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05.01.2017

Daily Dakar, Episode 9: Schläge ins Kontor


Das erste Gerücht erreichte mich um 6 Uhr morgens. Da hörte ich zum ersten Mal, dass Nasser Al-Attiyah den heutigen Tag nicht mehr würde starten können. In Südamerika war noch nicht mal die Sonne aufgegangen, doch der schwer beschädigte Hilux des Katari war von Hallspeed bereits verladen worden. Zu groß war der Schaden, nachdem Al-Attiyah sich ein Hinterrad abgerissen hatte und 90 Kilometer nur auf drei Rädern ins Ziel fahren musste.

Denn an der eigentlichen Unfallstelle lag nur ein vereinsamtes Abschleppseil, das nachfolgende Konkurrenten zwar gewahr werden ließ, dass irgendwas passiert war. Aber die Zuschauer, die Al-Attiyah nach seinem Einschlag abgeschleppt hatten, hatten den Pritschenwagen auf die gegenüberliegende Wegesseite gezogen – direkt in eine Vertiefung, ein trocken gefallenes kleines Flussbett hinein. Al-Attiyah war von den Vorbeifahrenden nur als schemenhafter Schatten zu erkennen, als es schon zu spät war.

Sonst hätten die Toyota-Teamkollegen Giniel de Villiers und Juan „Nani“ Roma helfen können beim Reparieren. Doch stattdessen war Al-Attiyah mit Beifahrer Matthieu Bäumel auf sich allein gestellt.

Als der Araber schließlich kurz vor Einbruch der Dunkelheit ins Biwak kam, mit arg zerfleddertem Hilux, da brachte er den Stein des Anstoßes gleich mit: ein Riesen-Felsbrocken, den er dekorativ und anklagend zugleich auf der Pritsche dekoriert hatte.

Natürlich hat Al-Attiyah sich an diesem Stein das Rad ausgerissen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit über den Unfall, der die Dakar in die Hände von Peugeot gelegt hat. Der Katari fuhr, wie er immer fährt: direkt am Limit, immer an der Grenze zwischen Topzeit und Ausrutscher.

An diesem Tag, an dem es zum ersten Mal in hohe Lagen in den Anden ging, war ihm das besonders wichtig. Denn die Prognosen von Hallspeed-Toyota lauteten: „Bis 2.000 Meter über Normalnull können wir mit den Turbodieseln von Peugeot und X-Raid mithalten, danach geht unserem Sauger die Luft aus. Also müssen wir zusehen, dass wir auf allen Strecken bis 2.000 Meter möglichst die Ernte einfahren.“

Also nahm Al-Attiyah das Messer zwischen die Zähne, um auf nicht allzu hoher Höhe den Angriff auf die Gesamtführung zu klarieren. Das ging auch auf, schließlich lag er bei den Zwischenzeiten vor Sébastien Loeb, nachdem dessen Beifahrer Daniel Elena den Führenden gleich zu Beginn in die Irre gelotst hatte.

Dann kam eine Kuhle, leicht ausgewaschen vom Regen, die man im weiten Bogen umfahren musste. Al-Attiyah reagierte zu spät und falsch, der Hilux hing in Fetzen runter, seine Rallye ist wegen zu irreparabler Schäden am hinteren Karosserierahmen vorbei.

Dass auch de Villiers/Dirk von Zitzewitz am selben Tag ihre Siegchance verloren, macht die Rallye jetzt wohl monoton. Auch hier gibt es eine Hintergrundgeschichte. Zuerst suchte man lange vergeblich einen Wegpunkt. Es war einer jenen neu, fies aufgelegten, über die ich vor einigen Tagen an dieser Stelle geschrieben hatte. Der Toyota kam bis auf 800 Meter an den nötigen Radius an, fuhr dann aber parallel statt weiter auf den Wegpunkt zu, sodass sich der entscheidende Hinweis im Navigationssystem nicht öffnete.

Das passierte an exakt diesem Wegpunkt einer ganzen Reihe von erfahrenen und guten Copiloten.

Dennoch hielten de Villiers/von Zitzewitz den Zeitverlust in Grenzen, bis im zweiten Streckenabschnitt die Benzinzufuhr plötzlich aussetzen. Schon zuvor hatte der Südafrikaner Dampf rausnehmen müssen, weil klar wurde: Der mitgeführte Benzinvorrat langt nicht bis ins Ziel.

Als Stammleser der Zeitschrift PITWALK wissen Sie: Es gibt dieses Jahr einen um einen Millimeter größeren Luftmengenbegrenzer für den Hilux. Die Mannschaft von Teamchef Glyn Hall hat viel an den Motorkennfeldern gearbeitet, um den V8-Lexus-Motor an die Mehr-Luft anzupassen. Für die Höhenluft sind logischer Weise andere Mappings nötig als für Fahrten auf Meereshöhe. Und jede Kennfeld-Änderung zieht einen Rattenschwanz von Folgen nach sich, unter anderem auch beim Spritverbrauch über den Tag hinweg.

Gestern gab es in der Neutralisation keinen Tankstopp. Man musste mit dem über die Runden kommen, was am Morgen eingefüllt worden war. Und das war für die dünne Höhenluft und vor allem die vielen Wedel- und Beschleunigungsphasen um die dicht stehenden Wüstengrasstauden schlicht zu wenig.

Auch dieses Wüstengras hat einen enormen Einfluss auf das Kräfteverhältnis, was ja ebenfalls in der aktuellen Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK eindrucksvoll erklärt ist.

Und um ja bis ans Limit der Möglichkeiten zu gehen, die der Hilux bis 2.000 Meter zu haben schien, musste auch das Gewicht – und damit das Benzinvolumen – so knapp wie möglich berechnet werden.

Es war ein Tick zu wenig.

Was aber noch immer nicht zum Stottern hätte führen dürfen. Denn de Villiers hatte sich wieder ins Verbrauchsfenster reingespart, als die Haupt-Benzinpumpe ausfiel. Die eigentlich vorgesehene Notfalllösung, mit einem Schalter eine zweite Benzinpumpe für genau solche Fälle zu aktivieren, funktionierte nicht, sodass Dirk von Zitzewitz und Giniel de Villiers eine halbe Stunde lang rumschrauben mussten, ehe sie trotz Luft und Blasenbildung im Sprit weiterfahren konnten.

Damit hat jetzt nur noch Nani Roma im Overdrive-Hilux Chancen, die Peugeot zu ärgern. Doch auch der verlor gestern wegen Elektrikproblemen viel Zeit, und er fühlt sich im Hilux noch nicht so wohl wie im Mini. Warum nicht – das steht auch in der großen Dakar-Story in der aktuellen PITWALK.

Die Schlussfolgerung von gestern ist klar: Ab sofort hat Peugeot die Rallye in der Hand. Die Franzosen können sie nur noch wegschmeißen. Am heutigen Tag scheinen sie gleich mal auf dem besten Wege dazu, weil alle 3008-Fahrer teilweise hilflos herumirren.

Technische Nickligkeiten wie noch 2016 und wie jetzt bei Toyota sollten den Franzosen eigentlich nicht mehr im Weg stehen. Das zumindest meint der Führende, Sébastien Loeb, in unserer großen Vorschau im aktuellen Heft.

Aber bei all’ den Dramen gestern kann man glatt vergessen: Es war gerade mal die dritte Etappe, die Rallye ist noch sooooo lang.


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