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08.10.2021

„Da werden sich einige erschrecken“


Es ist die wohl ungewöhnlichste Rennstrecke Deutschlands. Der Eichenring im Dohren ist 215 Meter lang – und doch nur eine einzige Kurve. Denn die Bahn im Emsland, unweit der Stadt Meppen gelegen, führt immer im Kreis rum.

Nur beim Start geht es für die 16 Speedwayfahrer, die am Samstagabend in Norddeutschland erstmals um den Titel im German Speedway Masters kämpfen, mal kurz geradeaus. Denn die Gates, von denen jedes Quartett auf die Bahn gelassen wird, befinden sich – nicht wie auf anderen Speedwaypisten – auf der Start/Ziel-Geraden – sondern sind unterhalb des Kreisverkehrs quasi wie eine Zufahrt angeflanscht.

Der Übergang vom Appendix auf den Teil, wo die eigentliche Action tobt, ist laut Martin Smolinski – der gerade eine rekonvaleszente Rennpause einlegt – eine der Schlüsselstellen, wenn eines der je vier Runden langen Sprintrennen erstmal läuft. Vor allem, wenn man sich für die riskantere äußere Linie entscheidet – statt die Halblitermaschine innen am Strich der Bahnbegrenzung laufen zu lassen.

Smolinski, der achtfache und auch amtierende Deutsche Speedwaymeister aus Olching, warnt: „In Turn 4 hört die Bretterwand außen kurz auf. Wenn du außen unterwegs bist, dann fährst du einen Anlieger“ – man lehnt das Hinterrad also an die äußere Bande an. „Aber in Turn 4 hast du keine Anlieger mehr. Da musst du genau darauf achten, dich nicht zu weit raustragen zu lassen – denn irgendwann fängt die Wand ja wieder an.“

Der Bayer, im Masters für die Mannschaft des MSC Olching an der Seite von Erik Bachhuber vorgesehen, weiß: „Du brauchst einen Motor, der die Leistung gut auf den Boden bringt. Absolute Spitzenleistung ist nicht so wichtig, es kommt mehr auf die Fahrbarkeit drauf an.“

Die Aggregate unterscheiden sich in Nuancen – die genau für die Art der Kraftentfaltung maßgeblich sind. Alle Motoren weisen 500 Kubikzentimeter Hubraum auf. Es gibt Kurz- und Langhuber, wobei sich seit einigen Jahren die Variante „Baby-Offset“ mit kurzem Hub durchgesetzt hat. Aber selbst bei denen gibt es unterschiedliche Leistungscharakteristika. „Das Entscheidende ist das Design von Zylinderkopf und Nockenwelle“, verrät Michael Härtel, der am Samstagabend in Dohren für Neubrandenburg starten wird.

Zwar stammt das Gros der Speedwaymotoren von GM, einer italienischen Fabrik von Guiseppe Marzotto. Doch die Fahrer kaufen dort nur die Treibsätze – und geben sie dann an Tuner weiter, die den Halbliter-Prototypen ihre individuelle Handschrift verpassen.

Neben den Motoren stehen dieses Jahr auch die Reifen im Vordergrund. Die jahrelange Vormachtstellung der tschechischen Marke Mitas ist gebrochen, seit die Türken von Anlas in der WM und der Britischen Liga zugange sind. „Deren Reifen ist weicher“, berichtet Erik Riss, der im Emsland für Teterow antreten wird. „Er hakt in griffigen Passagen mehr ein. Wenn man vom Glatten ins Griffige fährt, muss man da sehr aufpassen.“

Also genau an jenem neuralgischen Punkt von Turn 4 auf dem Eichenring, wo der Startbereich in den Kreisverkehr mündet. „Die Bahn ist eher hart“, beschreibt Härtel, „die Startplätze draußen sind dagegen ziemlich weich.“ Max Dilger, für Berghaupten am Band, fügt hinzu: „Viel hängt vom Wetter ab. Wenn viel Feuchtigkeit in der Bahn ist, wird sie griffiger.“

In Nordwestdeutschland herrscht zwar gerade schon goldener Oktober. Doch zu Wochenmitte und erst recht vorige Woche hat es noch geregnet, sodass der Belag sich vollgesogen hat – aber zum Rennen nicht mehr getränkt ist. Das spricht für optimale äußere Verhältnisse sowohl für die Zuschauer, die mit 3G-Regeln rein dürfen und auch an der Abendkasse ab 17 Uhr noch spontan Karten kaufen können – als auch für die Fahrer.

Dilger schätzt: „Ein starker Motor ist auf dieser Bahn von Vorteil, damit er die Maschine durch die Kurven ziehen kann. Bei den Reifen streiten sich aber noch die Gelehrten.“

Überholen ist auf dem Kreisverkehr eine besonders hohe Kunst. „Dohren ist eine schwierige Bahn, um schneller zu sein als andere, weil’s immer im Kreis geht“, wiegelt Riss ab, „und alles innen langgeht. Außen muss schon sehr viel Material liegen, um den längeren Weg zu kompensieren.“

Härtel widerspricht: „Man kann über zwei oder drei Runden hinweg außen Schwung aufbauen und dann durchziehen.“

Dazu muss man dem Bike aber eine ganz besondere Fahrweise aufzwingen – weiß Lokalmatador René Deddens, der eine Viertelstunde von der Bahn entfernt wohnt und Samstagabend neben dem dänischen Megatalent Mads Hansen für Cloppenburg aufgaloppiert: „Wenn du überholen möchtest, musst du das Motorrad aufstellen, um nicht mehr im Drift zu fahren – und so dadurch den besonderen Schub für die Extrameter zu machen. Dazu fährt man nach außen an die Bande, lässt das Motorrad in der Kurvenmitte abknicken – und kann dann auf der inneren Linie durch die nächste Kurve schneiden.“

Der Pole Bartosz Zmarzlik beherrscht die Kurventechnik in der WM wie kaum ein anderer. Er lässt sich in den Kurven von außen höchst aggressiv förmlich nach innen fallen. Doch in der WM und auf allen anderen Bahnen schließt sich an jede Kehre eine Gerade an; die verlängert man mit diesem Sturzflug von der Bande einfach. In Dohren muss man aus der ewigen Kurve für kurze Distanz eine Gerade machen, wenn man zum Überholen blasen will. „Das Querfahren zwingt dich dazu, ein gutes Set-Up zu haben“, erläutert Deddens. „Das geht über die Übersetzung, die Vergaserbedüsung, die Zündung und den Radstand.“

Dann grinst der Norddeutsche voller Vorfreude: „Ich kenne die Bahn seit meiner Kindheit. Aber gerade in diesem Jahr sind viele Neue am Start, die noch nie dort waren. Da werden sich einige ziemlich erschrecken.“


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