur durchkreuzen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Cash sei King, sagt Lewis Hamilton publikumswirksam, das stimmt in der Formel 1 sicher. Aber genau so gilt: Der Kunde ist König. Zumal er ja einen Teil vom Cash bringt.

Warum soll man nicht wirklich alles versuchen, um ein Mega-Event wie einen Grand Prix zu retten – und sich erst dann fügen, wenn er tatsächlich und endgültig nicht zu retten ist? Wenn der erste Orkan der Entrüstung abgeflaut ist, sollten sich viele diese menschliche und berufliche Komponente der Entscheider noch mal durch den Kopf gehen lassen. Da könnten erstaunliche Ergebnisse bei rauskommen.


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