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13.01.2019

Daily Dakar Episode 7 – Russen-Rüpel aus der Blauen Brigade?


Nee, Kinners, was für ’ne Aufregung gestern plötzlich im Biwak. André Karginow sah sich im Zentrum wüster Anfeidungen, nachdem der Kamaz-Lkw-Fahrer auf der vorigen Prüfung in eine Zuschauergruppe gefahren und dort einen Fan übergemangelt hatte.

Das Problem: In den Sozialen Netzwerken, auf YouTube und Facebook, waren Videos aufgetaucht, die zeigen, wie Karginow scheinbar grundlos und gezielt auf die Zuschauergruppe auf einer Düne zufährt – anstatt, wie einige Buggys im Hintergrund der Aufnahme, einen sicheren weiten Bogen zu fahren.

Prompt toste eine Welle der Empörung durchs Biwak, sie schwappte auch in die digitale Welt. Vor allem die Niederländer forderten eine drakonische Bestrafung von Karginow, und ich hörte selbst aus berufenem und sonst besonnenem Munde, die Kamaz-Teamleitung müsse den Fahrer nach solch’ einem Lapsus für immer rauswerfen.

Dann macht man sich als Journalist mal kurz die Mühe, etwas zu recherchieren, und schon egalisiert sich der ganze Tratsch und das ganze Gemotze im Biwak: Karginow ist nicht gefahren wie eine Wildsau, sondern kämpfte mit einem kaputten Lkw. Die Vorderachsuntersetzung, die die Kraft vom Unterflurmotor an die Front regelt, war gebrochen, sodass die gesamte Leistung des 13 Liter-Turbodiesel von Cummins nur noch an die Hinterhand abgegeben wurde. Deswegen taumelte der kastrierte Allradler nur noch mit Heckantrieb durch den tiefen Pieselsand.

Das Fahrverhalten wird dann unkontrollierbar, wenn man nur Allradantrieb gewohnt ist.

Deswegen torkelte Karginow auf die Gruppe zu und hoffte, die Fans würden die Gefahr erkennen und wegrennen. Taten sie auch – aber zu spät: Der Südafrikaner Evens Derek Hudson wurde noch gestreift und brach sich dabei ein Schienbein.

Man muss zunächst mal konstatieren: Glück gehabt. Denn eine solche Begegnung mit dem Dickschiff kann auch viel schlimmer ausgehen.

Und dann kann man Karginow vorwerfen, er hätte sich eingedenk des schwammigen Fahrverhaltens seines Lkw zurückhalten müssen. Nur: Wer das tut, versucht nicht, sich in die Seele eines Sportlers reinzuversetzen. Die ticken nämlich anders als Otto Normalverbraucher, Vernunft und Rücksicht werden zugunsten von schnellen Zeiten und guten Ergebnissen gern hintangestellt.

Gerade bei Russen. Das kenne ich noch aus meiner Zeit als junger Eisspeedwayreporter, von vielen Begegnungen mit Stars wie Juri und Sergei Iwanow oder Alexander Balaschow etwa am Frankfurter Ratsweg, in Berlin-Wilmersdorf oder ganz besonders in Saransk und Krasnogorsk.

In gewisser Weise funktioniert Kamaz immer noch wie die roten Spikeritter damals: Man bildet im Fahrerlager – hier halt im Biwak – eine Art Wagenburg, die einen etwas abweisenden Charakter hat. Doch wer sich in den inneren Zirkel vorwagt, der trifft auf herzliche, begeisterungsfähige Sportler. Wenn auch oft nur mit rudimentären Englischkenntnissen.

Und je bohrender, präziser, fachkundiger, manchmal auch kritischer die Fragen werden, desto weniger Englisch können die Russen plötzlich.

Ich finde den Umgang mit Russen und auch mit den Kamaz-Tartaren spannend. Deswegen ärgert es mich auch so, dass über Karginow einfach so der Stab gebrochen wird. Heute waren er, Teamchef Wladimir Tschagin und Teamärztin Irina Zelenkowa im Krankenhaus von Arequipa, um den Überfahrenen zu besuchen. Und der ließ die Vorhut der Blauen Brigade nicht nur vor, sondern zeigte sich erfreut und erheitert zugleich.

Die Sozialen Medien machen es einfacher, Einblicke bei der Dakar zu erhalten. Gerade bei diesem weit ausmehrenden Wettbewerb kann man plötzlich in einem Video sehen, wie Matthias Walkner beim Tankstopp humpelnd nach einem Doktor verlangt, wie der deutsche Motorradprivatier Sebastian Bühler auf der Felge über den Asphalt der Verbindungsetappe rumpelt – man beamt sich ins Geschehen, das sonst zu weit weg wäre. Das ist toll.

Die meisten Teilnehmer setzen die Social Networks auch sinnvoll ein: als Info-Übermittlungsinstrument. Wenn ich da an manch’ andere Motorsportler denke – Mercedes twittert allen Ernstes, die User sollen nachdenken, ob Valtteri Bottas seinen neuen Dreitagebart behalten solle. Und BMW forderte im vergangenen Jahr in einer ganzen Serie von Technikdetailfotos auf, die Nutzer mögen das gezeigte Teil benennen, „aber nur falsche Antworten, bitte“.

Das ist nicht lustig, das ist Zeitdiebstahl.

Da bin ich froh, dass die Dakar-Teilnehmer mit mehr Menschenverstand zur Sache gehen und sich Mühe geben, uns alle mitzunehmen in ihre Welt.

Auch wenn im Falle Karginow die Emotionen durchgegangen sind. Gerade die Niederländer projizieren oft zu viele Feindbilder auf die Blaue Brigade, weil die – ganz ihrem Namen gerecht werden – mit militärischen Präzision ihren Stiefel und ihre Taktik durchzieht, dabei auch schon mal zu rüden Methoden wie Blockieren in engen Passagen greift. Das erklärt die Woge des Zorns gegen Karginow.

Letztlich blieb es ein Sturm im Wasserglas, und die Blaue Brigade hat heute neben Karginow noch einen zweiten Kämpfer verloren: An den Außenseiten des Motorblocks von Airat Mardeew waren unkittbare Risse festgestellt worden, Mardeew ziert seit heute Morgen die Ausfallliste.

Das macht die Truckwertung nicht unbedingt spannender, denn Kamaz-Star Eduard Nikolaew hat einen zu großen Vorsprung. Aber es hält den Kessel auch in dieser Kategorie unter Dampf.


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