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08.01.2016

Daily Dakar, Episode 7: Dünne Luft und dicke Backen


Keine Motorsport-Veranstaltung der Welt klettert in so hohe Höhen wie die Rallye Dakar dieser Tage in Bolivien. Etappen und Wertungsprüfungen regelmäßig über 3.500 Metern, teils sogar über 4.000 Metern über dem Meeresspiegel – das gab’s im internationalen Motorsport überhaupt noch nie.

Früher ächzten die Formel 1-Akteure in Kyalami in Südafrika, jetzt sind Rennstrecken in Mexiko die Höhenkoller-Auslöser. Doch sie alle liegen bummelig nur halb so hoch wie die beiden Marathon-Etappen in Bolivien.

Die dünne Höhenluft verursacht Kurzatmigkeit und Kopfschmerzen bei den Fahrern. Manchen wird übel, manche müssen aufgeben, weil zu wenig Sauerstoff im Blut zirkuliert. Blutverdünnende Medikamente werden hinter vorgehaltener Hand vor allem von den Amateuren als Driver’s Little Helper gehandelt. Der hessische Edelprivatier regelte seine Blutzufuhr 2015 über den geschickten Einsatz von Zigaretten, strategisch über den Tag verteilt – doch „Schotti“, dieser humorvolle X-Raid-Kundensportler mit dem großen Herzen, ist heuer ja schon am ersten echten Rallyetag nach einem Stein-Einschlag mit folgendem Überschlag sowie in Konsequenz dessen einem verzogenen Rahmen und Überrollkäfig seines sogenannten Mini ausgefallen.

Neben der reine Höhe sorgte im ersten Teil der Marathonetappe gestern auch das Streckenlayout für eine Einflussnahme: Es ging über sehr lange Strecken schnurgeradeaus.

Die Kombination aus diesen zwei Faktoren machte die Peugeot 2008 unbesiegbar. Denn sie sind Turbodiesel, im Gegensatz zu den Saugmotoren in den Toyota Hilux von Giniel de Villiers/Dirk von Zitzewitz und Yazeed Al-Rajhi/Timo Gottschalk. Und aufgeladene Motoren leiden in der Höhenluft immer weniger als Sauger, weil ihre Aufladung und ihr Ladedruck die dünne Luft im Ansaugtrakt kompensieren können.

Peugeot hat in der Vorbereitung schwer daran gearbeitet, die Motor-Kennfelder auf die Höhenlagen dieser Tage zu optimieren. Wie genau die Franzosen das gemacht haben und was das für einen Folgeeffekt etwa auf die hinter den Kulissen viel diskutierte Rußentwicklung bei den Dieselboliden hat – das rauszurecherchieren war ein ordentliches Stück Arbeit. Ich kann es hier auch noch nicht verraten. Denn es steht alles in der kommenden Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK, die ein paar Wochen nach der Dakar erscheinen wird. Und wir wollen ja in PITWALK – wie üblich – mit verblüffenden Erkenntnissen und Hintergrundwissen aufwarten, dass Sie anderswo nicht finden, um unserem Ruf als „Racer’s finest“ gerecht zu werden.

Auf jeden Fall waren die Auswirkungen der Physik in den vergangenen Tagen klar ersichtlich. Alle Autos verloren in der Höhe an Leistung und Topspeed im Vergleich zu der Endgeschwindigkeit, für die sie in der Ebene übersetzt sind. Die Toyota Hilux fuhren nur noch 171 statt 187 km/h – waren aber dennoch bei den schieren Topspeeds um 14 km/h langsamer als die Peugeot.

Die X-Raid, die offiziell als Mini fahren, aber keine sind, fahren dieses Jahr nur noch um knapp zehn km/h schneller als die Toyota, weil die Südafrikaner mit ihrem neuen Lexus ISF-Motor und einer besseren Aerodynamik fünf km/h Topspeed geholt haben. Doch in der Höhenlage haben die aufgeladenen Selbstzünder von X-Raid auch einen Vorteil gegenüber den Hilux-Pritschenwagen. Zwar nicht so schnell wie die Peugeot, können sie den Hilux beim Rausbeschleunigen aus engen Kurven Zeit klauen.

Vergleichbare Nachteile haben auch die Ford Ranger des südafrikanischen Southspeed-Teams von Scott Abraham. Dessen Speerspitze Xevi Pons sehen Sie auf dem Foto oben. Der Spanier fährt eine starke Rallye. Doch erst nahm er ein lang andauerndes Schlammbad in der ominösen Matschkuhle, und jetzt röchelt sein Sauger in der Höhenluft auch brustschwach vor sich hin. Sonst hätten die Southspeed-Ford auch für eine Überraschung zumindest in der erweiterten Spitze sorgen können.

Auch bei den Motorrädern machten sich Höhenlage und Highspeed-Orgie auf dem Weg nach Bolivien bemerkbar. Die Bikes von Honda und KTM fahren je nach Übersetzung zwischen 175 und 180 km/h schnell. Die Honda waren länger übersetzt und deswegen geradeaus schneller, hatten aber auch aggressive Reifen mit Enduro-Profil und -Stollenhöhe, während die KTM mit klassischen Marathonpneus unterwegs waren. Zudem ist Toby Price, der Aussie auf dem österreichischen Bock, ein rechter Hüne. Die im Vergleich zu Hänflingen wie Joan Barreda, Paolo Gonçalves oder Matthias Walkner breiteren Schultern kosten allein schon drei km/h Topspeed.

An was man alles denken muss.

Gestern, im zweiten Teil der Marathonetappe, war die Prüfung nicht mit so vielen Geradeauspassagen gespickt. Dafür gab’s happige und lange Flussbett-Durchfahrten. Das ging eher auf die Reifen als auf die Topspeeds. Bei den Motorradfahrern änderte sich daher hinten raus das Kräfteverhältnis: Die konservativen Pneus von KTM hielten die ganze Etappe durch, die aggressiven von Honda gingen am Ende in die Knie.

Bei den Autos konnten die Peugeot den Buggy-Konzeptvorteil dagegen auch im Flussbett ausspielen: größere Reifen und höhere Federwege, damit lassen sich die Schläge von den Geröllbrocken besser verknusen als mit den tieferen und kleiner bereiften Allradlern. Kein Wunder, dass die beiden teils deutsch besetzten Hilux am Donnerstag mit Reifenschäden strandeten.

Und das, obwohl die Hilux drei und die Peugeot nur zwei Reserveräder mit auf die Marathonetappe genommen hatten. Aus Gewichtsgründen. Was ein Risiko war: Carlos Sainz hatte auf dem ersten Teil schon einen Reifenschaden, am Donnerstag durfte ihm also tunlichst nichts passieren.

Tat es aber auch nicht, sodass nun drei Peugeot auf den ersten drei Plätzen liegen. Und die Konkurrenz nur noch auf die Zuverlässigkeit bauen kann.

Für Al-Rajhi/Gottschalk könnte selbst das schon zu wenig sein. Denn der Saudi litt am Donnerstag gegen Ende unter einem Höhenkoller, mit Übel- und Müdigkeit sowie Konzentrationsstörungen. Und am Freitag, rund um den gefürchteten riesigen Salzsee, geht’s noch ein Mal ziemlich in die Höhe, ehe es dann wieder extrem schnelle, zudem meist über Wege führende Passagen gibt. Das Roadbook für den Freitag ist zwar dick wie eine Bibel, und es lauern auch einige knifflige Passagen. Aber die Überlegenheit von Peugeot scheint auch für den zweiten bolivianischen Tag in Stein gemeißelt zu sein.


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