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12.01.2019

Daily Dakar Episode 6 – Die härtesten Knochen


Alle Jahre wieder kommt dieselbe Erkenntnis: Die härtesten Hunde der Rallye Dakar sind und bleiben die Motorradfahrer. 2019 bestätigt ausgerechnet Matthias Walkner diese Einschätzung – der Vorjahressieger aus Kuchl im Salzburger Land, der in seiner österreichischen Heimat seit dem Jänner 2018 zu so einer Art Volksheld geworden ist.

Gestern, auf der letzten Etappe vorm Ruhetag, hinterließ Walkner ein beklagenswertes Bild: Er wankte mit unsicherem Schritt durchs Biwak, vergaß auf dem Weg zum Start der Speziale sogar das Nachtanken und musste noch mal beidrehen, es er sich in den Massenstart werfen konnte – denn er stand unter starker Medikation.

Und die Schmerzmittel, die ihm die Ärzte aus peruanischen Apotheken besorgt hatten, müssen wohl noch Geheimrezepte der Incas in sich getragen haben. Jedenfalls äußerte Walkner sich im Etappenziel selbst verblüfft davon, wie groggy und schwummrig er sich gefühlt hätte.

Doch die Schmerztabletten sind bitter nötig gewesen. Denn am Tag davor ist der enge Freund und Trainingspartner von Österreichs Sportler des Jahres, dem Dominator der Skialpinisten Marcel Hirscher, mit Karacho in einen Hang gekracht. Mit einer Einlage, die durchaus Comicheftcharakter hatte: Walkner sprang über eine Kuppe, schätzte dabei aber die Höhe des Gegenhangs am anderen Ende des Grabens falsch ein – und krachte voll gegen diese Kante.

Dabei stieß er dermaßen brutal an, dass er im ersten Blick sogar glaubte, er hätte sich den rechten Knöchel gebrochen. Das erwies sich zwar als verfrühte Selbstdiagnose. Doch am Abend humpelte und krückelte er dermaßen steif durchs Biwak der Marathonetappe, dass man ihm am liebsten einen Gehstock angeboten hätte.

Aber den hatte keiner der anderen Fahrer in seinem Rucksack, und externe Hilfe ist während einer Marathonetappe ja verboten.

Auch gestern, auf dem zweiten Teil der Marathonetappe, litt Walkner Höllenqualen. Bei der Zieleinfahrt fragte er die Sportwarte als erstes nach einem Arzt und nach Schmerzmitteln. Denn er hatte über weite Strecken recht weit nach hinten gebeugt auf der Maschine gehockt, die verdrehte Haltung hatte die Schmerzen im Fußgelenk sowie den Bändern und Sehnen noch weiter verschärft.

Auf Aufgeben kommt für solche harte Knochen nicht infrage. Die Frage, ob die Ärzte im Team nicht lieber den KTM-Teammanager Jordi Villadoms verständigen sollten, umschiffte Walkner mit eleganter Tollpatschigkeit: „Ich höre seit fünf Stunden nur Brumm-Brumm-Brumm – ich kann Sie nicht verstehen.“ Grummelt’s und braust weiter, in Richtung Biwak und einen wohlverdienten Ruhestand.

Nun ist Walkner nicht der einzige, der mit der Gesundheit kämpft. Seine Teamkollegin Laia Sanz war im Sommer über weite Monate wegen Pfeiffer’schen Drüsenfiebers außer Gefecht – und zwar der gefährlicheren Variante, die auch in Schilddrüsenkrebs übergehen kann. Aber die Iberin ist am Start und kämpft sich bislang auch erfolgreich durch die Wüste.

Und Toby Price fährt so oft es geht einhändig. Denn er muss das rechte Handgelenk schonen. Beim Testen in Dubai hat er sich kurz vor Weihnachten einen Kahnbeinbruch zugezogen. Er musste sogar entgegen der Planung heimfliegen nach Australien, um sich dort einer Behandlung zu unterziehen.

Nun sind Australier per se harte Hunde. Ich erinnere mich immer noch mit Wonne und Bewunderung an einen Speedway-Fahrer aus Mildura, Jason Lyons, der mir als damals Zweitem Vorsitzenden des MC Norden seinen Start bei unserem traditionellen Pfingstrennen zugesagt hatte – sich aber in der Woche davor bei einem Ligarennen in England schwer verletzte: zwei gebrochene Rippe, eine davon hatte die Lunge aufgeschlitzt. Seinerzeit gab’s noch keine E-Mail, also musste ich den Verletzten mit schlechtem Gewissen anrufen – und der sprach die denkwürdigen Sätze, natürlich werde bei uns antreten, „I’m not gonna fuck you around“.

Tat er dann auch nicht: Lyons gewann das Rennen mit ungeschlagenem Maximum.

Da überrascht es mich nicht, dass der taffe Landsmann Price sich mit seinem Kahnbeinbruch durchbeißt, auch wenn es noch so wehtut.

Der langmähnige Aussie ist ohnehin eine Ausnahmeerscheinung. Als ich im vergangenen Jahr bei den 24 Stunden von Daytona mit Earl Bamber, dem Porsche-Werksfahrer, beim Abendessen saß, zeigte der mir voller Bewunderung Instagram-Fotos vom Account des Toby Price. Da drauf waren Röntgenbilder zusammen, die den KTM-Piloten von innen verschraubt und zusammengenagelt zeigten. Bamber, als Neuseeländer eigentlich kein Freund von Australiern, wusste um meine Arbeit der Dakar – und zeigte seine Bewunderung für den harten Knochen vom Fünften Kontinent völlig unverhohlen.

Price selbst hat im Sommer – also dem australischen Winter – einiges dafür getan, seinen Ruf zu untermauern. Er ist gut mit Bryce Menzies befreundet – jenem US-Amerikaner aus dem Baja-Sport Kaliforniens, der sich bei der Dakar 2018 mit dem neuen Buggy von X-Raid gleich zu Beginn vorwärts überschlagen hat, und zwar mehrfache. Menzies und Price bestritten im Sommer einige Bajas in Kalifornien.

Dann kam das Finke Desert Race in Australien. Quasi das dortige Gegenstück zu den Bajas – eine Marathon-Querfeldeinfahrt im Outback hinter Alice Springs.

Es ist jenes Rennen, das auch der australische Speedwayfahrer Leigh Adams nach seinem Karriereende so gern bestritten hätte. Doch dann verunglückte Adams bei der Vorbereitung derart schwer, dass er seither an den Rollstuhl gefesselt ist.

Price ist Dauerstarter beim Finke Desert Race, er gehört dort ebenso zum Inventar wie zu den Hauptattraktionen für die Fans.

Auch Mitte 2018 ist er wieder am Start. Und was er da getrieben hat, ist so sensationell, dass ich es Euch unbedingt erzählen muss – im Pitcast, dem neuen Podcast von Montag, wenn die Rallye Dakar in ihre zweite Halbzeit geht. Denn dann möchte ich noch ein bisschen weiter auf die Qualen von Walkner eingehen, wenn ich am Ruhetag mal in Ruhe mit ihm gesprochen habe. Und in dem Kontext bietet sich auch die Heldensage von Toby Price an.

Also freut Euch jetzt schon auf den Pitcast vom Montag.

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