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14.01.2016

Daily Dakar, Episode 13: Warum X-Raid die Berufung gewinnen kann


Es gehört zum Wesen der Rallye Dakar, dass sich manche Geschichte erst im Laufe der Zeit zu einem sinnvollen Bild zusammenfügen. Deswegen ist beim Verfassen von Artikeln hin und wieder Geduld gefragt, bis die Recherche wirklich abgeschlossen ist. Sonst kommen Halbwahrheiten dabei raus, die schneller platzen als ein Reifen mit zu wenig Luftdruck im harten Dornengebüsch bei Fiambalà.

Solch’ ein Fall ist die Debatte um den Protest gegen Stéphane Peterhansel, den Spitzenreiter, wegen illegalen Nachtankens.

Inzwischen ist klar, was da wirklich geschehen ist – und warum die Berufung, die das X-Raid-Team eingelegt hat, sehr gute Aussichten auf Erfolg hat.

Peterhansel hat in der Tat auf der Neutralisation zwischen den beiden gezeiteten Abschnitten der Prüfung getankt. Das ist ungewöhnlich, denn normaler Weise langt die Reichweite einer Tankfüllung der Peugeot locker für die Gesamtdistanz der Wertungsprüfung inklusive der Neutralisation.

Da Peugeot sich wegen des laufenden Verfahrens nicht offiziell äußert, bleibt nur die logische Vermutung: An dem Tag war das Geläuf sehr rutschig und traktionsarm, also hat Peterhansel sehr mit durchdrehenden Antriebsrädern seines Buggy zu kämpfen gehabt. Und solch’ ein Wheelspin treibt den Verbrauch unweigerlich in die Höhe. Wahrscheinlich mehr, als die Peugeot-Ingenieure im Vorfeld kalkuliert hatten. Und weil Peterhansel das aufgefallen ist und er gefürchtet haben muss, dass sein Dieselvorrat für den zweiten Sektor der Prüfung nicht reicht, hat er sicherheitshalber nachgetankt.

Er tat das an einer Tankstelle, die in der Tat im Roadbook offiziell als Tankmöglichkeit vermerkt ist. Denn am strittigen Tag führten die Rallyerouten sowohl von Autos als auch Motorrädern über dieselbe Strecke. Und Motorräder müssen bei der Dakar eine Reichweite von 250 Kilometern haben. Also müssen sie unweigerlich nachtanken.

Autos dagegen haben mit einer Tankfüllung 800 Kilometer weit zu kommen. Ein Tankstopp an jenen Stellen, an denen die Biker Sprit nachfassen dürfen, ist für sie daher in der Regel nicht vorgesehen.

Das Regelwerk unterscheidet zudem sehr genau zwischen einer Neutralisationszone, die zwischen zwei gewerteten Abschnitten liegt – und einer Verbindungsetappe, welche die Fahrer zu den Spezialen und nach der WP weiter ins nächste Biwak führt, im öffentlichen Straßenverkehr. Und die Regeln sagen auch: Tanken darf der Autofahrer nur auf Verbindungsetappen – nicht in einer Neutralisationszone.

Peterhansel lief aber in einer Neutralisation die Zapfsäule an.

Verworren wird’s, weil die Veranstalter bei der Teilnehmerbesprechung am Abend vorher eine Ausnahme von der Regel gemacht haben. Normaler Weise ist auf der Neutralisation nämlich auch kein Service von jenen Mechanikern an den Autos erlaubt, die mit ihren Servicetrucks die Rallye begleiten. Doch mit unglücklicher Präzision waren just an jenem Tage die Serviceroute und die Neutralisationsphase identisch, während di Serviceroute sonst meist außen rum führt und nur die in der Lkw-Wertung eingeschrieben Fast Assistance-Trucks auch die eigentliche Rallyeroute befahren – und im Notfall als Ersthelfer eingreifen dürfen.

Weil auf der bewussten Neutralisation Motorräder, Quads, Autos, Renntrucks samt Fast Assistance-Lkw und der ganze Servicetross unterwegs waren, fand der Veranstalter: Es sei nicht zu kontrollieren, ob ein Externer Hand anlegt. Also gaben sie den Service für die neutralisierten Kilometer frei.

Damit war aber gemeint: nur Mechaniker-Wartungsarbeiten, nicht das Nachtanken. Da kam auch in der bewussten Besprechung so zum Ausdruck.

Motorräder hätten also tanken dürfen, Autos nicht. Weil Autos und Motorräder dieselbe Etappe fuhren, hatten Teilnehmer beider Wertungen auch exakt dasselbe Roadbook. Und deswegen war die Tankstelle für die Biker auch im Roadbook der Autofahrer verzeichnet – was Peterhansel zum vorsorglichen Diesel-Ausfassen animiert hat.

War das Roadbook und die Ansage mit dem plötzlich freigegebenen Service also zu verwirrend und fehlerbehaftet, wie die Sportkommissare bei der Niederschlagung des Protests von X-Raid gegen Peugeot Sport argumentierten?

Kundige Quellen, mit denen ich gestern Abend sprach, verneinen das. Die Sachlage sei eindeutig, Peterhansel habe an einer nicht statthaften Stelle getankt und hätte das anhand der Fahrerbesprechung des Vorabends wissen müssen.

Wohlgemerkt: X-Raid ist keine meiner Quellen. Denn die sind als Protest- und Berufungsführer natürlich befangen, ich wollte aber neutrale Meinungen haben – von Leute, die sich auskennen und denen ich vertraue.

Damit ist klar: Die Berufung von X-Raid hat gute Aussichten auf Erfolg, Peterhansel droht nach wie vor ganz realistisch eine Strafe.

Aber: Wie soll man die Kuh jetzt in den letzten paar Tagen noch vom Eis bekommen? Berufungsverfahren sind ein langwieriger Prozess, die meist erst Wochen oder Monate nach dem strittigen Vorfall terminiert werden. Es gibt einen Versuch, über das Schiedsgericht der FIA in Genf eine beschleunigte Lösung bis zum Wochenende auf die Beine zu stellen. Aber ob das klappt?

So oder so bleibt die Befürchtung, dass es für ein gerechtes Urteil jetzt zu spät ist – und es bei einem salomonischen Spruch bleibt. Peterhansel wird zwar bestraft, um den Buchstaben des Reglements gerecht zu werden – aber mit einer Zeitstrafe, die so gering ausfällt, dass sie am Gesamtklassement nichts mehr ändert.

Die Tür dazu hat ausgerechnet sein Hauptrivale Nasser Al-Attiyah, oben im Bild, ganz weit aufgestoßen. Nach seinem happigen Zeitverlust wegen Überschlags auf der Etappe Super-Fiambalà hat er eine satte Stunde Rückstand. Damit könnte die Gerichtsbarkeit sogar halbwegs guten Gewissens eine – woll’n ma’ sagen – Dreiviertel-Strafstunde gegen Peterhansel verhängen, und der bliebe immer noch vorn. Und die Richter könnten sogar noch schlüssig argumentieren, 45 Strafminuten seien doch eine drakonische Sanktion.

Denn das wären sie ja auch wirklich. Bei einem Rallyeverlauf, der an der Spitze so eng geblieben wäre bis vor der Rolle seitwärts des verfolgenden Arabers.


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