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12.01.2016

Daily Dakar, Episode 11: Strafe gegen Peterhansel?


Die Nachrichtenlage ist noch etwas unübersichtlich. Doch angeblich gibt es seit gestern Nacht, nach der Eurosport-Sendung, sportrechtliche Ermittlungen gegen Stéphane Peterhansel in Südamerika.

Der neue Gesamtführende in der Automobilwertung soll auf jenem neutralisierten Teilabschnitt getankt haben, der die beiden gewerteten Prüfungen des Tages auf dem Weg in die argentinische Wüste trennt. Also nach seinem Reifenschaden samt folgenden Zeitverlusts im Staube von Mikko Hirvonen – und vor jenem Flussbett, in dem Sébastien Loeb mit 120 km/h ein riesiges Schlagloch traf und sich mehrfach überschlagend von seiner Führung verabschiedete.

Jetzt ermitteln die Sportkommissare wegen illegalen Nachtankens gegen Peterhansel. Und das würde heißen, dass – sofern bestraft – auch der seine Führung wieder los würde. An Carlos Sainz – den dann wohl plötzlich allein verbleibenden realistischen Siegkandidaten von Peugeot. Denn eine Buße gegen Peterhansel würde wohl so drastisch ausfallen, dass selbst der Dakar-Rekordsieger den daraus resultierenden Zeitverlust nicht würde wieder reinfahren können.

Wie gesagt, zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Blogs am Morgen vor dem Start der Autos in den ersten Teil der Marathonetappe sind das noch vage Vermutungen. Klar ist, dass Ermittlungen im Gange sind. Nähere Details sind von der Rallyeleitung noch nicht zu erfahren. Das wird sich sicher im Laufe des Tages ändern. Aber da irgendwas läuft, müssen wir alle darauf gefasst sein. Darum teile ich es Ihnen schon mal sicherheitshalber mit.

Der Tipp, der die Ermittlungen anstieß, kam angeblich von X-Raid. Die hessische Mannschaft ist bekannt dafür, dass sie auch abseits der Strecke immer mit sehr harten, oft schwer politischen und häufig auch umstrittenen Methoden kämpft.

Gerade in der Autowertung sind solche Ermittlungsverfahren immer eine heikle Angelegenheit. Denn die großen Teams rücken mit Anwälten und Reglementsexperten aus, mit denen sie jede Entscheidung der Rallyeleitung durchleuchten. Das ist ein Aspekt, den man in der Regel nicht mitkriegt und der mir auch nicht sonderlich gut gefällt. Aber es ist wohl ein Zeichen der heutigen Zeit, dass im millionenschweren Autorennsport immer auch Anwälte involviert sein müssen.

Spätestens seit VW die Dakar invasierte, gehört das dazu; X-Raid hat darauf entsprechend reagiert, und hinter verschlossenen Türen wird so manche Schlacht am Grünen Tisch geschlagen. Genau das scheint gerade wieder zu passieren.

Denn man darf nicht vergessen: Auch bei dem Riesen-Abenteuer Dakar steht viel auf dem Spiel. Für Peugeot ist die Rallye die Rückkehr in den internationalen Spitzensport, nachdem man sich reichlich unrühmlich von seinem Le Mans-LMP1-Projekt getrennt hat, als die Wirtschaftskrise anbrach. Die ganze Marke hat sich – im Gleichschritt mit Schwestermarke Citroën mittlerweile auf bemerkenswerte Weise wieder aus der Krise gearbeitet, und jetzt soll der große Motorsport dazu führen, dass man mit Konzernen wie Volkswagen wieder konkurrieren kann.

Da käme ein Sieg zu Jahresbeginn, wo die Dakar die einzigen motorsportlichen Schlagzeilen von Belang schreibt, gerade recht.

Und dann wirbelt ein einziger Tag alles durcheinander. Sébastien Loeb und Daniel Elena machen das, was insgeheim bei Peugeot alle befürchtet und bei der Konkurrenz alle gehofft hatten: vermeidbare Fehler gleich am ersten Tag, an dem sie in für sie unbekanntes Wüsten-Terrain eintauchen. Nach der überragenden Leistung in der ersten Woche rückte fast schon in Vergessenheit, wie Loeb/Elena wirklich nach vorn gekommen waren: dank eines überlegenen Peugeot 2008 – und dank einer Streckenführung, die mit einer klassischen Dakar nichts zu tun hat, sondern nur das reine Fahrkönnen des weltbesten Rallyepiloten belohnt.

Jetzt kommen die Königsetappen. Die Veranstalter, denen die Kritik am Ruhetag an der navigatorisch viel zu langweiligen Route nicht verborgen geblieben ist, haben diese Woche mit der Tour de France verglichen. Da sei die erste Woche auch wertlos, wenn es erst mal rauf in die Berge ging, wo sich das Radrennen entscheide.

Prompt also der Fehltritt der Spintkünstler bei erster Gelegenheit im rauen Terrain. Peugeot hat noch zwei Autos an der Spitze, dachte man. Doch wenn es jetzt wirklich eine Strafe gegen Peterhansel hagelt, dann lastet der alleinige Druck auf Carlos Sainz. Und auch dessen Auto darf dann tunlichst nicht passieren.

Sonst ist die X-Raid-Mannschaft wieder zur Stelle. Das private Team von Sven Quandt hat sich zu den Besten der Wüste gemausert und die Latte nach dem VW-Ausstieg noch mal verschoben. X-Raid-Speerspitze Nasser Al-Attiyah wird sich ins Fäustchen lachen: Plötzlich schaut es so aus, als würde seine Taktik, die Peugeot möglichst aggressiv vor sich her zu scheuchen, aufgehen.

Am Ruhetag führte ich eines meiner zahlreichen Gespräche auch mit Scott Abraham, dem südafrikanischen Teamchef der Ford Ranger-Truppe Southspeed, der sich als ehemaliger X-Raid-Teammanager mit der Materie seit Jahrzehnten bestens auskennt. Scott Abraham sagte mir, Al-Attiyah sei der schnellste und dabei konstanteste, mithin beste Fahrer des ganzen Feldes. Loeb könne da in ein paar Jahren sicher hinkommen, und für Sainz gelte: „Wenn er das Auto heil lässt, gewinnt er“, aber das sei schon ein Thema für sich.

Seit den jüngsten Nachrichten von heute Morgen sieht es so aus, als besitze Scott Abraham hellseherische Fähigkeiten. Auf jeden Fall wird das Geschehen momentan im Viervierteltakt auf den Kopf gestellt, und zwar in allen drei wichtigen Wertungen.

Und das gefällt mir richtig gut.


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