+++ 2019-11-22 19:59 : Neuer PITCAST online – Rückblick auf die Qualifikation und Vorschau aufs Rennen der GT3 in Kyalami. Mit Markus Winkelhock, Christopher Haase, Christopher Mies, Nick Tandy und Raffaele Marciello +++ 2019-11-22 12:48 : Neuer Podcast online – Vorschau auf die 9 Stunden von Kyalami. Mit Richard Lietz, Sven Müller, Kévin Estre und Laurens Vanthoor +++ 2019-11-16 13:14 : Neuer PITCAST online – Chaos-Samstag in Macau. Mit Sophia Flörsch, Augusto Farfus, Ernst Moser und Herbert Schnitzer jr. am Mikro +++
BACK

16.01.2019

Daily Dakar Episode 10 – Aktenzeichen XY


Irgendwann ist es einfach mal gut. Und gestern Nacht war es soweit: Der Rallyeleitung ist der Kragen geplatzt. Sam Sunderland kriegt eine Strafstunde aufgebrummt, Kevin Benavides gleich deren drei.

Damit ist eine Gemengelage übergekocht, die schon seit Tagen gefährlich vor sich hin gebrutzelt hatte. Besonders in der Motorradwertung belauern sich die Kontrahenten nicht nur – sie unterstellen sich auch gegenseitig alle möglichen Schlechtigkeiten.

Und die meisten Unterstellungen stimmen.

Wer den jüngsten Pitcast, also den Podcast unserer Zeitschrift PITWALK, schon gehört hat, der weiß, wovon in diesem Blog die Rede ist. Und wer im Tonfall meiner Stimme in diesem Pitcast zwischen den Zeilen gelesen hat, dem ist auch klar, dass ich beim Vertonen schon ahnte und argwöhnte, was sich da nach der Aufnahme noch anbahnen würde.

Denn man kann mir zwar viel erzählen. Aber nicht, dass die Erde eine Scheibe sei.

Angefangen hat alles mit Xavier de Soultrait. Der Yamaha-Fahrer beklagte vor einigen am Start mit Bedauern in der Unschuldsmiene, sein Iritrack-System sei kaputt, er könne leider nicht zum vereinbarten Starttermin losfahren – und fing dann an, umständlich daran rumzunesteln. Solange, bis möglichst viele Rivalen vor ihm in die Speziale geschossen waren und er nicht mehr die Prüfung eröffnen musste.

Jeder, der sich ein bisschen auskennt, hat da schon gedacht: Aha, eine raffinierte Finte. Und es gab, so verrät es Heinz Kinigadner im aktuellen Pitcast, auch umgehend ein Treffen der Rennleitung, um so etwas zu unterbinden.

Und trotzdem ging bei Sam Sunderland das Iritrack kaputt, als er gestern die Prüfung eröffnen sollte. Zufälle gibt’s.

Sunderland führte an, eine Sicherung des Iritrack sei durchgebrannt, deswegen sei das digitale Zeitnahmekästchen nicht mehr funktionstüchtig. Er beteuert Stein und Bein, er selbst hätte nicht daran rummanipuliert.

Richtig viele Abnehmer für seine Aussagen fand er nicht, nicht mal im eigenen KTM-Team. Die Österreicher sind seit 25 Jahren bei der Dakar dabei und kennen alle Tricks, vor allem aber auch die Psyche der Rallyefahrer. Und Sunderland hatte zwar gesagt, er werde dem Team helfen – sich aber, ganz Sportler, insgeheim noch längst nicht von seinen eigenen Sieghoffnungen verabschiedet. Deswegen brauchte der Engländer eine elegante Lösung, um die Stallorder umsetzen und sich selbst dabei trotzdem nicht schaden zu können.

Klar, er hätte gestern auch einfach als Erster losfahren und dann stehenbleiben können, um so Ricky Brabec in eine Falle zu locken und den Gesamtführenden dazu zu zwingen, seinerseits die Spuren zu legen. Denn das war die erste Priorität: Sunderland durfte auf keinen Fall einen Weg für Brabec formen und dem so die Orientierungsarbeit abnehmen; das war die einzige Chance für Toby Price, Pablo Quintanilla und Matthias Walkner, vielleicht noch an den Honda-Fahrer ranzukommen. Von dessen Motorschaden konnte da ja noch keiner was ahnen.

Doch hätte Sunderland das Wartespiel gespielt, hätte er selbst mindestens weitere 10 Minuten verloren. Denn für freiwilliges Ausharren gibt es nur dann eine nachträgliche Zeitgutschrift, wenn man hält, um einem in Not geratenen Rivalen beizustehen.

Sunderland hätte mit diesem neuerlichen Zeitverlust seine eigenen, theoretischen Sieghoffnungen gewringelt. Obwohl er selbst noch an das Fünkchen Hoffnung geglaubt hat.

Da kam doch eine durchgebrannte Sicherung im Iritrack dem Engländer höchst gelegen. So startete er einfach später, ohne Zeitverlust.

Genau wie letzte Woche auch schon Matthias Walkner eine Tempoüberschreitung um drei km/h in einer Ortsdurchfahrt samt folgendem Radarfoto: Der Österreicher gewann zwar die Etappe, kriegte aber eine Strafe, sodass er trotz Bestzeit am Folgetag nicht die Prüfung eröffnen und eine Spur legen musste. Wir haben uns bei unserem Gespräch auf die Formulierung Glück im Unglück geeinigt, was Walkner mit einem seeligen Lächeln quittierte.

Dass so viel taktiert wird, überrascht bei der Streckenführung der diesjährigen Dakar nicht. Vielmehr ist bei den Motorrädern genau das eingetreten, was alle befürchtet haben: Die meisten Prüfungen verlaufen wie ein Gänsemarsch, bei dem die hinteren den vorderen stets näherkommen – und irgendwann setzt das große Schleichen ein, damit ja keiner die Etappe des nächsten Tages aufmachen muss.

Das ist in den Dünen tödlich, weil die Nachfahrenden anhand der Spuren weit vorausschauend erkennen können, wo sie die Kurven der Vorderleute schneiden und so Zeit sparen können.

Da dieses Jahr so viele Wüstenanteile sind, war klar, dass die Rallye bei den Zweirädern stark taktisch geprägt sein würde.

Aber dass sich so viele Nickligkeiten einschleichen – damit war nicht zu rechnen. Und nach Tagen voller lautstarker Kritik an der eigenen Kompetenz und Autorität hat es den Sportkommissaren gestern offenbar gelangt mit der Schiedsrichterschelte. Neben Sunderland musste auch Benavides dran glauben.

Der Honda-Pilot hat sich einfach über eine Regeleinschränkung bei der Vorbereitung des Roadbooks hinweggesetzt. Indem er einen Notizzettel mit Zusatzinformationen auf den Tank klebte – lauter Infos, die nicht im Roadbook stehen, die man früher aber eigenhändig hätte nachtragen dürfen. Das ist jedoch seit zwei Jahren verboten, die Veranstalter haben das Roadbook sogar extra mit einer Spalte weniger gelayoutet, um keinen Raum für Notizen zu lassen.

Also hat sich Benavides auf dem Tank halt seinen eigenen Infostand eröffnet, mit Wissen, dass ihm die „Map Men“ von daheim übermittelt hatten – rausgefunden via Google Earth und anderer Computerprogramme, die digitalen Einblick in die Landschaft bieten und so die Map Men präziser voraussagen lassen können, was an Hindernissen und Orientierungsfallen auf dem Weg wartet.

Solche Map Men sind nicht verboten. Aber ihre Infos sind nur sparsam umzusetzen, die Regeln grenzen das klar ein.

Hätte Matthias Walkner die Informationen der KTM-Map Men dermaßen umfassend abarbeiten können wie Benavides mit seiner privaten Zettelwirtschaft, wäre ihm mit Sicherheit auch eine Warnung vor jenem ominösen Strommast auf der dritten Etappe ins Auge gefallen, der im Roadbook nicht vermerkt war, aber als Orientierungspunkt geholfen hätte. Dann hätten er und auch Sébastien Loeb dort nicht so viel Zeit vertändelt, dass sie dem Rückstand seither hinterherwetzen müssen.

Als Sportinteressierter müsste man sich eigentlich über solche faulen Tricks ärgern. Aber als Journalist mit einem gewissen Hang zu englischem Zynismus kann ich mich darüber sogar schon wieder amüsieren – was den Leuten nicht alles einfällt!

Dass gerade solche Haudegen wie die Wüstenrallyefahrer, die eine ganz besondere Spezies Mensch und Sportler sind, auf solch’ kreative Behummsereien kommen, kann einen eigentlich nicht überraschen.

Und: Einen besonders schönen Ansatz habe ich mir noch für die große Analyse der Dakar in der nächsten Ausgabe des Magazins PITWALK aufgehoben. Da könnt Ihr Euch auch schon drauf freuen.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 14.11.2019

    Von Brasilien nach Macau

    Man müsste sich zweiteilen können. Denn es kommt nicht oft vor, dass zwei der spektakulärsten Rennen am selben Wochenende stattfinden. Aber dieses Mal ist es wieder soweit: Der For…
  • 13.11.2019

    Digitale Revolution live aus Macau

    PITWALK steigt am Wochenende mit dem Straßenrennen von Macau erstmals ins Livestreaming ein – und erweitert damit sein Angebot hin zu einem 360°-Multimediaunternehmen. Die Liveübe…
  • 12.11.2019

    I Have a Stream

    PITWALK wird das Stadtrennen von Macau in einem exklusiven kommentierten Stream live übertragen. Der Formel 3-Grand Prix, das GT3-Weltfinale und der Motorrad-Grand Prix werden über…
  • 05.11.2019

    Auf eine bessere Zukunft?

    Auf den ersten Blick sieht das Modell so aus wie jenes Ergebnis, das immer dabei rauskam, wenn ich als Kind einen Modellbausatz zusammengeklebt und -gesteckt hatte: alles schief un…
  • 04.11.2019

    Das muss drin sein!

    Es ist soweit. Bei unserer Druckerei in Ahrensfelde können wieder die Maschinen rattern – die neue Ausgabe der Zeitschrift PITWALK ist druckreif und die Daten sind übermittelt. Bal…
  • 03.11.2019

    Die neue PITWALK kommt bald

    Auch im Herbst hat die PITWALK-Redaktion wieder alle nötigen Eintrittskarten, um hinter die Kulissen des Motorsports blicken zu können. Auf 180 Seiten bietet die nächste Ausgabe vo…
  • 25.10.2019

    Rallye der zwei Gesichter

    Freitags verwinkelte Schotterpassagen, am Samstag und Sonntag rasant schnelle Asphaltstrecken: Keine zweite Rallye im WM-Kalender wartet mit so unterschiedlichen Anforderungen auf …
  • 23.10.2019

    Französische Volte

    Den Gesichtsausdruck werde ich mein Lebtag nicht vergessen. In tiefer Nacht nach dem Singapur-Grand Prix 2008 befragte ich Pat Symonds, den damaligen Technischen Leiter des Renault…
  • 16.10.2019

    All Four Won

    Es wird eine der Storys des Jahres. In der nächsten Ausgabe der Zeitschrift PITWALK erfahrt Ihr exklusiv alle technischen Hintergründe und Neuerungen des jüngsten Porsche 911 RSR. …
  • 15.10.2019

    Das große Schwelgen

    Nach vier Jahren endete am Wochenende für das Werksteam Ford Chip Ganassi Racing eine Ära: Das Zehnstundenrennen Petit Le Mans auf der berühmten Rennstrecke von Road Atlanta war …
  • 13.10.2019

    Die Geschichte von Bamthoor

    Wir schreiben das Jahr 2016. In den engen Straßen der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau treffen Earl Bamber und Laurens Vanthoor erstmals aufeinander. Beim GT-Weltcup steuer…
  • 12.10.2019

    Gone Like Hell?

    Die Zukunft von Ford beschäftigt die Sportwagenlandschaft weltweit. Das Petit Le Mans auf der Road Atlanta am heutigen Samstag ist das letzte Rennen für die GT. Alle Bemühungen, di…
2019 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA