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13.09.2018

Causa Kimi

Text: Norbert Ockenga

Fotos: Heike Kleene


Strategiemachen können sie bei Ferrari fast so gut wie die englische Fußballnationalmannschaft Elfmeterschießen. Deswegen musste nach dem Fiasko von Monza dringend der Knoten durchschlagen werden. Jetzt haben die Italiener die letzte Verstopfung bereinigt, die noch zwischen Sebastian Vettel und einer fulminanten, aber auch bitter nötigen Aufholjagd steht: Kimi Räikkönen.

Dazu musste ein moderner Menschenhandel abgeschlossen werden: Ferrari musste dafür sorgen, dass sein Kundenteam Sauber dem Abschiebemann Räikkönen für zwei Jahre Asyl gewährt. Nur so konnten den Finnen in Maranello so weit einfrieden, dass der sich künftig wieder – wie zu Saisonbeginn – der Stallregie unterordnet und als Wasserträger für und hinter Vettel fährt.

Das Aufdröseln der Vorkommnisse von Monza und danach gleicht einem Puzzle, das zusammenzusetzen nur die Wenigsten geduldig genug gewesen sind. Die meisten haben die Schuld für die Erstrundenblamage einstimmig wie ein Shanty Chor auf Sebastian Vettel abgeladen, und damit haben sie auf den ersten Blick ja auch recht: Dessen hektischer Angriff auf Räikkönen hat für Lewis Hamilton eine Tür auf der saubereren Fahrspur mit dem besseren Haftbeiwert aufgeschlagen, Vettel hat sich selbst eine Grube gegraben.

Doch die Ursache liegt tiefer: Wie schon in Singapur 2017, hat Ferrari keine gescheite Rennstrategie orchestriert und im Vorfeld nicht alle Möglichkeiten durchgesprochen. Obwohl es genau dafür diese ebenso unsäglichen wie unendlichen „strategy briefings“ am Samstagabend oder Sonntagmorgen gibt.
In Monza kam noch erschwerend hinzu: Räikkönen war nicht mehr in ein Taktikschema zu pressen. Denn der Finne wusste schon, dass Ferrari ihn zum Ende des Jahres abschieben wollte. Warum sollte er sich da also fügen und Vettel den Vortritt lassen? Wenn man so gestrickt ist wie Räikkönen, hat die Mannschaftstreue genau dort ein Loch. Plötzlich ist alles egal, man fährt nur noch für sich selbst.

Räikkönen ist, vorsichtig gesagt, ein komischer Vogel. Ich kenne ihn schon, seit er – gerade der Pubertät entwachsen – Formel Renault fuhr und von dort direkt zu Sauber befördert wurde, noch ohne Führerschein und erst recht ohne die für die Formel 1 nötige Superlizenz, aber mit Ausnahmegenehmigung von ganz oben: vom FIA-Präsident höchstpersönlich.

Schon damals war er ebenso schweigsam wie trinkfest. Und er verfügte über eine Grundschnelligkeit und eine Fahrzeugbeherrschung, welche die Sauber-Verantwortlichen schier vom Hocker hauten.

Irgendwann im Laufe der langen Jahre in der Formel 1, als Räikkönen bei McLaren fuhr, habe ich ihn in einem der seltenen 1:1-Interviews, die er kaum gab, gefragt, warum er eigentlich so einsilbig sei. Seine Erklärung leuchtet sogar ein: In den jungen Jahren, als er in die Formel 1 gekommen sei, hätte er nur so gebrochen Englisch gesprochen, dass er sich unsicher fühlte, vor der Weltbühne der bis zu 400 Journalisten sattelfest und flüssig zu reden. Aus der anfänglichen schüchternen Scheu sei dann eine Art Schutzhaltung geworden – je weniger er rede, desto weniger werde er gefragt, und desto besser könne er sich aufs Wesentliche konzentrieren, aufs Gasgeben.

Was mich nur wundert: Dieselben Leute, die Räikkönen jahrelang für seine mürrische Schweigsamkeit kritisiert haben, finden ihn seit ein paar Jahren plötzlichen kultig, lustig und charakterlich gehaltvoll. Dabei hat er sich um keinen Deut geändert. Er hält sich noch immer ein ausgeschaltetes Mobiltelefon ans Ohr, wenn er durchs Fahrerlager läuft, um auf der dortigen Meile – so nennen wir den schmalen Weg zwischen Teamzelten und Boxengasse, auf denen wir Journalisten auf der Suche nach Gesprächspartnern auf- undabtigern – bloß nicht angesprochen zu werden. Und mehr als Einsilbigkeit kriegt man aus ihm auch nur unter größter Mühe rausgemolken. Nur die Wahrnehmung seiner Persönlichkeit hat sich komplett gedreht.

Was sich auch nicht geändert hat: Räikkönens Lust aufs Formel 1-Fahren. Er hat schon Rallye und NASCAR versucht, doch die Grand Prix-Einbäume mit ihren freistehenden Rädern ziehen ihn mehr in ihren Bann. Das kann ich ihm nicht verdenken. Denn egal, mit welchen Rennfahrern man redet – sie alle beteuern, Formel 1-Fahren sei das Höchste der Gefühle, alle anderen Rennserien und ihre -autos bestenfalls so eine Art Ersatzdroge.

Auch wenn die moderne Formel 1 deutlich gezähmt und entkernt worden ist – sie bleibt offenbar immer noch das Geilste, zumindest zum Fahren.
Die Ferrari-Chefetage hätte schon viel früher erkennen müssen, wie die Lösung aussieht, die Räikkönen verknusen kann. Die Reise nach Jerusalem ohne leere Stühle zwischen Ferrari und Sauber ist ebenso naheliegend wie – für einen 39-Jährigen – sinnvoll und ehrenhaft.

Dass dieser Deal erst so spät im Jahr eingetütet wurde, nachdem Räikkönens Laune schon implodiert ist und mit ihr seine Mannschaftsdienlichkeit, ist am Ende womöglich der Sargnagel, der Vettel den WM-Titel kostet. Denn vielleicht ist es jetzt schon zu spät, Räikkönen wieder aufs Gleis für die letzten Ausfahrten gesetzt zu haben. Der Schaden ist da, die Punktelücke aus Eigenverschulden gerissen.

Natürlich, Vettel hat durch diverse Fehler schon 55 WM-Zähler vertändelt. Aber den letzten Fehler, das Verdaddeln des sicheren Heimsieges – den hätten die Ferrari-Oberen mit ein bisschen Denksport, Einfühlungsvermögen und Voraussicht ganz einfach vermeiden können.

Allerdings liegen auch dahinter wieder facettenreiche Fragen: Hat Vettel am Ende selbst dafür votiert, so lange mit der Räikkönen-Entscheidung zu warten, weil er den willfährigen Rucksackfahrer als Teamkollegen behalten wollte? Statt eines jungen Wilden, der sich profilieren möchte wie einst Daniel Ricciardo an seiner Seite bei Red Bull? Und hat Vettel damit ein bumerangmäßiges Eigentor geschossen?

Und: Warum baut Ferrari darauf, dass ein Jungspund mit Ehrgeiz an die Seite von Vettel geholt wird? Will man dem Deutschen Feuer machen? Und provoziert man damit noch mehr Fahrfehler? Oder möchte man sich schon für eine Zeit nach Vettel wappnen, wenn der entnervt das Weite gesucht hat?

Oder handelt Ferrari einfach nur impulsiv statt strategisch, wie meistens?


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