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16.01.2016

Daily Dakar, Episode 15: Fliegende wahnsinnige Holländer


Plötzlich hat die Harmonie Einzug gehalten in die Rallye Dakar. Seit gestern geht es in Südamerika zu wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film: In den drei wichtigsten Klassen finden sich Pärchen an der Spitze, die händchenhaltend dem Ziel entgegen fahren. Peugeot stellt entweder Cyril Despres oder – wie gestern – Sébastien Loeb – als potenzielle schnell Eingreiftruppe für den Führenden Stéphane Peterhansel ab. Bei KTM fährt der Aussie Toby Price einem eigentlich unglaublichen 15. Sieg in Folge für die österreichische Marke entgegen, und Antoine Meo steht als Sondereinsatzkommando parat – vorausgesetzt, seine Handgelenksverletzung von gestern lässt das auch heute noch zu.

Und bei den Lastwagenfahrern kann sich Gerard de Rooy auf seinen Adlatus Ton van Genugten verlassen, der ihm gestern über acht Stunden lang treu zur Seite gestanden hat.

Die Lkw-Kutscher sind für mich so was wie die heimlichen Helden der Dakar. Die Truckies kommen allabendlich erst so spät in Ziel und Biwak, dass es rein zeitmäßig nicht möglich ist, ihr Tagesgeschehen journalistisch rauszurecherchieren und die passenden Fernsehbilder dazu zusammenzuschneiden. Deswegen fallen sie bei den täglichen TV-Analysen immer ein bisschen hinten runter.

Das war zu Zeiten, als die Dakar in Afrika fuhr, noch anders, denn da war der Zeitunterschied zu Europa nicht so groß, und die Produzenten vor Ort hatten mehr Zeit, konnten sich daher auch den Dickschiffen der Wüste widmen.

Viele der wirklich spannenden Informationen aus der Lkw-Wertung erfahre ich erst, wenn ich nach der allabendlichen Sendung weiter recherchiere. Das fuchst mich. Denn ich habe den Ehrgeiz, auch die Lkw ausführlich und fachkundig zu begleiten. Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, was das für ein toller Sport mit gewaltiger Technik und pfundigen Typen als Hauptdarstellern ist. Schließlich habe ich für unsere Zeitschrift PITWALK schon mal in einem bis heute unvergessenen Selbsterfahrungserlebnis auf dem Mittelsitz eines echten MAN-Racetruck Platz genommen, als der langjährige Dakar-Recke Franz Echter den bei Tests durch einen Tagebau in Ostdeutschland fliegen ließ. Die krachende Erfahrung auf dem Hochsitz, auf dem im Echtfall der Navigator sitzt, wird mir bis ans Ende aller Tage in Erinnerung bleiben. Man fühlt sich wie in einem echten, straff abgestimmten und satt liegenden Rallyewagen – nur halt im dritten Stock, mit entsprechender Seekrank machender Unruhe und einem mächtig von hinten schiebenden Aufbau. Das ist eine Form von Motorsport, die ganz eigenen Gesetzen gehorcht.

Außerdem war ich für PITWALK auch schon zu Besuch bei der Familie von Gerard de Rooy, dem designierten Gesamtsieger der diesjährigen Dakar. Dessen Vater Jan hat mit seinen spektakulären DAF-Eigenbauten den Mythos der Dakar-Lkw als Könige der Wüste begründet. Vater Jan und Gerard standen mir für eine knapp 20-seitige Geschichte in deren riesiger Spedition in einem ebenso großen Industriegebiet in Son Rede und Antwort. Das Gespräch war so faszinierend, dass wir mehrere Stunden miteinander verbracht haben und Gerard immer wieder Termine absagen musste. Oder kurze Telefonate mit knappen, aber unmissverständlichen Anweisungen dazwischen schob, während der schwer asthmatische Papa sich die nächste Filterlose ansteckte.

Denn der Blondschopf ist im wahren Leben Geschäftsführer der Schwertransport-Spedition. Die Marathonrallyes betreibt er nur als Hobby. In gewisser Weise erinnert mich die Geschichte, die ich mir zu diesjährigen Dakar extra noch mal aus dem Archiv gezogen habe, an die Story der Gebrüder Gerd und Jürgen Ruch mit deren Ford Mustang aus der Ur-DTM, die in der aktuellen Ausgabe von PITWALK steht: Auch bei den de Rooys schraubt ein Trupp von Mechanikern aus der Spedition abends, nach Feierabend, aus Bock und Leidenschaft für den Sport an den PS-Monstern. Für die Dakar kriegen die Jungs bezahlten Sonderurlaub, ebenso für die Tests oder die Generalproben-Rallye in Marokko, die im letzten Jahr überraschend Martin van den Brinke im – bei der Dakar inzwischen niedergebrannten – Renault gewann.

Die Lkw-Wertung ist eine schwer niederländische Angelegenheit. Selbst der ehemalige Grand Prix-Pilot und Le Mans-Sieger Jan Lammers ist alljährlich dabei. Ein Großteil der „Vrachtwagens“, wie die Klasse auf holländisch heißt, kommen aus unserem Nachbarland, meist von reichen Industriellen in Nebentätigkeit aufgebaut, etwa die Veka-MAN des Reeders Peter Versluis.

Jan de Rooy hat diesen Boom begründet. In unserer Geschichte zeigt er sich stolz auf das, was er für eine Gefolgschaft aufgebaut hat. Inzwischen reicht die auch hinein in die Auto- und Motorradklassen. Selbst die ewigen Sonnenscheine Tim und Tom Coronel, die Rundstrecken-Zwillinge, nehmen alljährlich die Strapazen auf sich – als unbeugsame Solisten in kuriosen Buggy-Konstruktionen. Und der ehemalige Motorrad-WM-Pilot Jurgen van den Goorbergh ist in der Malle Moto-Wertung der Zweiradler am Start – eine Marathonklasse für Amateure, die komplett ohne eigene Gehilfen und Mechaniker auskommen, allabendlich in Zelten nächtigen und alle Reparaturen selbst machen müssen. Für eine Pauschale von 2.500 Euro können sie sich bei KTM den Zugang zu deren mobilem Ersatzteillager kaufen und sich dort bei Bedarf mit neuen Teilen eindecken, ansonsten sind die Malle Motor-Leute Einzelkämpfer am Rande des Wahnsinns.

Bei der Präsentation der diesjährigen Dakar-Route in Paris in der dortigen Woche des Terrors rückten die Organisatoren eine Statistik raus. Danach stellten die Niederlande prozentual einen den größten Anteile des gesamten Starterfeldes, vielleicht war es sogar der größte, so genau weiß ich das nicht mehr. Auf jeden Fall war es eine beeindruckend hohe Prozentzahl

Und das alles wegen der Verrücktheiten von Jan de Rooy.

Alljährlich im Spätherbst gibt es in Valkenswaard den „Pre-Proloog“, ein riesiges Schaulaufen der Dakar-Teilnehmer aus Holland und den direkten Nachbarländern. Da kommen mehr Zuschauer als zu einem DTM-Rennen. Und sie feiern ein riesiges Fest.

Bislang habe ich es noch nicht geschafft, da mal hinzugehen, weil der Pre-Proloog immer in die Hochphase der ausgedehnten Reiserei zu den Übersee-Finalrennen der Sportwagen-WM fällt. Aber eigentlich müsste man sich das Spektakel von Valkenswaard mal geben, denn mehr Dakar vor der Haustür geht nicht.

Das schöne bei den Niederländern im Rennsport ist: Fast alle sind sie positiv Verrückt, mit einer unerschütterlichen guten Laune, einem sensationellen Humor und einer echten Lust am schnellen Leben. All’ diese ganzen Verrückten, dazu noch mit ihren Original-Dakar-Gefährten, live und hautnah in Action zu erleben – da kann’s nur heißen: 2016 auf nach Valkenswaard.

Wenn Sie – wie ich – heimliche Liebhaber der Vrachtwaagens-Kategorie sind, dann bestellen Sie sich doch einfach noch die Ausgaben nach, in denen wir in PITWALK den Selbstversuch mit dem MAN vom „Echter-Franz“ und den Hausbesuch bei Jan und Gerard de Rooy drin haben. Die Ausgaben sind zwar schon ein paar Jahre alt. Aber beide Hefte, und ganz besonders diese Geschichten, haben nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Näher dran als mit diesen abenteuerlustigen Storys werden sie in Deutschland nicht mehr kommen an die mächtige und exotische Lkw-Fraktion.

Schicken Sie uns einfach ’ne Mail an shop@pitwalk.de, und wir regeln alles Weitere. Damit auch Ihre Dakar noch in die Verlängerung gehen kann.


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