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15.01.2016

Daily Dakar, Episode 14: Harte Männer gegen auf dem Zahnfleisch


Wenn gestandene Mannsbilder um sechs Uhr ohne Abendbrot ins Bett gehen, dann muss schon etwas ganz Besonderes passiert sein. So wie gestern bei der Rallye Dakar, als ich bei meiner Recherche einen völlig verschlafenen Dirk von Zitzewitz aus den Federn geholt habe.

Denn die vergangenen Tage haben die Dakar-Teilnehmer völlig ausgelaugt. Eine Bruthitze von knapp 50 Grad, dazu stundenlanges Fahren durch brutales Wüstengelände – im Biwak haben die Teilnehmer längst den Eindruck, die Rallye-Organisatoren haben dieses Jahr eine krude Veranstaltung zusammengewürfelt. Denn nach der Absage von Peru sahen sie sich offenbar gezwungen, der Route in der zweiten Woche eine solche Härte zu verpassen, wie sie sich sonst auf viel mehr Tage erstreckt hätte. Quasi als Ausgleich zur ersten Woche, in welcher der typische Dakar-Charakter meist auf der Strecke blieb und die Veranstaltung eine ganz normale Wettfahrt gegen die Uhr, ohne Marathon-Elemente, darstellte.

In Fiambalà und auf dem Weg von La Rioja in Richtung Cordoba haben die Akteure eine doppelte Dosis Dakar verpasst bekommen. Deswegen gingen auch so viele Teilnehmer in den vergangenen Tagen auf dem Zahnfleisch.

Angefangen mit den Motorradfahrern, die der Bruthitze direkter ausgesetzt sind als die Automobilisten. Nach dem ersten Tag in der Wüste, als wegen zu vieler Gestrandeter abgebrochen werden musste, reagierten die Veranstalter: Sie organisierten Kühlaufliefer, in denen die Argentinier sonst ihre tellergroßen Steaks in Trucks durch die Lande fahren. Bei jedem Tankstopp mussten die Motorradler in den Kühllastern eine Viertelstunde Pause machen, damit sie nicht überkochten.

Aber auch die Autofahrer hatten ihre liebe Not. Vor zwei Tagen etwa gab es eine böse Navigationsfalle, die in der öffentlichen Wahrnehmung fast vollständig untergegangen ist. Gleich zu Anfang, beim Anpeilen des ersten Wegpunkts, mussten die Fahrer eine leicht bewachsene Düne empor fahren – und sich danach wieder runter und auf den alten Weg begeben. Weil von den Vorausfahrzeugen viele verschiedene Spuren gelegt worden sind, ließen sich viele aus der Spitzengruppe der Autos irritieren – und bogen wieder und wieder in die große Schleife hoch zur bewachsenen Düne ein, um dann im Kreis herumzuirren.

Da das eine recht weit geschlungene Schleife war, verloren selbst Stars wie Stéphane Peterhansel in diesem Bereich unbotmäßig viel Zeit. Peterhansel, eigentlich so cool wie Billy Gibbons bei einem ZZTop-Konzert, platzte im Auto völlig der Kragen, er zeterte herum, schlug aufs Lenkrad und faltete seinen Navigator Jean-Paul Cottret zusammen. Denn er dachte schon, er hätte die Rallye verloren.

Wenn selbst Peterhansel die Gäule durchgehen, dann wissen Sie: Diese Tage hatten es wirklich in sich.

Auch Mikko Hirvonen war eines der Opfer der irrlichternden Schleife. Der Finne hatte bis dahin eine viel bessere Marathonrallye gefahren als Sébastien Loeb, sein Dauerrivale in der Rallye-WM – gegen den er dort nie eine Chance gehabt hatte.

Loeb dominierte zwar die erste Woche, in der es nur auf Fahrzeugbeherrschung ankam. Doch als es in die Wüste ging, reihte er Fehler an Fehler. Dabei hat kaum einer mitbekommen, dass er sich auch vorgestern noch mal überschlagen hat und einen Dünenkamm runtergepurzelt ist – als noch mal, nachdem er mit seiner kernigen Rolle vorwärts in einem Priel des ausgetrockneten Flussbetts auf einer vorherigen Etappe seinen Peugeot zerfleddert hatte. Aber es ist so viel passiert, dass dieser zweite Überschlag von Loeb einfach unterging.

Genau wie die wahre Ursache des Ausfalls von Carlos Sainz, als der in Führung lag. Dessen Distanzstück, der Flansch zwischen Motor und Getriebe, ist nicht aus heiterem Himmel gebrochen. Vielmehr hatte Sainz beim Einbiegen in ein ausgetrocknetes Flussbett zu viel Ungeduld walten lassen. Er wollte den erstbesten Weg nehmen – und fuhr sich fest. Beim Rangieren übersah er einen ein Kubikmeter großen Felsbrocken und rammte den mit Schmackes. Der Getriebedefekt war dann ein Folgeschaden, der sich mit einiger Verspätung einstellte. Denn die Kraftübertragung des Peugeot – also Getriebe und Antriebswellen – reagieren sehr empfindlich auf Schläge und Stöße. Das hat auch Sébastien Loeb schon mehrfach einsehen müssen. Schließlich hat der auch gestern wieder eine Antriebswelle hingerichtet.

Die Wellen sind sowieso ein Thema für sich. Dirk von Zitzewitz wechselte vorgestern eine Antriebswelle am Toyota Hilux, in dem er den Südafrikaner Giniel de Villiers navigiert, in siebeneinhalb Minuten. 7 ½ Minuten!

Stellen Sie sich mal vor, Sie gehen in Ihre Werkstatt und sagen zum Mechaniker: „Ich brauche eine neue Antriebswelle. Ich gehe jetzt eine rauchen, und wenn ich wiederkomme, nehme ich das Auto wieder mit.“

Anders gesagt: Mit einem guten Antriebswellenwechsel ist es wie mit einem guten Bier – beides dauert sieben Minuten.

Natürlich sind Dakar-Autos auf enorme Servicefreundlichkeit gebaut. Aber 7 ½ Minuten für einen Antriebswellenwechsel – das ist, glaube ich, neuer Dakar-Rekord. Die Hallspeed-Mechaniker begrüßten von Zitzewitz im Biwak jedenfalls mit rauschendem Applaus.

de Villiers/von Zitzewitz sind wegen dieser Glanzleistung immer noch im Rennen um den dritten Platz. Gestern hat die brutale Hitze sich fortgesetzt, dazu kam noch eine Streckenführung, die nicht mehr so schnell war wie die Tage zuvor, dafür aber von Fahrern und Beifahrern viel mehr Arbeit abverlangt hat. Sowohl beim Navigieren als auch beim Fahren.

Cyril Despres klagte am Abend im Biwak über Schmerzen im Kniegelenk, weil er so viel und so kräftig mit Gas und Bremse arbeiten musste und immer wieder mit Schmackes in die Pedale steigen musste.

Und von Zitzewitz bemerkte schlaftrunken: „Jetzt habe ich aber auch keine Lust mehr, dauernd zu reparieren. Ich habe bei dieser Rallye so viele Reifen gewechselt wie noch nie bei einer Dakar.“

Trotzdem fightet er noch um Bronze. Gegen Mikko Hirvonen. Dem liegen die letzten Tage fahrerisch mehr als de Villiers. Das wird also noch mal spannend.

Hirvonen halte ich für die Offenbarung der Autowertung in diesem Jahr. Ich hatte mir so etwas schon gedacht, nachdem X-Raid-Teamchef Sven Quandt mir im Vorfeld von dessen kontrolliertem Herangehen vorgeschwärmt hatte. Das passt zu dem Eindruck, den ich von meinen persönlichen Begegnungen mit Hirvonen hatte.

Also habe ich mir den finnischen Blondschopf schon im Vorfeld für ein Gespräch geschnappt. Er hat mir dabei einiges Interessantes über seine Beweggründe verraten, die Dakar zu fahren. Besonders bemerkenswert fand ich, dass er sich vor allem auf die zweite Woche freute – also auf die härteste Zeit in einer Gegend, von der er keine Ahnung hatte.

Das Interview, das dabei entstanden ist, steht in der kommenden Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK, eingebettet in eine große Analyse und viele Randgeschichten. Denn mit der nächsten PITWALK ziehen wir die Rallye Dakar in eine ausgiebige Verlängerung. Das Event ist so geil – das hat es einfach verdient.

Freuen Sie sich jetzt schon drauf, während Sie mit mir die letzten Tage genießen.


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