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28.07.2016

Das Trauerspiel


Jetzt merkt man es ganz deutlich: Nico Rosberg geht die Düse. Normaler Weise ist der Blondschopf die Ruhe und Ausgeglichenheit in Person und nimmt sich Zeit dafür, sein Bild der Öffentlichkeit zu schärfen.

Nun ist damit Schluss. Denn Rosberg will offensichtlich alle Kraft und Konzentration auf die Strecke bündeln, um einen wieder drohenden Durchmarsch von Lewis Hamilton doch noch zu unterbinden.

Eigentlich war ich für Mittwoch dieser Woche nämlich mit Rosberg zu einer Golfrunde in Karlsruhe verabredet. Natürlich nicht, um privat zu spielen oder weil ich nichts Besseres zu tun hätte, als gut 700 Kilometer zum Golfen zu reisen – sondern weil wir dabei eine Geschichte für die kommende Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK produzieren wollten.
Doch auf den letzten Drücker hat die einladende Seite diesen Termin abgesagt, weil das Management von Nico Rosberg die Zeit seines Klienten neu eingeteilt hat. Daran sieht man, wie unsicher Rosberg auf der einen Seite ist – wie entschlossen aber auch auf der anderen Seite.

Bevor Missverständnisse aufkommen: Ich finde es gut und richtig, dass Rosberg hier Prioritäten sind. Natürlich wäre es für die Inhalte von PITWALK gut und für mich persönlich schön gewesen, wenn wir uns beim Golfen getroffen hätten. Aber es ist nicht in erster Linie die Aufgabe von Rennfahrern, für Medientermine zur Verfügung zu stehen – auch wenn das in der modernen Formel 1 oft einen anderen Anschein hat. Rennen fahren ist das, was die Jungs tun sollen, und Rosberg ist gut beraten, sich genau darauf zu besinnen, denn wie Hamilton momentan wieder durch die Königsklasse braust – daran wird der Sohn des Exweltmeisters Kejo Rosberg schwer zu knabbern haben, auch dann, wenn er nix Anderes im Kopf hat als nur den reinen Kampf um den WM-Titel.

Für Hockenheim kann die Tatsache, dass Rosberg sich mit Macht gegen die Offensive seines Teamkollegen Hamilton stemmen muss, eigentlich nur gut sein. Denn die Badener brauchen jeden Zuschauer, damit sie sich das Formel 1-Gastspiel auch künftig leisten können.

Dafür tun die Betreiber des Hockenheim-Rings allerdings ziemlich wenig. Die meiste Werbung im Vorfeld haben sie Mercedes-Benz überlassen. Die Schwaben haben einen sehenswerten Termin mit Rosberg, Nicolas Hülkenberg und Pascal Wehrlein sowie einer ganzen Reihe alter Silberpfeile aus verschiedenen Epochen aufgezogen, mit dem vor allem im Internet ein gewisses Grundrauschen als Vorschau für den Grand Prix erzeugt wurde.

Aber viel mehr kam dann auch nicht. Es gibt einen Twitter-Hashtag, aber der weist auch noch einen Umlaut auf: „#F1istzurueck“. Das ist schon ziemlich dösig, und bräsig ist es auch.

Schon als es im Vorjahr Debatten darüber gab, ob Hockenheim nicht doch für den abgesprungenen Nürburgring als Formel 1-Ausrichter einspringen möchte, gab es ein Angebot von Mercedes, die Hälfte aller eventuell auflaufenden Verluste zu tragen. Weil dem Autobauer das Heimrennen so wichtig war. Die Geschäftsleitung von Hockenheim ist nicht darauf eingegangen.

Und jetzt ein Rennen mit de facto nicht vorhandener Reklame im Vorfeld. Zur Krönung hat man den Grand Prix auch noch auf exakt jenes Wochenende gelegt, zu dem im nicht weit entfernten Spa-Francorchamps – gerade mal einen Katzensprung hinter der deutsch/belgischen Grenze bei Aachen-Lichtenbusch – das große 24 Stunden-Rennen für GT3-Sportwagen stattfindet. All’ jene Motorsport-Fans, die sich nicht nur für die Formel 1, sondern für guten Rennsport interessieren und dabei womöglich noch Campen und Feiern müssen, werden nach Spa gehen, nicht nach Hockenheim. Denn in den Ardennen zeltet es sich landschaftlich reizvoller als eingezwängt zwischen einer Autobahn einer Achtzigerjahresiedlung; die Rennstrecke von Spa hat Atmosphäre, der Hockenheim-Betonbau nur Industriegebietscharme – und die Eintrittspreise von Spa betragen nur einen Bruchteil des Grand Prix-Wuchers.

Es reicht nicht, wenn ein Rennveranstalter sich nur auf die Marketing- und Kommunikationsabteilungen eines Herstellers verlässt, um die Ränge vollzukriegen. D haben der unvergessene Franz Arens und ich Anfang der Neunziger ja mehr Wirbel um die Speedwayrennen in Halbemond entfacht als die Streckenbetreiber jetzt um den Großen Preis von Hockenheim.

Dass es schon Planen im Sponsordesign gibt, um frei bleibende Sitzplätze etwa in der ersten Kurve abzudecken und im Fernsehen nicht auffällig werden zu lassen, sagt alles: Der Grand Prix wird auch dieses Jahr kein Erfolg.

Es ist leicht, das nur übertriebenen Geldforderungen von Bernie Ecclestone zuzuschieben. Wenn man aber selbst nichts dazu beiträgt, muss man sich nicht wundern, wenn am Ende wieder rote Zahlen stehen. Und auch nicht, wenn man Ende mal irgendeiner drauf kommt: Die Hockenheimer haben der Formel 1 in Deutschland schweren Schaden zugefügt. Wenn sie sie nicht sogar ganz vertrieben haben.


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