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07.01.2017

Daily Dakar, Episode 11: Abgesoffen in der Ironie des Schicksals


Es ist unglaublich, was die Rallye Dakar dem Leben der Teilnehmer so alles ins Drehbuch schreiben kann. Der Platzregen über Nacht, der dem Biwak eine 10 Zentimeter hohe Sturmflut beschert hat, ist eine Episode, die man sich kaum besser hätte ausdenken können.

Natürlich treffen solche Fährnisse immer in erster Linie die Privaten. Das zeigt das Beispiel der Zwillinge Tim und Tom Coronel. Der besserplatzierte der beiden, Tim, erreichte das Biwak gestern zwar noch in akzeptabler Zeit, nachdem er sich mit einem heckgetriebenen Kleinstbuggy durch die Schlammlandschaft der letzten Verbindungsetappe gewühlt hatte. Doch ihm wurde die Einfahrt verwehrt, weil das Biwak schon am absaufen war.

Bruder Tom dagegen war noch draußen zugange. Er hatte schon nach 30 Kilometern zum zweiten Mal ein Kupplungsproblem bekommen. Kein Kraftschluss mehr für seinen Einliter-Hayabusa-Motor. Nachdem der Servicetruck kam und Coronel für den Rest der Etappe ans Abschleppseil nahm, trafen Tom und der ihn jetzt ziehende Truckie auf die beiden de-Rooy Lkw von Ton van Genguten und Wulfert van Ginkel. Genugten, der vom Mechaniker zum Spitzenfahrer beförderte Iveco-Fahrer, hatte sich eingegraben, Wasserträger van Ginkel konnte ihn allein trotz 1.000 Diesel-PS nicht mehr freischleppen. Erst mit der Hilfe von Tom Coronel und dessen Fast Assistance-Truck kam van Genugten aus der Schlammgrube raus.

Doch das auch danach wieder nötige Abschleppmanöver hätte so lange gedauert, dass Coronel es von sich aus abbrach – und stattdessen klamm und eiskalt in der offenen Wüste übernachtete. Obwohl sein Buggy keine Windschutzscheibe hat, er also von der Fahrt im immer mehr auffrischenden Regen schon so klatschnass war wie ein Motorradfahrer.

Tags zuvor hatten Tim und Tom sich noch gemeinsam auf die brutale Dünenetappe gemacht – und sich einmütig entschieden, ein Angebot des Veranstalters anzunehmen. Der nämlich bot eine Ausweichroute an, auf der man einen besonders hohen Dünengürtel umfahren konnte. Aber wer die Offerte annahm, nahm damit auch automatisch 12 Strafstunden in Kauf.

Die Coronels taten das, denn ihr einziges Ziel lautet: ins Ziel kommen. Für die erstmals eingeführte Klasse für Einliter-Minibuggys sind die beiden ohnehin viel zu schnell, ein Wettbewerb mit den dort vornehmlich fahrenden Chinesen und Russen kam nie zustande. Die Zwölfstundenstrafe erstickte den natürlich endgültig. Er wäre aber auch sportlich witzlos gewesen. Und das Abenteuer der wildwahnsinnigen Zwillinge besteht darin, es allein über die Marathondistanz zu schaffen.

Nach schon zwei Kupplungsproblemen für Tom ist klar: Das wird kein Selbstläufer, auch wenn die Coronels ihre Buggys in- und auswändig kennen.

Dass die zweite Kupplung ausgerechnet im dicksten Regen verrauchte, ist eine besondere Ironie dieser Rallye. Denn eigentlich stand die ganze Durchfahrt Boliviens noch bis kurz vor dem Grenzübertritt komplett infrage. Wegen einer langen Dürre hatte die Regierung den Notstand verhängt. Die Dakar-Organisatoren mussten erst lückenlos nachweisen, dass der ganze Tross sich autark mit eigenem Trinkwasser versorgen kann und nicht an die knapp gewordenen Vorräte des bolivianischen Gastgeberlandes muss, ehe die Genehmigung zur Ein- und Durchfahrt erteilt werden konnte.

Eine Absage mit Umleitung konnte der veranstaltende A.S.O. sich nicht leisten. Denn er war wegen der Streckenführung der vergangenen beiden Dakar-Rallyes ohnehin schon arg in die Kritik geraten. Immer mehr Amateure, allen voran der norddeutsche Haudegen Jürgen Schröder, empfanden das Routing als zu öde und zu wenig Marathon-like. Die A.S.O. war regelrecht erschrocken darüber, wie wenige Anmeldungen sie im Laufe des Herbsts 2016 nur für die diesjährige Rallye bekam.

Stattdessen konnte sich Jean-Louis Schlesser, der Ausrichter des Africa Eco Race, vor Nennungen kaum retten. Die Rallye auf der Route der alten Dakar, durch Nordafrika runter in den Senegal und an den rosafarbenen See bei Dakar, tobt dieser Tage gerade. Mit mehr Startern als je zuvor. Denn die meisten Amateure suchen vor allem das Abenteuer, sich ein Mal pro Jahr die Grenzen der eigenen Belastbarkeit zu wagen. Für sie gehören Dünen und Hitze unweigerlich dazu, denn die haben sie einst auf die Ur-Dakar aufmerksam gemacht und angelockt.

Der rein sportliche Wettkampf interessiert die Herrenfahrer weniger. Ihnen geht es um den Abenteuer-Aspekt der harten Rallye.

Den wollte die A.S.O. schon dieses Jahr wieder rauskehren, ehe dann 2018 eine noch härtere Südamerika-Route ausgearbeitet werden soll – mit einer Rückkehr auch nach Chile. Das enthüllen wir ja in unserer großen Dakar-Vorschau in der aktuellen Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK.

Im Bemühen, schon dieses Jahr wieder näher an den alten Charakter der Dakar zu kommen, war die Route von Argentinen nach Bolivien zwingend nötig, denn die dortigen Dünen und die enorme Höhenlage sollten ein Gros des Härtegrades definieren. Also musste der Beweis her, dass die A.S.O. komplett unabhängig von der bolivianischen Wasserversorgung war.

Jetzt gibt es in Bolivien auf einen Schlag so viel Wasser, dass eine weitere als mega-hart apostrophierte Etappe komplett abgesagt werden musste. Plötzlich haben die Fahrer zwei Ruhetage am Stück, denn morgen ist ja auch nix angesagt.

Die Akteure können diese Verschnaufpause aber dringend gebrauchen. Denn in der ersten Woche haben noch nicht alle realisiert, dass diese Dakar anderen Gesetzen gehört als die bisherigen in Südamerika. Der Sprintcharakter ist weitgehend verschwunden. Viele haben aber mit Gewalt versucht, doch noch so aggressiv und brutal zu fahren, wie das in vergangenen Jahren noch geboten war. Darum ja auch die vielen schlimmen Unfälle sogar an der absoluten Spitze, etwa von Toby Price, Nasser Al-Attiyah und Carlos Sainz – obwohl Letzterer sich in den vergangenen fünf Jahren ja regelmäßig aus der Rallye gekugelt hat.

Nach dem Ruhetag werden die Fahrer ihre Gangart an die neuen Gegebenheiten für 2017 anpassen. Das fällt ihnen aber auch leichter. Denn in den beiden großen Wertungen sind bereits Vorentscheidungen gefallen: bei den Autos geht der Sieg nur noch über Peugeot, bei den Motorrädern über eine der beiden KTM-Marken Husqvarna oder KTM. Der ganz große Druck ist weg.

Andererseits: Die Verfolger, die sich schon ordentlich Rückstand eingefangen haben, müssen weiterhin extrem hart fahren, um ihre Minimalchance zu fahren. Wie etwa Matthias Walkner oder Nani Roma. Und wir haben noch nicht mal Halbzeit – bei einer Dakar, bei der jetzt schon mehr passiert ist als das ganze Jahr über in der Formel 1-WM je geschehen wird.


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