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17.01.2016

Daily Dakar, Episode 16: So ein Journalistenleben während der Dakar


Dieses Bild hat Dirk von Zitzewitz gestern nach der Siegerehrung auf seiner Facebook-Seite gepostet.

Es hat mich so neidisch gemacht, dass ich es gleich mal ungefragt gemopst habe.

Denn der Gute aus Schleswig-Holstein durfte sich gestern Abend endlich wieder das erste Bier gönnen – zur Feier des kleinen goldenen Beduinen für den dritten Rang bei der Rallye Dakar. Bei mir geht dagegen die lange Dürre noch weiter. Denn meine Rallye Dakar-Sendungen gehen heute Abend und auch am morgigen Montag noch weiter. Und so lange bin ich – fast wie ein echter Spitzensportler – auch zur totalen Abstinenz verurteilt.

Denn die Dakar ist aufgrund der immensen Umfänge und der kruden Sendezeiten auch für uns Journalisten ein ganz besonderer Aufwand.

Ich habe heute, nach dem es mit dem absoluten Ernstfall vorbei ist, aus Spaß mal nachgeschaut. Seit die Rallye läuft, habe ich genau 74 DIN-A4-Seiten voller handschriftlicher Notizen gemacht. Nur von selbst geführten Gesprächen, um das Tagesgeschehen quer durch alle Klassen so gut es geht recherchieren zu können.

Dazu kommen noch mindestens dieselbe Anzahl an Seiten, die der Fernsehsender Eurosport uns Kommentatoren mit Infos zur Verfügung stellt. Auf denen steht aber nur der grobe Sendungsablauf, also wann in den 26 Minuten welche Klasse dran kommt und wann welcher Teilnehmer durchs Bild fährt. Offiziell heißt das Skript, doch bei der Dakar ist es eher eine Shotlist, weil so gut wie keine belastbaren Informationen drinstehen außer dem reinen Bild.

Zu wissen, wer in der Abfolge der Sendung zu sehen ist, hilft schon mal immens. Denn wir kommentieren bei Eurosport ja alles live. Was gesagt ist, ist gesagt; es gibt kein „Mist-ich-habe-mich-versprochen-können-wir-das-noch-mal-neu-vertonen-bitte“.

Aber für eine inhaltlich sinnvolle Sendung braucht man mehr Informationen. Vor allem, weil ich ja nicht nur die halbe Stunde kommentieren, sondern auch noch diesen Blog mit Zusatzinformationen bestreiten wollte – und dazu noch für die ausgiebige Analyse in der kommenden Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK zusätzliches Wissen recherchieren wollte.

Dabei weist die Marathonrallye gleich zwei Besonderheiten auf: vier Klassen, Autos, Lkw und Motorräder gemischt – und die Zeitverschiebung zwischen Austragungsort auf der südlichen und Sendeort auf der nördlichen Erdhalbkugel.

Die Zeitdifferenz zwingt die Recherche in ein sehr enges Zeitfenster. Die Teilnehmer kommen erst so kurz vor der Sendung ins Ziel respektive ins Nachtlager im Biwak, dass man nur ganz kurz Zeit hat, mit ihnen zu reden, ehe man sich dann zur Vorbereitung und zur Strukturierung der ganzen Informationen zurückziehen muss. Manchmal langt die Zeit auch gar nicht aus, dann verpasst man den einen oder anderen Akteur für einen Abend komplett.

Auch Presseinformationen kommen vor der Sendung wenn überhaupt, dann nur spärlich raus, weil deren Verfasser natürlich ebenso ihre Zeit zum Recherchieren und Schreiben brauchen. Aber ich lese eigentlich generell keine Presseinformationen, weil da nur höchst selten etwas drinsteht, mit dem man als Journalist wirklich arbeiten kann.

Bei den 24 Stunden von Le Mans haben die Kollegen von Radio Le Mans sich lange Jahre den Spaß gemacht, „the most pointless press release of the day“ zu wählen und in ihrem Internetradio zu verspotten. Die Auswahl war meistens sehr groß und fiel den englischen Lästermäulern schwer. Ich kann sie verstehen.

Also zählt nur das persönliche Gespräch. Zum Glück sind manche Teilnehmer sogar dazu bereit, nach der Wertungsprüfung, auf dem Weg über die Verbindungsetappe zum Biwak, mir per Mobiltelefon ihre Updates und Erklärungen zu geben. Das ist zwar immer ein mühseliges Telefonat, weil es in solch’ einem Rallyewagen klötert und scheppert – aber unheimlich wichtig gerade an Tagen, an denen viele Kilometer geschrubbt werden müssen.

Da die Biker morgens als erste starten, sind die Motorradler auch am frühesten wieder im Biwak. Die Ansprechpartner dort sind also früh gut informiert, und die Nachrichten- und Hintergrundlage aus der Motorradwertung ist entsprechend auch jeden Abend recht dicht. Bei den Autos sind meist nur die ersten Profis im Ziel. Und auch nur solche, die eine weitgehend problemlose Etappe gehabt haben. Und die Lkw erreichen das Biwak in der Regel samt und sonders erst nach der Sendung.

Das heißt, mit dem Gerüst an Informationen zieht man vors Mikro und schaut dann, dass man live sprechend so viele Infos wie möglich zu den Bildern abruft und dem Geschehen verbal einen tieferen Sinn geben kann.

Alles, was in die Sendung nicht einfließen konnte, wandert in den Hinterkopf oder bleibt auf dem stetig wachsenden Stapel A4-Papier.

Nach der Sendung wird weiter recherchiert, um die nächsten Zielankömmlinge abzupassen und all’ das zusammenzutragen, was in die Sendung nicht mehr reingekommen ist. Irgendwann ab ins Bett, und am nächsten Morgen die nächste Rechercherunde, bevor der Dakar-Tross sich aufmacht in die nächste Etappe.

Dieses Hamsterrad durchläuft man während der gesamten Dakar jeden Tag. Lediglich am Ruhetag nicht. Da recherchiert man schon früher, weil die handelnden Akteure im Laufe des Vormittages im Biwak eintrudeln und mehr Zeit für Gespräche mit unsereinem haben.

Wenn die Etappen laufen, verfolge ich das Geschehen über die Live-Zeitnahme der Rallyeorganisatoren, um so in Echtzeit auf dem Laufenden zu bleiben und zu wissen, wonach ich abends in den Gesprächen fragen muss. Dabei bleibt zumindest die Zeit, nebenher an der nächsten Ausgabe von PITWALK zu arbeiten. Denn deren Redaktionsschluss rückt ja auch schon wieder bedrohlich nahe, und wir wollen da ja nicht nur die Rallye Dakar drin haben, sondern auch andere Themen. In der vergangenen Woche etwa drehte sich viel um die Marke Ford. Aber davon berichte ich ein anderes Mal an dieser Stelle.

Jedenfalls lässt der grimmige Zeitplan der Dakar in den ersten beiden Januar-Wochen nur wenig Zeit für Laissez-faire. Aber warum soll es einem Journalisten besser gehen als den Fahrern und Beifahrern da draußen?

Die konnten immerhin schon einen Abend früher zum entspannten Teil übergehen. Und Rosario ist bekannt als Stadt mit einem regen Nachtleben. So haben wir es ja auch in unserer großen Reisegeschichte in der aktuellen Ausgabe von PITWALK rausgearbeitet – in der wir alle Dakar-Zielorte auch aus touristischen Aspekten beleuchtet haben. Denn die Rallye ist ein Motorsport-Event der Extraklasse, ein Abenteuer – und für manche auch ein Anlass zu einem unvergesslichen Erlebnisurlaub.

Neben der alltäglichen und vor allem -abendlichen Recherche nahm die Rallye natürlich auch schon in den Wochen vor dem Start einen großen Teil der Arbeitszeit in Beschlag. Denn der Marathonsport gerät ja leider zwischen zwei Dakars immer wieder in Vergessenheit, weil er eine echte Randsportart im Motorsport ist. Deswegen muss man sich im Vorwege schon wieder alle Zusammenhänge ins Gedächtnis rufen – und bei Teams und Fahrern die Neuerungen für die nächste Auflage abfragen. Das ist mehr Rechercheaufwand, als wenn man – wie etwa bei der Sportwagen-WM – permanent am Ball ist und laufend vor Ort immer wieder die neuesten Entwicklungen mit bekommt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Motorräder und Lkw für meinen Arbeitsalltag Exoten darstellen, in die ich mich besonders intensiv hineinfuchsen muss. Vorab-Telefonate sowie der Besuch der offiziellen Rallyerouten-Präsentation in Paris und Treffen mit den Peugeot-Fahrern gehörten in diesem Jahr zum Herbst- und Adventsprogramm dazu wie Glühwein und Weihnachtsmarktbratwurst.

Um so schöner ist es dann, wenn über Facebook und Twitter so viele nette Kommentare zu meiner Arbeit einlaufen. Da sieht man, dass es all’ die Mühen wert war. Das gibt einem Kraft für die nächsten Aufgaben, und die stehen ja schon wieder an.

Jetzt geht’s für unsere ganze Mannschaft mit Hochdruck weiter mit der Ausgestaltung der nächsten Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK. In der Hoffnung, dass Sie auch danach wieder viel Lob und Anerkennung zu posten und twittern haben, weil Sie auch das nächste Heft wieder genießen können.


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