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09.01.2016

Daily Dakar, Episode 8: Notwendigkeit zum überhöhten Risiko


Alle Vorsicht ist über Bord geworfen. Seit dem zweiten Tag der Marathon-Etappe – also seit Donnerstag – gilt für X-Raid wie für Toyota: Man kann es sich nicht mehr leisten, mit einer Sicherheitsreserve zu fahren. Um an den überlegenen Peugeot überhaupt nur ansatzweise dranbleiben zu können, müssen alle Fahrer aus dem Kreis der erweiterten Sieganwärter mit einer Risikobereitschaft zu Werke gehen, die man sich bei der Dakar eigentlich nur ausnahmsweise leisten kann.

Jetzt muss die Ausnahme zur Regel werden. Die neue Strategie lautet: Mit allen Mitteln so dicht wie’s irgend geht an den überlegenen Peugeot dranzubleiben, um dann sofort zuschlagen und abstauben zu können, wenn bei den Franzosen irgendwas schiefgeht.

Vor allem Nasser Al-Attiyah und Giniel de Villiers müssen alles riskieren, denn sie sind die einzig realistischen Gegner des Peugeot-Spitzentrios. Auch Yazeed Al-Rajhi fährt im gestreckten Galopp, obwohl der Saudi realistisch betrachten schon an den ersten beiden Tagen seine Siegchancen eingebüßt hat: Im Prolog ging ihm an einer Furt der Motor aus, auf der ersten Etappe ließ er sich bei einem Tempoverstoß blitzen; der Zeitverlust handelte Al-Rajhi/Timo Gottschalk jeweils eine so schlechte Startposition aus, dass die beiden auch am Folgetag noch mehr Zeit verloren.

Doch Al-Rajhi wirft die Flinte noch nicht ins Korn. Die Reifenschäden von de Villiers und Al-Rajhi auf der zweiten Halbzeit der Marathon-Etappe sind eine direkte Folge der zwangsweise gesteigerten Risikobereitschaft.

Hinter den ersten Drei spielen sich packende Szenen ab: Al-Attiyah, de Villiers und selbst der Südafrikaner Leeroy Poulter raufen untereinander um die Rolle des besten Verfolgers. Zeitenmäßig versucht auch Al-Rajhi da mit reinzufahren. Der Vierkampf wird mit einer solchen Härte geführt, als ginge es tatsächlich um den Gesamtrang 1 und den Sieg bei der Dakar. Denn die Rolle des ärgsten Verfolgers kann Gold wert sein, wenn in der zweiten Woche die Löwen doch noch von einem vielfach erwarteten Schwächeanfall heimgesucht werden.

Gleichzeitig pushen sich die Toyota-Teamkollegen Poulter, de Villiers und Al-Rajhi, die alle im südafrikanischen Hallspeed-Team fahren, gegenseitig. Denn irgendwann muss Boss Glyn Hall einen seiner Drei zur Nummer 1 erklären; bestimmen, wer die Jagd auf die Löwen anführen soll. Dann müssen sich die beiden Teamkollegen unterordnen und für den Fall der Fälle als Geleitschutz zu Ersten Hilfe parat sein.

So gibt es hinter den ersten Drei gleich zwei Raufhändel, die beide mit gnadenloser Härte geführt werden. Am Freitag haben sich de Villiers/Dirk von Zitzewitz erstmals an Poulter vorbei geschoben. Und das, obwohl sie bei Poulter noch kurz anhielten, um dem nach einem Unfall wieder auf alle vier Räder zu helfen.

Dass Poulter bei seiner zweiten Dakar so stark war, überrascht Außenstehende. Nicht aber das Team selbst. Denn der junge Südafrikaner hat im vergangenen Jahr die einheimische Offroad-Meisterschaft mit Maximum – also ungeschlagen in allen Läufen – gewonnen. Bei seiner ersten Dakar im Januar 2015 hat er noch Fehler gemacht und zu viele Unfälle gebaut; daraus hat er gelernt, jetzt ist er so schnell, dass er am Schalensitz von Südafrikas Rally Raid-Superstar Giniel de Villiers sägen kann.
Dass diese Serie der Fehlerfreiheit ausgerechnet am Freitag riss, zeigt, wie hoch das Tempo in dem harten Fight hinter der eigentlichen Spitzengruppe ist.

Für Al-Attiyah ist die Ausgangslage unbefriedigend. Man merkt dem sonst stehts frohgelaunten Katari an, dass seine Nerven angespannt sind. Er hat sich bei X-Raid ein ganz neues Auto aufbauen lassen. Jener sogenannte Mini, mit dem er 2015 den Marathon-Weltcup gewann, hat er seiner privaten Autosammlung einverleibt – ein imposantes Museum, das wir in einer großen Homestory in der siebten Ausgabe von PITWALK vorgestellt haben. Denn damals war unser Mitarbeiter Roland Löwisch exklusiv zu Gast bei Al-Attiyah in dessen arabischer Heimat. Wer wissen will, wie der Tontaubenschieß-Olympionike tickt, sollte sich diese Ausgabe noch mal zu Gemüte führen.

Dann wird auch klar, warum Al-Attiyah momentan so blass – oder in seinem Fall karamellfarben – daherkommt. Sein eigener Anspruch ist, dass er Topmaterial zur Verfügung hat, mit dem er siegen kann. Denn schließlich pachtet er sich sein Auto und die Mechanikercrew vom Team.

Al-Attiyah hat darauf verzichtet, die jüngste Ausbaustufe des Getriebes von X-Raid in seinen neuen Boliden verbauen zu lassen. Das hatten wir ja bereits in der aktuellen Ausgabe von PITWALK enthüllt. Es gibt eine neue Gangwechseleinheit, bei der die Gänge ein bisschen schneller reinflutschen, die der Araber aber aus Zuverlässigkeitsgründen nicht haben wollte – sondern lieber auf das bewährte Material setzen.

Hätte dieses neue Getriebe den Rückstand auf die Peugeot schrumpfen lassen? Nein, oder nur um einen Hauch, aber keinen Windstoß, der das generelle Kräfteverhältnis hätte durcheinanderwirbeln können.

Das weiß auch Al-Attiyah, der nach eigener Aussage dieser Tage so aggressiv fährt wie noch bei keiner anderen Marathonrallye. Genau so bekannt ist ihm freilich auch die Tatsache, dass die X-Raid-Mannschaft für 2016 keine großen Entwicklungssprünge mehr machen konnte. Dazu ist das Konzept des Autos einfach schon zu alt. Bereits im vergangenen Jahr verbesserten die Hessen weniger als Hallspeed an seinen Toyota, dieses Jahr hat Peugeot von allen den größten Sprung gemacht – weil sie aber auch vom größten Rückstand her kamen, also am meisten Luft nach oben hatten. Die haben sie konsequent weggepustet und mit Leben erfüllt.

X-Raid-Teamchef Sven Quandt hatte das schon in unserer Vorschau in der aktuellen PITWALK erklärt, und auch Dirk von Zitzewitz beschlich dort schon jene Vorahnung, die jetzt wahr wird: Wenn ein Team die Möglichkeiten des Buggy-Reglements konsequent bis zum Letzten ausnutzt, dann müssen die Hecktriebler den Allradlern überlegen sein. Warum? Steht in den letzten beiden Heften von PITWALK – und auch schon in der Vorschau-Ausgabe auf die Rallye Dakar 2015. Aus diesen drei Ausgaben ergibt sich ein schlüssiges Bild dessen, was wir dieser Tage erleben.

Mit einer Ausnahme: Dass die Navigation eine nur so geringe Rolle spielt, war nicht vorherzusehen. Dieser Charakterwandel der Dakar hat sich am gestrigen Freitag fortgesetzt. Das zeigt der Sieg von Toby Price in der Motorradwertung. Der startete die Etappe rund um den Salzsee als Erster – und gewann sie trotzdem. Das geht nur auf Prüfungen, auf denen Navigation keine Rolle spielt. Bei Orientierungsfahrten haben stets die Nachfahrenden einen Vorteil.

Das half auch Sébastien Loeb an den bisherigen Tagen der Rallye, und es fuchst dessen Teamkollegen Stéphane Peterhansel. Denn in Jean-Paul Cottret hat Peterhansel einen der besten Navigatoren an seiner Seite. Aber der hat bislang herzlich wenig zu tun.

Die schräge Charakteristik beschert uns immerhin einen kernigen Dreikampf unter den drei Speerspitzen von Peugeot, sodass sich die Rallye momentan in ein Dreifronten-System aufteilt: Die dominanten Peugeot raufen untereinander, was das Zeug hält, dahinter puschen sich X-Raid und Toyota, und dahinter wiederum kämpfen die Hilux-Drifter intern um die Vorherrschaft. An Dramatik fehlt es der Rallye nicht. Es wäre nur wünschenswert, wenn X-Raid und Hallspeed eine Spur näher an den Peugeot dran wären. Dann wäre die Rallye jetzt schon ein noch viel größerer Kracher.


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