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11.01.2017

Daily Dakar, Episode 15: Es gibt heute nur Verlierer


Es hatte sich schon gestern Abend abgezeichnet, über Nacht wurde es dann traurige Gewissheit: Ausgerechnet die wichtigste Etappe der Rallye Dakar kann nicht stattfinden. Dabei hätte heute die Königsetappe auf dem Plan gestanden, wo die Wüste von Fiambalà zum ersten Mal ihre volle Härte ausgespielt hätte.

Dazu hätten alle Teilnehmer heute spätestens um vier Uhr aus den Federn gemusst, die Motorradfahrer sogar noch früher. Das aber war seit gestern Abend eigentlich schon unmöglich. Denn auf der Verbindungsetappe nach der Zieldurchfahrt der gestrigen Wertungsprüfung gab es wegen des Unwetters einen Erdrutsch. Die Landstraße in Richtung Salta musste ganz plötzlich gesperrt werden. Der ganze Dakar-Tross stand ratlos vor Baken und Sperren und wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Denn auch die Rallye-Organisatoren waren von dieser kurzfristigen Sperrung überrascht worden. Sie hatten entsprechend keine Umleitung in petto. Nicht mal das Biwak konnte vollständig aufgebaut werden, weil viele Servicefahrzeuge ebenfalls vor der Erosion zum Stehen gekommen waren.

Erst gegen Mitternacht kamen die ersten Motorradfahrer dann doch noch in Salta an, völlig durchnässt und erschöpft – und mit der Aussicht auf bestenfalls gut drei Stunden Schlaf. Denn da hatten sie ja weder ihr Roadbook für den folgenden Tag schon vorbereitet noch die Nachbesprechung mit den Technikern absolviert, welche die Maschinen vorbereiten mussten.

Auto- und Lkw-Fahrer wären auf noch weniger Schlaf gekommen, weil sie später als die Biker im viertelfertigen Biwak einliefen.

Weder den Mechanikern noch den Aktiven wäre es zuzumuten gewesen, die halbe Nacht zu arbeiten, dann am Folgetag eine hammermäßig gefährliche und dazu auch noch sengend heiße Etappe zu fahren und abends im Glutofen von Chilecito die ganze Prozedur noch mal über sich ergehen zu lassen. Zumal auch die nächsten Tage der Rallye – bis kurz vor dem Zielschuss am Sonnabend – jeweils noch immer gut und gern 1.000 Kilometer Distanz von den Akteuren fordern.

Die Absage ist verständlich. Aber dennoch ist sie ein Schlag ins Kontor. Denn jetzt fehlt dem ganzen leckeren Essen irgendwie der Hauptgang, das so sehnsüchtig erwartete Filetstück.

Und wer profitiert jetzt von der heutigen Absage, wer sind die Verlierer?

Der erste große Sieger ist sicher Autofahrer Sébastien Loeb, denn ihm und seinem Beifahrer Daniel Elena bleibt jene Prüfung erspart, auf der sie sich im Vorjahr überschlugen. Weder Loeb noch ich geben viel auf solche aus der Geschichte abgeleitete Omen. Trotzdem wäre die Schleife von Belèn für Loeb/Elena eine harte Prüfung geworden.

Ich hatte mich im Sommer beim Rallyecross-WM-Lauf auf dem Estering bei Buxtehude lange und in Ruhe mit Loeb über seine Lehren aus der Dakar 2016 unterhalten. Seine Rückschlüsse stehen in allen Details in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK. Kurz gesagt, geht es um eine angestrebte Verbesserung der Navigation, die aber in Einklang stehen muss mit der eigenen fahrerischen Leistung und Konzentration. Loeb hat das in PITWALK sehr plausibel erklärt. Heute wäre der Tag gewesen, an dem er und Elena hätten zeigen müssen, wie gut Theorie und Praxis zusammenpassen.

So aber bleibt Loeb kampflos auf Platz 1, und seinem Verfolger Stéphane Peterhansel wird die Chance genommen, seine ganz individuellen Stärken auszuspielen. Auch Nani Roma und Mikko Hirvonen hätten von ihrer Erfahrung respektive ihrem Charakter her am heutigen Tag ihre Aufholjagd starten können, vielleicht die letzte Chance, doch noch an der Peugeot-Übermacht zu rütteln. Hirvonen erklärt das in seinem Interview in der aktuellen PITWALK ebenfalls ganz genau. Doch auch daraus wird nun nichts, der erste Dakar-Sieg von Loeb ist plötzlich ganz nahe.

Bei den Motorrädern sieht’s sehr ähnlich aus. Spitzenreiter Sam Sunderland bleibt eine harte Etappe erspart – und Juan Barreda-Bort wird um die letzte Chance gebracht, seine gute Stunde Rückstand doch noch signifikant einzubremsen.

Dabei hat Barreda-Bort gerade in der Region rund um Salta im Sommer geheim, aber sehr effektiv trainiert. Eigentlich gehört ja auch Kevin Benavides zu dessen Honda-Werksteam, hat sich aber wegen Handbruchs kurz vor der Dakar einen gelben Schein ausstellen lassen müssen. Die Familie Benavides betreibt aber in Salta eine große KTM-Motorradhandlung. Barreda-Bort flog des Sommers ein und trainierte rund um Salta und auf den argentinischen Wüsten- und Pampa-Strecken, fachkundig in alle Feinheiten des Geländes eingewiesen von Lokalmatador Kevin Benavides.

Seitdem weiß Barreda-Bort auch, was ihm entgangen ist, als er vor zwei Jahren sein vorliegendes KTM-Angebot auf den letzten Drücker doch nicht annahm.

Wie groß der Trainingseffekt ist, zeigt eine genaue Analyse der Zeitenentwicklung von Barreda-Bort: Schon vergangene Woche war er auf jenen Etappen, die durch Argentinien in Richtung Bolivien führten, klar der schnellste Mann. Doch in Bolivien konnte er diese Leistung nicht reproduzieren. Weil er nur in Argentinien, nicht aber in Bolivien trainiert hat. Seine Zeit wäre also heute wieder gekommen.

Ausfallen tut auch der durchmischte Start, der für heute eigentlich geplant war: Die schnellsten 10 Autos und Motorräder und die fünf flottesten Trucks vom jeweils ersten Teilstück der gestrigen WP wären heute anhand der Reihenfolge ihrer Zeiten von gestern gemischt gestartet, nicht wie sonst streng nach Klassen getrennt. So hätten die besten Motorräder eine Reihe Autos überholen müssen. Das wäre in der offenen Wüste von Belèn wahrscheinlich gegangen, weil sie breit genug ist, den Staubfahnen der Vorderleute auszuweichen, aber eine Restlotterie wäre es trotzdem gewesen. Auch perdu.

Die Spitzenreiter und Loeb und KTM-Pilot Sam Sunderland können also nach der Absage durchschnaufen. Bei den Lkw gilt das nicht, da tobt der harte Kampf zwischen Kamaz und Gerard de Rooy einfach einen Tag später weiter. Denn zwischen den beiden Lagern gibt es kaum konzeptionelle Unterschiede. Zumindest keine, die für das Kräfteverhältnis der nächsten Etappen aussagekräftig wären, siehe unsere große Lkw-Technikgeschichte in der aktuellen Ausgabe von PITWALK, es kommt vor allem auf die Fahrer an.

Der größte Verlierer aber ist die Rallye selbst. Die steht seit zwei Jahren wegen ihrer Streckenführung ohnehin arg in der Kritik. Fürs Wetter kann zwar keiner was, aber die Absage unterstreicht, dass derzeit mächtig was schiefläuft bei der Rallye Dakar. Im Biwak rumort es ohnehin schon, die Kritik wird sicher lauter werden.

Ich habe dazu eine ausgiebige Hintergrundgeschichte für die kommende Ausgabe von PITWALK vorbereitet, in der alle Zusammenhänge schonungslos aufgedeckt werden. Das Heft erscheint am 24. Februar.

Aber bis dahin möchte ich die sportliche Seite der Rallye eigentlich noch so gut es geht mit Ihnen zusammen genießen. Kritisch nachdenken können wir ja später immer noch.


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