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02.09.2021

Das Fiasko von Spa


Max Verstappen setzt sogar die Straßenverkehrsordnung außer Kraft. Wenn es in den Niederlanden so etwas gibt. Jedenfalls gilt in Zandvoort seit einer Woche Tempo 33 – mit dieser Zahl haben die Einheimischen die bisherigen Tempo 30-Schilder übermalt, zu Ehren der 33. Also der Startnummer von Hollands neuem Nationalhelden Max Verstappen.

Der hat im Skandal-Grand Prix von Spa wieder seine Favoritenstellung auf den WM-Titel untermauert. Gerade rechtzeitig zum Erscheinen der neuen Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK, in der wir als Titelgeschichte das Erfolgsgeheimnis von Max Verstappen aus allen Facetten beleuchten: technisch, fahrerisch, beim Team auch organisatorisch und sogar philosophisch. Wenig spricht dafür, dass ausgerechnet im malerischen Dünenbad an der niederländischen Nordseeküste, etwa eine knappe halbe Autostunde außerhalb von Amsterdam gelegen, die Erfolgsserie von Max Verstappen reißen wird. Zumal halb Holland inzwischen in Zandvoort angekommen ist. Vom Glamping in einer eigenen Anlage neben der Strecke bis zum Ferienpark, vom Wildzelten an der Nordsee bis zum Holiday Resort – alles ist längst überfüllt.

Der Ärger von Spa hallt trotzdem noch nach. Denn regelmäßig laufen jetzt bei den wichtigsten Medien der Branche Beschwerden ein, wie die Fans nach dem Regenfiasko und den nur drei Runden hinterm Safetycar behandelt werden; dass es keine Erstattungsangebote seitens der Formel 1-Vermarkter FOM gebe, dass die Zuschauer sich betrogen fühlen und so weiter.

Dass wegen Regens gar nicht gefahren kann, kommt im Rundstreckensport für Autos höchst selten vor. Darum gibt es auch keine Blaupause, wie in solch’ einem Fall verfahren wird. Also lohnt ein Blick über den Tellerrand: zum Speedway. Diese Motorradrennen im Schotteroval werden bei Regen nämlich nicht angepfiffen – oder, wenn ein dicker Schauer reinzieht, notfalls abgebrochen. England ist Markführer in Sachen Speedway mit einer großen Ligalandschaft – und auch Marktführer in Sachen Regenwetter. Also gibt’s für die Britischen Speedway-Ligen auch einen klaren Fahrplan: Wird ein Meeting nachmittags, vor dem Start, abgesagt, weil das Wetter absehbar zu miserabel zum Fahren ist – dann können die Fans ihre schon gekaufte Eintrittskarte für eine der nächsten drei Ligabegegnungen weiter verwenden. Und wird ein Rennen abgebrochen, bis zu Lauf 10, dann gibt es für jeden verpassten Heat ein englisches Pfund vom Eintrittspreis zurück. Also erfolgt der Abbruch nach Lauf 2, dann gibt’s acht Pfund retour.

Warum bis Heat 10? Weil englische Ligarennen für die Tabelle gewertet werden, wenn 10 Läufe bestritten sind.

Die Lösung klingt so, als könne man sie auch auf die Formel 1 anwenden. Aber sie hat zwei Haken: Nach der Speedway-Logik gäbe es auch für Spa keine Erstattung, denn das Rennen ist ja gewertet worden. Zumindest mit halben Punkten. Also könnte man bestenfalls 50 Prozent vom Ticketpreis retournieren. Und: Die englischen Speedwayligisten veranstalten jede Woche ein Rennen. Die Formel 1-Grands Prix werden jedoch alle von verschiedenen Veranstaltern ausgerichtet. Deswegen kann man nicht einfach von einer Weiterverwendung auf Kulanzbasis fürs nächste Rennen ausgehen. Und auch nicht fürs nächste Jahr: Dazu sind die Vorlaufkosten für einen Grand Prix zu hoch. Die müssen noch im laufenden Wirtschaftsjahr von den Eintrittskartenerlösen gedeckt werden, sonst geht der Ausrichter in Schieflage oder gar Insolvenz. Die FOM hat da wenig zu melden, der Ticketverkauf ist Sache der regionalen oder nationalen Veranstalter. Deswegen laufen viele Beschwerden, so verständlich sie auch sind, beim Adressat schlicht in die falsche Richtung.

Spa ist nicht gerade für seine Zuschauer- oder auch Medienfreundlichkeit bekannt. Grimmige Securityposten, die auch schon mal bissige Wachhunde auf Fotografen hetzen oder sich sonstwie hartleibig zeigen, gehören dort zum Alltag. Deswegen wird auch die Erstattungsfrage letztlich nur mit Druck zu lösen sein, nicht auf dem Kulanzwege.

Viel wichtiger aber ist es, aus dem Debakel zu lernen: Die Formel 1 braucht wieder Regenreifen, die ihren Namen verdienen. Damit man nicht bei jedem Schauer gleich mit Safetycar oder Abbruch hantieren muss. Entscheidend ist die Profiltiefe und das Layout der Schnitte. Bei den aktuellen Pneus ist das Profil schlicht zu flach und die Mischung zu hart. Das hat Pirelli so angelegt, um mit den Reifen auch möglichst lange auf abtrocknender Bahn fahren zu können und den Intermediate möglichst aus dem Sortiment schneiden zu können. Doch dieser Weg ist falsch: Schon bei einem Niederschlag, der bei uns in Ostfriesland als „normal“ gilt, sind die Regenreifen mit den Wassermengen überfordert – was denn erst bei heftigem Regen? Die Reifenfrage hat sich in der Formel 1 in eine grundfalsche Richtung entwickelt. Früher konnte man bei viel Wasser auf der Bahn noch fahren, weil das Profil es hat vom Reifen ablaufen lassen. Heute schlittert man sofort ins Aquaplaning – weil die Regenreifen mit der Leistungscharakteristik und auch den Querbeschleunigungskräften nicht mehr Schritt halten können.

Das muss der Weltverband FIA ins Zentrum jener Untersuchung stellen, die in Paris gerade so vollmundig angekündigt worden ist. Damit man aus Fehlern auch wirklich lernt – statt Phrasen zu dreschen.


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