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15.01.2019

Daily Dakar Episode 9 – Operation Wüstensturm mit martialischem Vokabular


Phase 2 hat begonnen. Alle Teams bringen ihre Strategie auf Vordermann, denn in den letzten Tagen hat sich in den meisten Klassen herauskristallisiert, auf wen man seine Jetons setzen muss. Entsprechend werden Teamkollegen, die zu Beginn der Rallye Dakar – wie in jeder Motorsportsparte – noch die ärgsten Rivalen waren, plötzlich zu Wasserträgern und Helfershelfern.

Denn auch wenn die Königsetappe seit Montag hinter den Fahrern liegt – die Folgetage bis zum Zielschuss am Donnerstag werden immer noch sandig, und in dem harten Geläuf kann man seine Siegchancen leicht panieren, indem man sich eingräbt und festfährt. Dann braucht man einen Gehilfen, der möglichst schnell zur Stelle ist – und auf den man nicht erst eine halbe Stunde warten muss, weil er im Gesamtklassement des Vortages zu weit hinten lag und entsprechend später als man selbst in den Tag gestartet ist.

Kamaz hat zuerst reagiert und der Dakar die Brisanz gezogen: Eduard Nikolaew soll gewinnen, denn er hat vom Fleck weg in Führung gelegen. Dimitri Sotnikow hat gestern sämtliche Angriffsbemühungen eingestellt, er soll nur noch als Flankenschutz für „Edik“ fahren.

Man könnte auch sagen: als „Tail Gunner“. Der Begriff kommt von der englischen Luftwaffe und bezeichnet einen Insassen am Heck des Fliegers, der dem Piloten den Rücken buchstäblich freischießt, wenn es sein muss. Im Motorsport klingt das brachial. Aber Kamaz nennt sich selbst die „Blaue Brigade“, und das Team aus Tatarstan ist auf dem Fundament des russischen – genaugenommen: noch des sowjetischen – Heers aufgebaut worden. Die Technik der Lkw entsprach schon jener, welche die Rote Armee verwendet hat. Auch heute gehen Wehr und Sport bei Kamaz Hand in Hand.

Und nicht nur dort. MAZ, die in Westeuropa weitgehend unbekannte Minsker Marke, verfährt genauso. Die Roten sind quasi eine Blaupause von Kamaz.

Schließlich war die Rallye Dakar in der Endphase des Kalten Krieges und auch nach Glasnost und Perestroika bei den Lkw vor allem ein Testbetrieb für Militärfahrzeuge: Das Werksteam von MAN hat Franz Echter, ein Entwicklungsingenieur des Werks, vor allem deswegen mit durch Afrika pflügen lassen, weil man dort neue technische Ansätze wie etwa einen speziellen Rahmen für Armee-Lkw erprobt hat. Das geht bei der Rallye effektiver als auf jeder Teststrecke.

Kamaz verwendet heute noch Armeetechnik, während das de Rooy-Team seine Trucks im Nebengeschäft zur Schwerlastspedition vorbereitet – aus reiner Begeisterung für den Sport, ohne Werks- oder gar staatliche Gelder. Ich habe mir das Speditionsgelände und die Lkw-Sammlung in Sons selbst mal angesehen, als ich für eine lange Hintergrundgeschichte mit Vater Jan und Sohn Gerard de Rooy für unsere Zeitschrift PITWALK zu Besuch war – die Herangehensweise ist eine völlig andere als bei Kamaz.

Die Russen sind erklärte Lieblinge von Wladimir Putin. Der Präsident hat höchstselbst schon einen Dakar-Truck probe gefahren. Erfolge von Kamaz sind für ihn nationales Aushängeschild – aber auch ein Rüstungsprojekt.

Deswegen verwundert es nicht, dass die Konkurrenz die Tataren immer wieder mit dem Militär vergleicht, auch bei der präzisen Umsetzung einer Befehlskette. Oberster Feldher ist Wladimir Tschagin, den sie auch „der Zar“ nennen – selbst mehrfacher Dakar-Sieger, nun als Hauptmann mit diktatorischer Macht ausgestattet, im Team durchzuregieren. Er hat entschieden, Nikolaew zum Sieger zu machen.

Doch dieselbe Befehlskette gibt es auch bei anderen Teams. Sven Quandt, der Gründer und Boss des hessischen X-Raid-Teams, wird von Fahrern anderer Rallyeställe gern mal mit Namen von Feldherrn aus den Geschichtsbüchern gedacht. Denn er ist kompromisslos und geht auch bei der Regelausnutzung an die Grenzen des Reglements. Notfalls fliegt auch schon mal ein Rechtsanwalt mit in jenem Flieger, der Quandt über die Anden oder die Wüste zum nächsten Biwak bringt.

X-Raid hat in diesem Jahr zwei Mannschaften am Start – die Buggy- und die Allradfraktion wirken lange wie Teams im Team. In Stéphane Peterhansel und Nani Roma haben beide Antriebskonzepte noch Piloten in erweiterter Schlagdistanz zu Spitzenreiter Nasser Al-Attiyah. Offiziell gibt es noch keine Weisungen, aber alles schaut so aus, als würde X-Raid beide Lager weiter für sich arbeiten lassen, um beide Eisen im Feuer zu halten.

Da die Buggys immer noch nicht haltbar genug sind, steigt immer wieder die bordeigene Reifenluftdruckregulierung aus. Die Allradler sind hingegen trotz eines großen Umbaus beim Motor, den in ich in einem der letzten PITCASTs ausgiebig erklärt hatte, immer noch zuverlässig wie ein Metronom, sodass die Hessen gut beraten sind, Roma noch als Sieganwärter und nicht als Adjutanten in die nächsten Etappen zu schicken.

Carlos Sainz und Cyril Despres können ja Peterhansel, Yazeed Al-Rajhi und Kuba Przygonski Roma umschwärmen. Sainz wartete gestern ja bereits auf Peterhansel, um den begleiten zu können. Auch als Tail Gunner.

Hallspeed verfährt nicht anders, nur unterschiedlich. Denn bei den Südafrikanern mussten Giniel de Villiers/Dirk von Zitzewitz sich erst wieder so weit nach vorn arbeiten, dass sie überhaupt die Rolle des Geleitschutzes für den Gesamtführenden Nasser Al-Attiyah übernehmen konnten. Die beiden Bakkie-Insassen hätten dem Katari nicht viel genützt, wenn der im Notfall erst eine halbe Stunde und mehr warten muss, ehe de Villiers/von Zitzewitz ihn in einer misslichen Lage erreichen. Also musste der Stellenboscher in der Königsetappe brutaler fahren als eigentlich geplant, um in der Tageswertung möglichst weit nach vorn zu kommen – inklusive haariger Manöver im dichten Staub. Denn de Villiers kam ja noch von hinten und hatte viele Starter vor sich, die er im Laufe der letzten beiden Tage nach dem Ruhetag erst mühsam überholen musste, ehe er sich in einer Position befand, um so knapp wie nötig hinter Al-Attiyah in die Etappe starten zu können. Das ist er am heutigen Dienstag auf der Super Ica erstmals wieder der Fall. Hallspeed-Toyota hat die Truppen also gerade noch rechtzeitig wieder formieren und die Fronten schließen können.

Heute dürfte auch Sam Sunderland plötzlich ins Bummeln verfallen. Der Engländer aus Poole, der in Dubai aufgewachsen ist, hat sich seit vorgestern freiwillig in den Dienst des KTM-Teams in der Motorradwertung gestellt. Denn da hat er mehr als eine Viertelstunde verloren. Und zwar nicht wegen des telegenen Hinterradbremsdefekts – der passierte so kurz vor einem Kontrollpunkt mit Reparaturmöglichkeit durch die Mechaniker, dass die neue Bremsscheibe kaum Zeitverlust nach sich zog. Das Problem war, dass „Sunder Sam“ die Etappe eröffnen musste und dabei zwangsläufig eingeholt wurde.

Heute muss der erste Engländer, der jemals eine Dakar gewonnen hat, besonders auf der Hut sein. Denn hinter ihm fährt in Ricky Brabec der Gesamtführende los – vom Erzrivalen Honda. Dem darf Sunderland auf keinen Fall eine Spur ziehen und ihm so die Arbeit erleichtern. Also haben die Strategen von KTM gestern Abend ausklamüsert, wie Sunderland den Tag angehen soll: Bummeln oder gar stehenbleiben, um Brabec vorbeizulassen? Oder den gar mit bewussten Schleifen und Knoten in der Route wissentlich und vorsätzlich in die Irre führen?

Bei den Motorrädern ist die Rallye längst zu einer Nervenschlacht geworden. Kleine Tricks im Hinblick auf die Startposition werden billigend in Kauf genommen und hinter vorgehaltener Hand sogar goutiert. Man darf diese Maßnahmen – zu vergleichen oft sogar mit einem taktischen Foul im Fußball – als Journalist nicht alle beim Namen nennen, man muss sie aber sehr wohl kennen und durchschauen, um die Rallye zu durchschauen.

Es ist genau diese Vielfalt an Handlungssträngen, die eine Rallye Dakar so spannend macht für einen Berichterstatter. Menschen ändern binnen Stunden ihr Gesicht, Erschöpfung wechselt sich mit Begeisterung ab, Sportsgeist mit Hinterlist – und ebenso schnell wieder Rivalität mit Kumpanentum und sogar Kumpanei.

Dass seit gestern in Toby Price ausgerechnet jener Motorradler die wohl besten Siegchancen hat, der wegen seiner Verletzung eigentlich schon aussteigen wollte, ist nur eine der unglaublichen Storys dieser Wahsinnsrallye. Mehr davon folgt dann heute im PITCAST, wo wir gemeinsam mit Matthias Walkner und KTM-Legende Heinz Kinigadner einen Blick ganz tief hinter die Kulissen der Motorradwertung wagen. Da könnt Ihr Euch jetzt schon drauf freuen.

Schnell sei noch gesagt: Wenn Kamaz und KTM gewinnen, wäre das was Besonderes. Kamaz feiert heuer sein 30-jähriges Dakar-Jubiläum, KTM ist auch schon zum 25. Mal dabei.


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