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10.12.2020

Corona und Sisu


Der prominenteste Patient zeigt, wie übel Corona selbst für fitte Sportskanonen wirklich sein kann. Am Montag hat Lewis Hamilton sich aus seinem Hotelzimmer in Bahrein gemeldet. Er hätte einen großen Schritt bei seiner Gesundung gemacht, ließ der Dauerweltmeister wissen, nun wolle er wieder ins Fitnesstraining einsteigen und in Abu Dhabi, beim Saisonfinale, wieder fahren.

Und trotzdem war auch am Donnerstag immer noch unklar, ob der Engländer auf der gegen Virenbefall hermetisch abgeriegelten, nur für die Formel 1-Fraternität zugänglichen künstlichen Insel vor dem Emirat würde antreten können. Denn bei einem fitten und jungen Patienten wie Hamilton nimmt die Krankheit einen typischen Verlauf: Zuerst fühlt man sich wie mit einer Erkältung; wenn diese Symptome abnehmen, denkt man: „Jetzt aber“ – und dann folgt, gleichsam als zweite Halbzeit, eine lange Phase körperlicher Mattheit und Abgeschlagenheit. Genau diese bleierne Dauer-Ermattung hat Hamilton in Bahrein länger bettlägerig gemacht, als er das noch am vergangenen Wochenende erwartet hatte.

Hamilton gehört nicht zu dem, was man neuerdings auf deutsch „vulnerabel“ nennt. Die Vokabel gibt’s streng genommen genauso wenig wie „genuin“. Beides sind englische Worte, deren Buchstabenfolgen einfach auf Deutsch ausgesprochen dahingenuschelt werden, wenn man besonders gebildet wirken möchte. Besonders gefährdet – so heißt das im richtigen Deutsch – ist Hamilton als Sportler und junger Mann nicht. Aber trotzdem setzt ihm die Krankheit so zu, dass er seine Organe und Muskeln mit nicht genug Sauerstoff versorgen konnte, um sich schnell wieder aufzurappeln.

Der Fall Hamilton steht exemplarisch für alles, was man zu Covid-19 wissen muss: Er hat sich die Viren vor dem ersten Bahrein-Rennen eingefangen, in England. Deutsche Politiker würden in dem Zusammenhang über ein „diffuses Ansteckungsverhalten“ staunen. Denn nicht etwa da, wo Hamilton auf engem Raum mit seinen Teammitgliedern zusammengluckt, ist die Seuche übergesprungen – sondern quasi in freier Wildbahn.

In etwa so, als wenn in Deutschland infizierte Schüler, selbst symptomfreie, arglos nach Hause kommen, ihre Eltern anstecken, die dann weiter zur Arbeit gehen, ihre Kollegen infizieren, die dann heimgehen – undsoweiter. Bei dem Ansteckungsgeschehen und der Wirkungslosigkeit vom Lockdown light in Deutschland ist klar, dass nur die Schulen die Keimzelle der derzeitigen breiten Streuung sein können.

Genau wie in England, wo die Schulen ebenfalls als Brutstätte von Massenausbrüchen fungiert haben. Von dort aus wurden die Viren wie durch ein Megafon mit Wucht in die Breite gestreute. Eine solche Megafonladung hat Hamilton über Umwege erwischt – und der Formel 1 nun die Frage aller Fragen beschert: Ist sein Ersatzmann George Russell so gut, Valtteri Bottas so schlecht – oder der Mercedes tatsächlich so sehr auf den Fahrstil von Hamilton zugeschnitten und die Fahrweise von Russell jenem seines Landsmanns so ähnlich, dass Bottas dermaßen alt aussieht?

Der Finne hat die Abreibung von Bahrein mit Humor genommen und sein Profil in den Sozialen Netzwerken danach mit neuen Charakteristika versehen. Als „Sonntagsfahrer“ beschreibt er sich seither, und bietet seine Dienste als „mobiler Rasenmähertreckerfahrer“ an. Immerhin: So nimmt sich keiner selbst aufs Korn, der mit seinem Latein am Ende ist.

Finnen sagt man eine besondere Charaktereigenschaft nach: „Sisu“ heißt – niemals aufgeben, immer weiterkämpfen, mit bitterer und finsterer Entschlossenheit. Sisu kommt eigentlich aus dem Rallyesport, wo die Finnen schon seit Jahrzehnten eine ganz besondere Vormachtstellung innehaben. „If you want to win, take a Fin“ – willst Du gewinnen, hol’ Dir einen Finnen – das Motto kommt noch aus der Hochphase der Finish Invasion in der Rallye-WM, mit Ari Vatanen, Juha Kankkunen, Markku Alen und dem kettenrauchenden Gruppe B-Bändiger Timo Salonen als Vorläufer des großen Schweigers Tommi Mäkinen. Keke Rosberg, Nicos Vater und Formel 1-Weltmeister von 1982, hat das geflügelte Wort dann auch in die Formel 1 eingeführt.

Die furchtlose Zähigkeit muss Bottas dieses Wochenende an den Tag legen, sonst geht in einen unruhigen Winter. Ihm selbst dürfte eine weitere Niederlage wenig ausmachen. Denn er verfügt über unerschütterliches Selbstbewusstsein – so weiß es zumindest Timo Rumpfkeil, in dessen Nachwuchsformelrennstall Team Motopark der junge Bottas zu Formel Renault-Zeiten seine Grundausbildung erhielt. Rumpfkeil ist heute einer der Experten, die regelmäßig in den Formel 1-Talkshows auf dem YouTube-Channel unserer Zeitschrift PITWALK zu Wort kommen. Er bleibt überzeugt davon: Bottas ist besser als sein Ruf.

Man wünscht ja niemandem eine Krankheit. Aber für die Formel 1 wäre es wohl am besten, wenn das politische Missmanagement der Schulöffnungen und daraus resultierenden Virenverbreitungen Hamilton auch noch dieses Wochenende aus dem Silberpfeil-Cockpit zwingen würde. Dann könnte man sehen, ob Edelreservist Russell in Bahrein ein Strohfeuer abgebrannt hat – oder ob der 22-Jährige aus der Speedwaystadt King’s Lynn in East Anglia tatsächlich so stark ist.

Vor Bahrein 2 hat der Brite sich mit bewusst platzierten, vor Selbstbewusstsein und Mutzusprechen nur so strotzenden Aussagen selbst starkgeredet. Sein ganzes Gehabe erinnerte stark an manche Rennfahrer bei den 24 Stunden von Le Mans, die bei der dort freitäglich stattfindenden Fahrerparade in der Innenstadt – die an einen motorsportlichen Rosenmontagszug erinnert – so viel Energie aus dem Jubel der Zuschauer an der Straße ziehen, dass sie davon wie elektrisiert wirken. Ein Doping der ganz besonderen Art, über die psychologische Schiene.

Quasi das europäische Gegenstück zum Sisu. Russell hat das vor Bahrein 2 bemüht. Und sich damit in der Warteschleife für eines der beiden Mercedes-Cockpits ab 2022 an die Spitze der Schlange gesetzt. Egal, ob Hamilton nach seinem dann achten WM-Titel abtritt oder Bottas mangels Leistung aussortiert wird – Russell wird in der Erbfolge nachrücken. Trotzdem wär’s spannend, ihn dieses Wochenende wieder im Schwarzpfeil zu sehen.

Genau genommen, wäre das auf der wunderlichen Strecke von Yas Marina Island wohl das einzige Spannungsmoment überhaupt.


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