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18.04.2020

Dancing Into Danger


Die wahre Gefahr lauert ganz woanders. Die Vollbremsung des Motorsports ist zwar akut, ärgerlich und kostet die Formel 1 viel Geld. Doch für einen gewissen Zeitraum ist das unfreiwillige Stillleben zu verkraften. Auch wenn vielen Teams die Einnahmen von Werbepartnern oder ihren zahlenden Mietwagenfahrern fehlen.

Gerade erst hat Peter Altmaier den Scheinwerfer wieder auf sich gedreht, um sich für das Maßnahmenpaket der Regierung zur Hilfe von kleinen und mittleren Firmen zu loben. Die Pressekonferenz, die live auf n-tv übertragen wurde, hat wieder aufs Neue bewiesen: Wer sich als Unternehmer oder Freiberufler auf die Politik verlässt, um in der Coronakrise wirkungsvolle Hilfe zu bekommen – der ist verloren.

Erinnert Ihr Euch noch an die erste gemeinsame Pressekonferenz von Altmaier und Olaf Scholz? Jene, wo Scholz ebenso martialisch wie zweifelhaft gesagt hat, das Maßnahmenpaket sei die Bazooka, die man rausgeholt habe? Da hat Altmaier betont, es solle kein einziger Arbeitsplatz in Folge der Coronakrise verloren gehen – und kein Unternehmen in die Insolvenz. Zwei Tage später rollte die Pleite- und Entlassungswelle los.

Heute hat er seine eigene Aussage ohne mit der Wimper zu zucken kassiert. Jetzt heißt es nur noch, man versuche, Arbeitsplatzabbau weitgehend zu vermeiden, oder irgendso eine wachsweise Formulierung kam da. Das ist so, als fahre man an einem Adventssamstag mit 100 km/h auf einen Zebrastrafen in der Innenstadt zu und sage, man hoffe, Personenschäden so weit es geht zu vermeiden.

Der jahrzehntelangen Regierung verdanken wir auch Vokabeln wie „alternativlos“, „systemrelevant“ oder „vorsichtig optimistisch“. Sie klingen schön wichtig, deswegen werden sie auch überall widergekäut und inflationär verwendet. Doch die Substanz hinter all' diesen Ausdrücken geht gegen Null.

Die Wahrheit ist: In Niedersachsen warten immer noch die meisten Antragsteller auf ihre Soforthilfen. Wen man auch fragt, das Ergebnis ist dasselbe: Antrag vor Wochen gestellt, Auszahlung Fehlanzeige. Und die Summen, die aus den staatlichen Maßnahmepaketen kommen, sind viel zu niedrig, um die plötzlichen Einnahmeausfälle auch nur im Ansatz kompensieren zu können.

Nach den Floskeln von Altmaier ließ er einen Experten zuschalten. Er verhaspelte sich selbst in der Ankündigung, wer denn nun nach ihm was sagen dürfe, und die Videostreamqualität war derart ruckelig, dass man nicht weiß, wer da jetzt wirklich gesprochen hat. Man musste sich viel mehr darüber wundern, wie hilflos die EDV- und Telekonferenztechnik im Wirtschaftsministerium ist.

Jedenfalls hat der Zugeschaltete im Ruckelton gesagt, nun müsse man sich auf die Kreativität der Unternehmer verlassen.

Na ja. Wie kreativ Unternehmer sind, zeigt ja schon das Aufmacherbild dieser Meldung. Es stammt von der Bäckerei Grünhoff aus der ostfriesischen Speedwaystadt Norden. Dort hat man zu Beginn der Hamsterkaufwelle darauf reagiert, indem man diese Hamster, selbstgebacken, ins Sortiment genommen hat. So geht Kreativität, Humor und wirkungsvolle Kundenansprache.

Diese Kreativität funktioniert also ohnehin schon. Denn sie hat in dem überwiegenden Teil der kleinen und mittleren Betriebe dafür gesorgt, dass sie sich über Jahre hinweg als funktionsfähig erwiesen haben. So haben diese Firmen sich am Markt etabliert, eine Eigenkapitaldecke erwirtschaftet und ein Geschäftsmodell erschlossen, das sich bis inklusive Februar 2020 getragen hat. Diese Unternehmen waren alle zukunftsfähig, bis die Politik eingeschritten hat, sie ihrer Geschäftsgrundlage beraubt hat – und nun mit viel zu kleinen Stützen, die dann auch noch nicht mal überwiesen werden, am ausgetreckten Arm verhungern lässt.

Genau diesen kreativen Machern lässt die Politik ihre Firma also direkt in den Schoß hinein kollabieren – und lobt sich dann auch noch dafür.

In der nächsten Ausgabe der Zeitschrift PITWALK, die Ihr bereits vorbestellen könnt, steht genau drin, wie die Unternehmer zumindest im Motorsport trotz der Politik Covid-19 überstehen können.

Aber dazu ist es wichtig, dass die Lockerungen mit Verstand umgesetzt werden. Und dass in diesem Jahr nicht ständig neue Vertröstungen und Allgemeinplätze von der Politik kommen. Vor allem darf eines nicht passieren: dass 2020 überhaupt keine Großveranstaltungen mehr zugelassen werden. Aus unserer Motorsportperspektive heißt das: Es ist zwingend nötig, dass in der zweiten Jahreshälfte wieder Rennen gefahren werden.

Sonst setzt in unserer Branche eine Langzeitnebenwirkung ein, die noch keiner so recht auf dem Schirm zu haben scheint. Ein paar Wochen, auch Monate ohne Rennen ist alles in Ordnung. Doch wenn es das ganze Jahr über keine gibt, dann gibt es bei den Firmen, die bislang im Sport engagiert sind, eine Art Entwöhnungseffekt. Und wenn die Verantwortlichen über Budgets erst mal gemerkt haben: Es geht ja auch ohne Motorsport – dann sind die Gelder dafür auch für 2021 und viele, viele Folgejahre weggestrichen und kommen so schnell nicht wieder.

Der Fall eines Sportklamottenherstellers, den die zu kurz gedachten politischen Maßnahmen zum Pachteinbehalten ermunterten, zeigt: In den meisten Firmen geht es beim Budgetverwalten heutzutage nur noch darum, wo und wie sich die Kosten am effektivsten senken lassen. Wenn den Unternehmen der Motorsport von außen abgewöhnt wird, dann wirft man den ganzen Sport in eine Abwärtsspirale mit dem Sog eines Strudels.

Das muss auf jeden Fall vermieden werden, damit es für Teams, Fahrer und Mitarbeiter bei nur einem miesen Jahr bleibt. Das lässt sich für die meisten verkraften – trotz der Politik. Aber die langfristige Entwöhnung, die unausweichlich kommen wird, wenn man 2020 alle Räder komplett stilllegt, wäre fatal. Für alle im Sport – und an dessen Peripherie, wie etwa Hotels, Pensionen und Kneipen rund um den Ring.

Diese Zusammenhänge müssen die Berliner und auch die Landesfürsten jetzt schnellstmöglich durchschauen, um die nächsten Entscheidungen mit der gebotenen Sorgfalt und Fürsorgepflicht zu treffen.

Bislang wirkt alles politische Handeln noch wie die Geschichte vom Mann, der vom Dach eines 20-geschossigen Hochhauses springt. Als er auf Höhe der 10. Etage an einem Bewohner vorbeifliegt, der auf seinem Balkon sitzt, ruft er dem zu: „Bis jetzt ist alles gutgegangen.“


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