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10.01.2016

Daily Dakar, Episode 9: Echte Helden und ihre Pferde


Spätestens seit der letzten Etappe vorm Ruhetag steht fest, wer der moralische Sieger der Motorradwertung bei dieser Rallye Dakar ist: Paulo Gonçalves. Sein ganz persönliches Heldenstück trug sich zu, als er gerade merkte, dass seine Gesamtführung immer wackliger wurde – weil KTM-Hotshot Toby Price Etappensieg an Etappensieg reihte und die Mattighofener Marke wieder drauf und dran war, Honda-Fahrer Gonçalves die Führung abspenstig zu machen.

Genau da stürzt vor ihm Matthias Walkner, neben Price einer der heißesten Sieganwärter von KTM. Der Österreicher hat im dichten Staub hinter Price und gegen die Sonne einen breiten Graben zu spät gesehen. Er will noch drüberspringen, landet aber genau auf der gegenüberliegenden Böschung – und bleibt mit gebrochenem Oberschenkel liegen. Und Gonçalves kommt als erster an der Unfallstelle vorbei.

Der 36-Jährige aus Esposende bei Braga im Norden Portugals hält sofort an und leistet Walkner Erste Hilfe sowie moralischen Beistand, bis Pablo Quintanilla aus dem KTM-Schwesterteam Husqvarna da ist. Der Chilene wartet, bis die Ärzte da sind und den Österreicher ausfliegen können. Erst als er darüber Gewissheit hat, fährt Gonçalves weiter – im sicheren Wissen, dass er Zeit verloren und, schlimmer, die so wichtige „Track Position“ verloren hat.

Die durch die Standzeit eingebüßte Zeit – 10 Minuten und 53 Sekunden, das kann das GPS und das Irititrack genau verraten – erhält er nachträglich wieder gutgeschrieben, das ist bei der Dakar so üblich, wenn man stoppt, um einem Kontrahenten zu helfen. Aber dass er durch den Nothalt viele andere Biker hat passieren lassen und in deren Staubfahnen mehr Staub fressen und eine schlechtere Sicht in Kauf nehmen muss als bei der etatmäßigen Startposition am Morgen – die Minuten, die er dabei liegenlässt, kann dem Portugiesen keiner wieder zurückgeben.

Nun ist es bei Marathonrallyes ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Teilnehmer einander gegenseitig helfen. Bei den Motorradlern ist dieser Ehrenkodex noch deutlich ausgeprägter als bei den Vierrädlern, weil sich aufgrund der höheren Gefährdungslage eine kameradschaftlichere Solidarität erhalten hat als beim knallharten Wettrüsten der Autos. Auch unter Amateuren und unter den Lkw-Fahrern wird sich teilweise bis zur Selbstaufopferung geholfen.

Aber an der absoluten Spitze der Motorradwertung stehen auch immense Summen und jede Menge Ehre auf dem Spiel. Vor allem für Honda, die seit zwei Jahren das schnellste Bike haben, aber trotzdem noch nie die Dakar gewannen.

Und dass Gonçalves – auf einer Honda immerhin Marathon-Weltmeister 2015 – trotz dieser brisanten Ausgangslage geholfen hat, ist noch aus einem anderen Grund bemerkenswert. Denn schon zwei Mal war er selbst der Leidende – und keiner hat ihm geholfen. Als vor zwei Jahren seine Maschine ein Raub der Flammen wurde, fuhren viele Teilnehmer mit staunendem Blick vorbei und sahen zu, wie Gonçalves zuerst mit Sand verzweifelt die Flammen zu ersticken versuchte – und dann mit leerem Blick und rinnenden Tränen völlig am Ende im Wüstensand saß, vor sich das schmurgelnden Skelett seines Motorrades.

Das Foto oben ist eines aus einer Serie von Aufnahmen aus jenem Jahr; auf unserer Facebook-Seite (http://www.facebook.com/Pitwalkmedia) finden Sie noch mehr. Wer diese dramatischen Bilder seinerzeit gesehen hat, der wird sie nie mehr vergessen.

Dass die Honda weiland ein Raub der Flammen wurde, hätten auch andere Helfer nicht verhindern können. Aber 2012 – wissen Sie noch? In einem Schlammloch hält Gonçalves an, um den hoffnungslos festgefahrenen Cyril Despres rauszuschleppen. Als der Franzose weiter fahren kann, steckt Gonçalves’ Motorrad ebenfalls fest – doch der KTM-Pilot braust einfach davon, anstatt den Gefallen zurückzugeben. Um diese grobe Unsportlichkeit des heutigen Peugeot-Automobilisten zu toppen, korrigierte die Rallyeleitung das Ergebnis, schrieb Despres die verlorene Zeit gut – Gonçalves aber nicht.

Man könnte verstehen, wenn der Honda-Mann nach diesen Enttäuschungen selbst zum Egoisten mutiert wäre, frei nach dem Motto: Warum soll ich denen helfen, wenn die doch alle nur an sich denken?

Zum Glück hat er sich den Anstand bewahrt, als fairer Sportsmann zu agieren und dem Ehrenkodex treu zu bleiben, der die Rallye Dakar so einzigartig macht.

Wenn die Rallye so weitergeht wie in den vergangenen Tagen, dann wird KTM-Mann Toby Price wohl als Sieger vom Feld gehen.

Für mich hätte die Veranstaltung dann dieses Jahr halt zwei Gewinner.


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