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16.01.2019

Daily Dakar Episode 10 – Aktenzeichen XY


Irgendwann ist es einfach mal gut. Und gestern Nacht war es soweit: Der Rallyeleitung ist der Kragen geplatzt. Sam Sunderland kriegt eine Strafstunde aufgebrummt, Kevin Benavides gleich deren drei.

Damit ist eine Gemengelage übergekocht, die schon seit Tagen gefährlich vor sich hin gebrutzelt hatte. Besonders in der Motorradwertung belauern sich die Kontrahenten nicht nur – sie unterstellen sich auch gegenseitig alle möglichen Schlechtigkeiten.

Und die meisten Unterstellungen stimmen.

Wer den jüngsten Pitcast, also den Podcast unserer Zeitschrift PITWALK, schon gehört hat, der weiß, wovon in diesem Blog die Rede ist. Und wer im Tonfall meiner Stimme in diesem Pitcast zwischen den Zeilen gelesen hat, dem ist auch klar, dass ich beim Vertonen schon ahnte und argwöhnte, was sich da nach der Aufnahme noch anbahnen würde.

Denn man kann mir zwar viel erzählen. Aber nicht, dass die Erde eine Scheibe sei.

Angefangen hat alles mit Xavier de Soultrait. Der Yamaha-Fahrer beklagte vor einigen am Start mit Bedauern in der Unschuldsmiene, sein Iritrack-System sei kaputt, er könne leider nicht zum vereinbarten Starttermin losfahren – und fing dann an, umständlich daran rumzunesteln. Solange, bis möglichst viele Rivalen vor ihm in die Speziale geschossen waren und er nicht mehr die Prüfung eröffnen musste.

Jeder, der sich ein bisschen auskennt, hat da schon gedacht: Aha, eine raffinierte Finte. Und es gab, so verrät es Heinz Kinigadner im aktuellen Pitcast, auch umgehend ein Treffen der Rennleitung, um so etwas zu unterbinden.

Und trotzdem ging bei Sam Sunderland das Iritrack kaputt, als er gestern die Prüfung eröffnen sollte. Zufälle gibt’s.

Sunderland führte an, eine Sicherung des Iritrack sei durchgebrannt, deswegen sei das digitale Zeitnahmekästchen nicht mehr funktionstüchtig. Er beteuert Stein und Bein, er selbst hätte nicht daran rummanipuliert.

Richtig viele Abnehmer für seine Aussagen fand er nicht, nicht mal im eigenen KTM-Team. Die Österreicher sind seit 25 Jahren bei der Dakar dabei und kennen alle Tricks, vor allem aber auch die Psyche der Rallyefahrer. Und Sunderland hatte zwar gesagt, er werde dem Team helfen – sich aber, ganz Sportler, insgeheim noch längst nicht von seinen eigenen Sieghoffnungen verabschiedet. Deswegen brauchte der Engländer eine elegante Lösung, um die Stallorder umsetzen und sich selbst dabei trotzdem nicht schaden zu können.

Klar, er hätte gestern auch einfach als Erster losfahren und dann stehenbleiben können, um so Ricky Brabec in eine Falle zu locken und den Gesamtführenden dazu zu zwingen, seinerseits die Spuren zu legen. Denn das war die erste Priorität: Sunderland durfte auf keinen Fall einen Weg für Brabec formen und dem so die Orientierungsarbeit abnehmen; das war die einzige Chance für Toby Price, Pablo Quintanilla und Matthias Walkner, vielleicht noch an den Honda-Fahrer ranzukommen. Von dessen Motorschaden konnte da ja noch keiner was ahnen.

Doch hätte Sunderland das Wartespiel gespielt, hätte er selbst mindestens weitere 10 Minuten verloren. Denn für freiwilliges Ausharren gibt es nur dann eine nachträgliche Zeitgutschrift, wenn man hält, um einem in Not geratenen Rivalen beizustehen.

Sunderland hätte mit diesem neuerlichen Zeitverlust seine eigenen, theoretischen Sieghoffnungen gewringelt. Obwohl er selbst noch an das Fünkchen Hoffnung geglaubt hat.

Da kam doch eine durchgebrannte Sicherung im Iritrack dem Engländer höchst gelegen. So startete er einfach später, ohne Zeitverlust.

Genau wie letzte Woche auch schon Matthias Walkner eine Tempoüberschreitung um drei km/h in einer Ortsdurchfahrt samt folgendem Radarfoto: Der Österreicher gewann zwar die Etappe, kriegte aber eine Strafe, sodass er trotz Bestzeit am Folgetag nicht die Prüfung eröffnen und eine Spur legen musste. Wir haben uns bei unserem Gespräch auf die Formulierung Glück im Unglück geeinigt, was Walkner mit einem seeligen Lächeln quittierte.

Dass so viel taktiert wird, überrascht bei der Streckenführung der diesjährigen Dakar nicht. Vielmehr ist bei den Motorrädern genau das eingetreten, was alle befürchtet haben: Die meisten Prüfungen verlaufen wie ein Gänsemarsch, bei dem die hinteren den vorderen stets näherkommen – und irgendwann setzt das große Schleichen ein, damit ja keiner die Etappe des nächsten Tages aufmachen muss.

Das ist in den Dünen tödlich, weil die Nachfahrenden anhand der Spuren weit vorausschauend erkennen können, wo sie die Kurven der Vorderleute schneiden und so Zeit sparen können.

Da dieses Jahr so viele Wüstenanteile sind, war klar, dass die Rallye bei den Zweirädern stark taktisch geprägt sein würde.

Aber dass sich so viele Nickligkeiten einschleichen – damit war nicht zu rechnen. Und nach Tagen voller lautstarker Kritik an der eigenen Kompetenz und Autorität hat es den Sportkommissaren gestern offenbar gelangt mit der Schiedsrichterschelte. Neben Sunderland musste auch Benavides dran glauben.

Der Honda-Pilot hat sich einfach über eine Regeleinschränkung bei der Vorbereitung des Roadbooks hinweggesetzt. Indem er einen Notizzettel mit Zusatzinformationen auf den Tank klebte – lauter Infos, die nicht im Roadbook stehen, die man früher aber eigenhändig hätte nachtragen dürfen. Das ist jedoch seit zwei Jahren verboten, die Veranstalter haben das Roadbook sogar extra mit einer Spalte weniger gelayoutet, um keinen Raum für Notizen zu lassen.

Also hat sich Benavides auf dem Tank halt seinen eigenen Infostand eröffnet, mit Wissen, dass ihm die „Map Men“ von daheim übermittelt hatten – rausgefunden via Google Earth und anderer Computerprogramme, die digitalen Einblick in die Landschaft bieten und so die Map Men präziser voraussagen lassen können, was an Hindernissen und Orientierungsfallen auf dem Weg wartet.

Solche Map Men sind nicht verboten. Aber ihre Infos sind nur sparsam umzusetzen, die Regeln grenzen das klar ein.

Hätte Matthias Walkner die Informationen der KTM-Map Men dermaßen umfassend abarbeiten können wie Benavides mit seiner privaten Zettelwirtschaft, wäre ihm mit Sicherheit auch eine Warnung vor jenem ominösen Strommast auf der dritten Etappe ins Auge gefallen, der im Roadbook nicht vermerkt war, aber als Orientierungspunkt geholfen hätte. Dann hätten er und auch Sébastien Loeb dort nicht so viel Zeit vertändelt, dass sie dem Rückstand seither hinterherwetzen müssen.

Als Sportinteressierter müsste man sich eigentlich über solche faulen Tricks ärgern. Aber als Journalist mit einem gewissen Hang zu englischem Zynismus kann ich mich darüber sogar schon wieder amüsieren – was den Leuten nicht alles einfällt!

Dass gerade solche Haudegen wie die Wüstenrallyefahrer, die eine ganz besondere Spezies Mensch und Sportler sind, auf solch’ kreative Behummsereien kommen, kann einen eigentlich nicht überraschen.

Und: Einen besonders schönen Ansatz habe ich mir noch für die große Analyse der Dakar in der nächsten Ausgabe des Magazins PITWALK aufgehoben. Da könnt Ihr Euch auch schon drauf freuen.


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