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06.01.2017

Daily Dakar, Episode 10: Die Unfälle von Price & Sainz und ihre Folgen


Jede Rallye Dakar in Südamerika folgt unfreiwillig einer bestimmten Dramaturgie. An den ersten Tagen wird sich beschnuppert und mal das Risiko dessen ausgelotet, was wirklich an fahrerischem Einsatz vertretbar ist. Dann folgt eine kurze Phase des Abwartens, in der man die Ereignisse der Rallye auf sich zukommen lässt – und dann das finale Aufbäumen, bei dem noch mal alles in die Waagschale geworfen wird, was an Grundschnelligkeit, Kondition und Wagemut abgerufen werden kann.

Diesen inoffiziellen Taktikfahrplan müssen die Akteure in allen Klassen jetzt schon über Bord werfen. Wer die Rallye noch gewinnen will, darf sich in den Folgetagen bis zum Ruhetage keine Fehler mehr erlauben. Und er muss vor allem seine Vorderleute durch permanentes Ultraschnellfahren beschäftigt halten, um den Rückstand langsam, aber sicher schrumpfen zu können.

Wie halsbrecherisch hoch das Tempo zu Beginn der Rallye war, zeigt der schwere Unfall von Motorradspitzenreiter Toby Price. Der Australier liegt jetzt mit einem Beinbruch im Krankenhaus von La Paz. Normaler Weise ist er einer derjenigen, die nicht schon gleich auf den ersten Etappen so brutal fahren, dass solch’ böse Abflüge die Folge sind. Doch unter dem Druck des enorm schnell fahrenden Joan Barreda-Bort von Honda sah sich der 29-jährige „Skippy“ gezwungen, eine zu harte Gangart anzuschlagen.

Den Beinbruch nimmt einer „tough cookie“ wie der Australier gelassen. Schließlich hat er vor knapp vier Jahren bei der Hare & Hound-Marathonrallye schon mal eine schwere Kopf- und Halswirbelverletzung davon getragen, mit eklatanten Behandlungsfolgen. Wer mehr darüber – und über den einzigartigen Charakter von Toby Joseph Price sowie die Hintergründe im KTM-Team – erfahren möchte, dem sei hier noch mal die Ausgabe 29 unserer Zeitschrift PITWALK empfohlen, denn da haben wir eine sehr lange Nachbetrachtung seiner Siegfahrt von 2016 drin, mit vielen spannenden Insider-Informationen.

Doch nicht nur Price ist eines der Sturzopfer. Vor zwei Tagen baute auch Matthias Walker einen veritablen Überschlag nach einem Highsider, nachdem er in einer Wasserstufe eingetaucht war. Dieser Sturz blieb verletzungsfolgenlos und ging in der öffentlichen Wahrnehmung unter, zeigt aber auch, mit wie viel Risiko die Motorradler schon agieren – und auch weiterhin agieren müssen. Die Rallye ist dieses Jahr offenbar gefährlicher als je zu vor.

Jedenfalls bilanzierten sie bei KTM gestern Abend mit nüchternem Sarkasmus, nun habe ja jeder ihrer Werksfahrer binnen einen Jahres seinen Beinbruch davongetragen.

In der Autowertung geht’s nicht minder hoch her. Und auch hier spricht das Geschehen Bände. Dass ausgerechnet die beiden Hochrisikofahrer Nasser Al-Attiyah und Carlos Sainz – dessen Auto gestern Nacht wegen zu lang dauernder, innerhalb der erlaubten Zeit bis zur Biwak-Ausfahrt nicht wuppender Reparaturarbeiten noch zurückgezogen wurde – nach Unfällen schon draußen sind, sagt alles.

Die Entstehungsgeschichte von Sainz’ Unfall war beinahe eine Kopie jener von Price. Dem Australier war beim Nachtankstopp anhand der Zeiten von Barreda die Frage durch den Kopf gegangen: Wie kann der da vorn so schnell fahren? Deswegen legte er im zweiten Teilstück ordentlich nach – und riskierte dabei prompt zu viel.

Sainz ärgerte sich nach einem frühen Navigationsfehler so sehr, dass auch er mit Gewalt den Zeitverlust durchs Verfranzen wieder reinfahren wollte. Unter Druck, unbedingt aufholen zu wollen, hakte er in einer Kurven innen ein, wurde in eine seitliche Rolle gehebelt und purzelte direkt kopfüber in einer kleine Schlucht am Kurvenäußeren rein.

Was dabei besonders ärgerlich war: Ein genauer Blick auf die Zwischenzeitenentwicklung der gestrigen Etappe zeigt, dass Sainz zum Zeitpunkt des Unfalls schon wieder die Gesamtführung übernommen hatte, er hätte also gar nicht mehr so hochriskabel angasen müssen.

Nicht nur das Auto war böse zugerichtet, auch Sainz klagte im Ziel über schwere Schmerzen in der unteren Rückenmuskulatur. Womöglich hätte El Matador die Segel vor lauter Pein auch dann streichen müssen, wenn die Peugeot-Mechaniker seinen 3008DKR wieder flottgekriegt hätten.

Bei KTM sprachen sie sich gestern Abend noch den Mut zu, viele Jäger seien ja des Hasen Tod. Matthias Walkner, Sam Sunderland, aber auch Pablo Quintanilla auf der baugleichen Husqvarna sollten, so der Plan nach dem Price-Schock, die Honda des Führenden Barreda-Bort so sehr hetzen, dass es doch noch zum nächsten Sieg reichte.

Da war noch nicht absehbar, was sich erst spät in der Nacht ereignen sollte: eine einstündige Zeitstrafe für Barreda-Bort wegen Nachtankens an einem dafür nicht erlaubten Ort. Dadurch erhält das Gesamtklassement wieder ein ganz neues Gesicht, Walkner ist jetzt der neue haushohe Favorit.

Die Entstehung dieser Affäre ist mir noch nicht klar, denn die Nachrichten sind noch sehr frisch. Aber ich werde dem Thema heute bei Honda intensiv auf den Grund gehen. Spätestens in der Sendung auf Eurosport um 23 Uhr wissen Sie mehr.

Bei Peugeot haben sie genug Jäger, um auch solche verkorksten Tage wie gestern überstehen zu können. Nach der Rolle von Sainz und dem Motorproblem bei Sébastien Loeb ist nun Cyril Despres das neue heiße Eisen. Der Umsteiger aus dem Motorradsport muss keine Eintagsfliege an der Spitze sein, das hat er bei der Rallye Seidenstraße im Sommer bewiesen.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK analysiert Despres im Rahmen der Geschichte über die besten Dakar-Fahrer 2017 genau, was er bei der Rallye Seidenstraße wie gelernt hätte. Dieses Wissen kann sich in den nächsten Tagen auszahlen. Spannend zu beobachten, wie unser Text in so vielen Facetten Wirklichkeit wird.

Während Peugeot reihenweise Hunde hat, die an der Spitze eigentlich zu Hasen geworden sind, ist die Anzahl der echten Hunde bei den Autos arg reduziert. Eigentlich bleiben nur Mikko Hirvonen von X-Raid und Nani Roma von Overdrive-Toyota. Beide sind aber nicht so schnell wie der gesteigerte Despres und die anderen Peugeot-Werkslöwenbändiger. Das macht die Umsetzung des jetzt nötigen Dramaturgiefahrplans unheimlich schwer.

Es bleibt dabei: Peugeot kann die Rallye nur noch aus eigener Kraft verlieren.


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