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12.01.2017

Daily Dakar, Episode 16: Alles Chaos. Und nun?


Alex Doringer hatte Zeit zum Rechnen. Der Teamchef von KTM, der dominanten Marke aus der Motorradwertung, kam darauf, dass bis heute Morgen gerade mal 1.600 Kilometer der Rallye Dakar scharf im Wettbewerb absolviert worden seien; der Rest waren Verbindungsetappen, Verkürzungen oder Umleitungen.

Im direkten Vergleich fällt das für die Dakar schlecht aus. Denn bei der Marokko-Rallye im November reißen die Akteure binnen einer Woche 1.800 gezeitete Kilometer ab. Für weniger Nenngeld, geringere Reise- und sonstige Nebenkosten.

Entsprechend gedrückt ist die Stimmung im Biwak, vor allem bei den Privatiers. Die Amateure geben ihr eigenes Geld aus, um bei der Marathonrallye eine Mischung aus Sport und Abenteuer zu erleben. Eine Woche lang mit Kopfschmerzen – wegen der dünnen Höhenluft – und dazu noch mit zu wenig Wertungsprüfungskilometern zu fahren, entspricht nicht deren Definition einer gelungenen Rallye. Und erst recht nicht dem, was sie unter einem guten Preis/Leistungs-Verhältnis verstehen.

Da liegt der Gedanken des „Früher war alles besser“ nahe. In Afrika wäre das nicht passiert. Wie man heutzutage so verquast im hippen Neudeutschsprech sagt: Das stimmt zum Teil.

In der Sahara und auch im Senegal mussten früher in der Tat keine Etappen wegen Regens und dessen Folgen abgesagt werden. Dafür gab es Sandstürme und in Nordafrika auch übel angeschwollene Flussbetten, die bei der Roadbook-Planung noch einladend trockengefallen dagelegen hatten.

Natürlich hat die Dakar durch die Verlegung nach Südamerika ihr Gesicht verändert. Nicht wenige wünschen sich eine Rückkehr nach Afrika, doch dafür ist die Gesamtsituation auf dem Schwarzen Kontinent immer noch zu unsicher, und zwar auf absehbare Zeit. Und es gibt auch noch andere Gründe, die gegen eine Rückkehr nach Afrika sprechen, in der neuen Ausgabe von PITWALK, die am 24. Februar erscheint, werden wir das in einer schonungslosen Analyse aufdecken.

Es bringt nichts, vergangenen Zeiten hinterher zu trauern. Klar, auch ich finde, dass die Formel 1 und die Sportwagen-WM früher faszinierender waren als in der heutigen durchgestylten und von Konzernrichtlinien geprägten Welt. Aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Und denken Sie nur mal an den Fußball? Ist die heutige Generation im Vergleich zu Haudegen wie Horst Hrubesch oder Paul Breitner auch nur noch ein fader Abklatsch, und dennoch begeistert sie die Massen.

Mich nicht. Deswegen kann ich die Kritik an der Dakar auch nachvollziehen. Aber im Großen und Ganzen muss ich sagen: Die Rallye ist noch eine der wenigen Motorsport-Sparten, in der zumindest die alten Grundwerte hochgehalten werden. Haudegen mit gewaltigen Maschinen in unwirtlichem Gelände vollbringen bewundernswerte Leistungen. Diesen Gesamteindruck hat man heutzutage in kaum noch einer Rennserie, früher waren das genau die Normen und Werte, die den Motorsport so interessant gemacht haben.

Natürlich muss man an den Stellschrauben justieren, um die Dakar in Südamerika wieder attraktiver zu machen. In der allgemeinen Wahrnehmung gehören Dünen und Wüsten zu einer Rallye Dakar untrennbar dazu. Es gibt einen einfachen Weg, die wieder zu integrieren, und den zeige ich in der Analyse in der nächsten PITWALK auch klar auf. Da steht aber auch drin, welche Gründe momentan noch dagegen sprechen, diesen Weg zu gehen. Die Veranstalter werden darüber nachdenken müssen, diese Gründe im Sommer aus dem Weg zu schaffen, und ich bin sicher: Sie tun das auch. Denn die A.S.O. ist ja kein kleiner Motorsport-Verein, sondern eine hochprofessionelle Veranstalter-Agentur, die unter anderem auch die Tour de France ausrichtet. Die lassen sich ihr Geschäft nicht kaputtmachen, garantiert nicht.

Oft höre ich in den letzten Tagen Klagen aus dem Biwak, die Veranstalter würden ja nicht auf die Wünsche der Aktiven hören. Daran tun sie aber gut. Denn was die Fahrer, Teamchefs und Ingenieure momentan sagen, ist geprägt von deren eigenen Emotionen. Erst mit ein bisschen Zeit zum Nachdenken werden zum Beispiel auch die in diesem Jahr Besiegten so differenziert reflektieren, dass ihre Worte neutral genug sind, sie in Überlegungen mit einzubeziehen.

Derzeit blühen noch Verschwörungstheorien, und dafür ist gerade das Dakar-Biwak immer wieder erstaunlich anfällig. Die müssen erst mal verwelken, dann bleibt zu hoffen, dass man im Sommer in sich geht.

Denn eins ist klar: Noch so ein Jahr wie dieses kann die Rallye sich nicht leisten. Denn dann gehen als erstes die vielen Privaten – und die sind das Rückgrat der Veranstaltung, genau wie etwa beim 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.

Man kann durchaus Parallelen zum Eifel-Klassiker ziehen. Der hat sich in den vergangenen Jahren nämlich nicht zu seinem Vorteil verändert. Die Zuschauer sind mehr und mehr zu einem Ballermann-Publikum verkommen, viele alte Ring-Hasen interessieren sich deswegen nicht mehr für einen Besuch. Und die Veranstalter stellen wirtschaftliche Interessen – sprich: eigene Einnahmen – über den sportlichen Wert und vor allem die Förderung des Breitensports. Doch sie können es sich leisten, weil jeder auf der Nordschleife fahren will.

Die Dakar geht diese Trivialisierung des Motorsports nicht mehr mit. Doch sie hat ihr Alleinstellungsmerkmal verloren, anders als die Nordschleife. Wenn sie sich so weiterentwickelt, dass sie bald nur noch eine besonders lange Baja ist, dann wird das die hohen Ausgaben der Privatiers nicht mehr rechtfertigen. Diesen Trend gilt es jetzt zu stoppen.

Bei der Reform kommt erschwerend hinzu: Die Organisatoren sind Franzosen – und als solche weder sonderlich kritikfähig noch zur nüchternen Analyse fähig. Diese Eigenheiten muss man ebenfalls im Hinterkopf behalten, wenn man ich anguckt, was gerade und in den kommenden Wochen passiert.

Ein bisschen Chaos gehört zur Dakar dazu, das nehmen die Aktiven auch wissend in Kauf. Die Nostalgie nach mehr Dünen ist zu lösen, aber schwierig. Schließlich hat Chile, das Land mit den schönsten Wüsten da unten, seine Ausrichterschaft zurückgegeben, um dem Unwetterphänomen El Ninjo gewappnet zu sein.

Klang damals irgendwie nach Ausrede, doch die Folgejahre und gerade vorgestern haben gezeigt, dass die Chilenen die richtige Vorahnung haben. Genau wie die A.S.O., als sie die Dakar wegen Terrorgefahr aus Afrika abzogen. Auch dort lehrt uns die jüngere Geschichte gerade, dass sie recht hatten.

Was auch immer wieder diskutiert wird: eine zeitliche Verlegung in eine Jahreszeit, in der das Wetter in Südamerika besser ist, wo also solche Unwetter wie vorgestern schlicht unwahrscheinlicher sind. Aber die Dakar-Veranstalter wollen ihre Nische behalten, in einer Zeit zu fahren, wo es sonst keinen großen Motorsport gibt – um nicht in mediale Konkurrenz zu anderen Events zu treten. Und sie brauchen auch die ruhigen Tage rund um den Jahreswechsel und in den noch tranquilen Januar hinein. Denn viele der Amateure sind Firmeninhaber oder leitende Angestellte. Die können in den ruhigen Tagen, in denen im Wirtschaftsleben alles im Winterschlaf ist, eher mal für gut zwei Wochen aus der Firma weg als mitten im Geschäftsjahr.

Man muss bei der Ausrichtung solch’ einer Mega-Veranstaltung mehr Details und Facetten bedenken als man auf den ersten Blick denkt. Und nur, wer – wie ich im Speedway – schon mal selbst Rennen organisiert hat, weiß: Man kann manchmal gar nicht so blöd denken, wie es in Wirklichkeit kommen kann.

All’ diesen Kredit sollte man jetzt auch den Dakar-Veranstaltern einräumen. Ohne ihnen dabei freilich die Reform-Notwendigkeit komplett zu erlassen. Denn das was geschehen muss, ist klar.

Auch wenn fürs Wetter nun wirklich keiner was kann.


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