+++ 2020-02-26 12:06 : Neuer Blog online – Verkehrsmittel im knallharten Praxistest +++ 2020-02-26 12:06 : +++ 2020-02-24 10:36 : Neuer Blog online – zur Lage von Aston Martin +++
BACK

11.01.2016

Daily Dakar, Episode 10: Mousse tun


Die vergangenen Tage haben ganz schön gewütet. Matthias Walkner liegt in Boliviens Hauptstadt La Paz mit einem gebrochenen Oberschenkel und einem lädierten Knie im Krankenhaus. Sein Semi-Teamkollege aus der Motorradwertung, Ruben Faria, brach sich einen Kiefer, schlug sich mehrere Zähne aus und brach sich einen Arm. Und dessen Husqvarna-Mitstreiter Pierre-Alexandre Renat zog sich einen schwere Gehirnerschütterung zu. Die Motorradwertung fordert ihre Opfer auch in der absoluten Spitzengruppe, unter den größten Könnern ihres Fachs.

Das liegt vor allem an dem enorm hohen Tempo, das der Dreikampf der Marken KTM, Honda und Husqvarna fordert. Auch am Ruhetag konnte keiner der Teamstrategen abschätzen oder gar ausrechnen, welche Marke auf welchem Geläuf einen Vorteil haben könnte. Die Honda und die KTM liegen technisch de facto gleichauf – und die Husqvarna ist bekanntlich eine KTM in einer anderen Lackierung.

Weil die erste Woche komplett auf Etappen stattfand, bei denen Orientierung und Navigation keine Rolle spielten, konnten die Motorradfahrer sich auch voll aufs Tempo-Bolzen konzentrieren. Wie einfach die Dakar bislang war, zeigt sich schon daran, dass dieses Jahr um 20 Prozent mehr Teilnehmer den Ruhetag erreichten als im Vorjahr.

Ab dem heutigen Montag ist es damit vorbei. Das zweite Teilstück der ersten Etappe bei Belén fordert zum ersten Mal auch den Pfadfinder im Motorsportler. Die Navigation, so warnten die Veranstalter bei der Teilnehmerbesprechung am Ruhetag, sei montags voll die Härte.

Das zwingt die Biker zu defensiverer Fahrweise. Aber zu langsam dürfen sie auch nicht fahren, denn irgendeiner aus der Spitzengruppe wird schon gehörig was riskieren. Honda-Pilot Paulo Gonçalves ist dabei derjenige, der mit Abstand am meisten Wüsten- und Dünenerfahrung aufweist; wenn’s um Instinktentscheidungen aus dem Bauch heraus geht, kann ihm das in den nächsten drei taffen Tagen zum Vorteil gereichen.

Die anderen Piloten, die in der Spitzengruppe verblieben, sind fast ausschließlich Umsteiger aus dem Enduro-Sport. Da geht es schneller und ohne Navigation zur Sache. Deswegen konnten sie die riskante Geschwindigkeitsorgie der vergangenen Woche mitgehen.

Hinter den Kulissen machte man sich schon vor der Unfallserie der Toppiloten Walkner und Faria Gedanken darüber, ob das Tempo bei den Motorrädern nicht zu hoch sei. Wie bei den Autos, geistert auch unter den Bikern die Überlegung durch die Szene, ein Tempolimit einzuführen. Die Lkw dürfen ja eh’ schon nicht mehr als 140 km/h fahren, aus Sicherheitsgründen.

Aber bei den Motorrädern sind die hohen Endgeschwindigkeiten nicht das Hauptproblem. Alle Biker wissen, auch wenn’s hart klingt: Stürze bei ausgedrehtem höchsten Gang enden immer böse, egal ob die Übersetzung nun bis 140 oder 160 km/h raufgeht.

Aber die vielzitierten mittelschnellen Passagen, knapp oberhalb von 100 bis 120 Sachen – das ist der Bereich, in dem es gefährlich wird. Seit die Reifen und vor allem das in ihnen liegende Mousse immer besser werden, können die Akteure ohne Rücksicht auf Reifenplatzer voll über alle möglichen Steine und Hindernissen drüber dreschen. Wenn der eigentliche Reifen nachgibt, verhindert das Mousse – eine gallertartige Masse im Innern – einen Plattfuss, man kann voll weiterfahren.

Jeder Reifenhersteller entwickelt sein eigenes Mousse. Als bester Mousse-Macher gilt die kleine Marke Mefo – Kennern als Lieferant der besten Eisspeedway-Reifen bekannt. Als KTM-Fahrer Toby Price im vergangenen Jahr so souverän die Australische Geländemeisterschaft gewann, da legte er Mefo-Mousse in seine Michelin-Reifen ein, weil das Mefo die Schläge im Outback besser verdaute als das Stamm-Mousse des KTM-Werkspartners.

Und ein großer Teil der Erfolgsstory von Privatier Štefan Svitko im Vorjahr geht ebenfalls darauf zurück, dass er mit Mitas-Reifen und Mefo-Mousse unterwegs war. Dieses Jahr nicht mehr, weil Mitas nach dem Verkauf an den schwedischen Pneu-Giganten Trelleborg seine Unterstützung für Svitko einstellen musste. Deswegen fährt Svitko jetzt mit identischen Reifen wie das KTM-Werksteam inklusive Toby Price: Michelin-Äußeres mit Michelin-Mousse.

Das Perfektionieren von Gummi und Gallert verleitet zu harter Gangart. Deswegen überlegt die Rallyeleitung rund um den Ex-Motorradpiloten Marc Coma gemeinsam mit den Herstellern, die Reifen bewusst wieder anfälliger zu machen. Nicht nach dem Vorbild der Kaugummi-Reifen von Pirelli in der Formel 1, denn das wäre ein fahrlässiges Sicherheitsrisiko. Aber sehr wohl so, dass die Pneus quasi auf natürliche, physikalisch logische und berechenbare Art und Weise auf harte Schläge reagieren und dabei so Schaden nehmen können, wie man das mit gesundem Menschenverstand erwartet. Dann werden die Fahrer gezwungen, mehr auf ihr Material zu achten und ihr Tempo anzupassen, und die ganz hohen Geschwindigkeiten in riskanten mittelschnellen Passagen wären unweigerlich gekillt.

Nach den Stürzen von Walkner und Co. werden diese Überlegungen sicher weitergehen. Und KTM wird sich unter Federführung von Heinz Kinigadner, dem größten Kämpfer für guten, fairen und sicheren Marathonsport, dabei sicher ganz besonders engagieren.

Zumal Walkner bei KTM eigentlich der Mann für die zweite Rallyewoche gewesen wäre. Denn der Österreicher gilt intern als der bessere Navigator als Price.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 26.02.2020

    Aus der Bahn

    Der Alltag ist die beste Teststrecke. Gerade im großen Themenbereich, der im Moment alle umtreibt: Nachhaltigkeit und Mobilität der Zukunft. Also haben wir in der neuen Ausgabe der…
  • 24.02.2020

    Der englische Patient

    Es war wohl so eine Art Vorahnung, wegen der wir bei der Bebilderung der Hypercar-Geschichte in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK auf jegliches Motiv von Aston Martin verzi…
  • 23.02.2020

    Aktenzeichen El Chueco

    Heute ist ein ganz besonderer Tag in der Motorsportgeschichte. Und gleichzeitig einer, der immer wieder vergessen wird. Denn am heutigen Sonntag ist wieder Jahrestag des größten Ve…
  • 22.02.2020

    Trio R-Fernale

    Oft ist die Geschichte hinter der Geschichte die viel interessantere. So war es auch bei einem Termin am Dienstag jener Woche, in der das aktuelle Heft von PITWALK in Druck ging. K…
  • 21.02.2020

    Die linke und die rechte Hand

    Rob Huff wird in der kommenden Saison nicht im Tourenwagen-Weltpokal an den Start gehen. Der Exweltmeister aus Cambridge hat keinen Platz mehr gefunden, nachdem sich VW aus dem Kun…
  • 20.02.2020

    Das steckt alles drin

    Nun ist es endlich da – das Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK. In wenigen Tagen steht der Versand von Heft 53 an, damit alle Abonnenten und Vorabbestelle…
  • 19.02.2020

    Recherche-Marathon

    PITWALK-Chef Norbert Ockenga auf heißem Pflaster: auf dem Ulman-Straight, der langen Gegengeraden hinter dem Fahrerlager von Sebring in Florida. So begann vor etwas mehr als einem …
  • 18.02.2020

    In Druck gegangen

    Die Maschinen laufen schon wieder. Seit dem heutigen Dienstag ist die nächste Ausgabe der Zeitschrift PITWALK in Druck. Wenn alles plangemäß läuft, erhalten die Abonnenten und Vora…
  • 17.02.2020

    Toyota auf Probe

    Kuba Prygonski und sein deutscher Beifahrer Timo Gottschalk verlassen ihr bisheriges Team X-Raid. Bereits für den Weltcuplauf in Katar, der am kommenden Woche auf dem Programm steh…
  • 16.02.2020

    Schnee-Treiben

    Alle reden übers Wetter. Auch bei der Rallye Schweden. Die Winterfestspiele des Motorsports, die wir in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK noch als Reisetipp rausgearbei…
  • 15.02.2020

    Das neue Heft driftet herein

    Das erste Heft des neuen Jahrgangs ist so gut wie fertig. Ein paar Handgriffe noch, dann sind 180 Seiten voller exklusiver Themen wieder so weit, dass die 53. Ausgabe von PITWALK i…
  • 14.02.2020

    Indy 500-Sieger schreibt für PITWALK

    PITWALK kriegt prominente Verstärkung. Ab Ausgabe 53, die Ende Februar erscheint, wird Simon Pagenaud als neuer Kolumnist exklusive Einblicke in die Welt des US-Motorsports gewähre…
2020 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA