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09.09.2020

Bangen ums 24-Stundenrennen


Man ist offenbar schon wieder einen Schritt weiter. Nur kriegt es immer keiner mit. Anfang der Woche verschickte der Veranstalter des 24-Stundenrennens vom Nürburgring eine Rund-Email, in der stand, beim Eifelmarathon seien 30 Journalisten zugelassen.

Nur: Sie verschickten die Mitteilung nicht an Journalisten – sondern an Teilnehmer. Dort blieb es natürlich nicht lange vor Journalisten verborgen. Zumindest nicht vor solchen, die vernetzt sind und recherchiert können.

Warum diese Informationspolitik der verdeckten Hand? Man kann nur mutmaßen. Denn parallel zur Info über die Entscheidung zur Einschränkung der Akkreditierungen für Journalisten erreichen PITWALK auch immer wieder neue Anrufe, in denen die Befürchtung geäußert wird, das 24-Stundenrennen werde doch noch abgesagt. Und: Es sind immer neue Quellen, aus völlig anderen Stoßrichtungen und Bereichen, die mit diesen Informationen an PITWALK herantreten.

Die Quintessenz all’ dieser Informanten und Befürchter: Der ADAC möge nicht für die Einnahmeausfälle aufkommen, die durch das coronabedingte Aussperren der Zuschauer unweigerlich anfallen, und werde deswegen das Rennen kurz vor knapp unter Angabe von politisch motivierten oder notwendig gewordenen Gründen doch noch ganz kippen.

Was da dran ist? Keine Ahnung. So ganz aus der Luft gegriffen kann das nicht sein, wenn so viele verschiedene Parteien darauf hinweisen. Und zwar teilweise schon seit Monaten. So sollte, lautet eine Version, das Sechsstundenrennen auf jeden Fall durchgeführt werden – anstatt es durch eine frühzeitige Absage auch schon kannibalisieren, weil keiner mehr führe, wenn er die 6h nicht als Vorbereitung für die 24h benötige.

Die 6h sind hinter uns. PITWALK hat mit dem innovativen Talk-Format aus dem Studio, der in den Livestream eingebettet war, ein neues Format probiert, das auf gewaltige Resonanz gestoßen ist.

Doch die Furcht bleibt.

Und das ist schlecht für den ganzen Motorsport in Deutschland, der ohnehin schon in einer Krise steckt.

Nun ist akute Absageritis nichts Neues zu Zeiten von Covid-19. Der deutsche MotoGP-Lauf ist so früh abgesagt worden, dass Insider heute noch mit dem Kopf schütteln. In Sachsen, wo das Rennen stattgefunden hätte, werden sogar schon Zuschauer wieder zu Bundesligaspielen gelassen. Das Motorradspektakel hätte locker stattfinden können, zumal die DORNA als MotoGP-Organisation ein besseres Hygienesystem hat als die Formel 1. Aber das Rennen ist schon ausgeschüttet worden, als dazu noch kein Anlass bestand. Jetzt fährt die MotoGP ihre Rennen halt in allen möglichen anderen europäischen Ländern.

Andernorts wird gezeigt, wie’s geht. Vor zwei Ausgaben hat PITWALK ja in der Zeitschrift und in mehreren Podcasts exklusiv enthüllt, wo der Motorsport nach der Coronastarre in Deutschland wirklich wachgeküsst wurde: beim Speedwayverein MC Norden an der ostfriesischen Nordseeküste. Auch in Meißen und Nordhastedt haben die dortigen Speedwayvereine Pionierarbeit für die Wiederbelebung der Rennerei geleistet.

In Meißen gab es sogar ein Speedway-Geisterrennen.

Und als die ersten Lockerungen durchs Land schwappten, zeigte etwa der MSC Moorwinkelsdamm im Ammerland, unweit von Westerstede, wie man Rennen mit wenigen, aber immerhin überhaupt irgendwelchen Zuschauern veranstalten kann: Karten unter vollen Namensnennung im Internet bestellen, aus einem klar definierten Kontingent von insgesamt 500 verfügbaren; alle Karteninhaber erhalten dann feste Parzellen im Zuschauerbereich zugewiesen, klar kenntlich gemacht. Ihren Claim dürfen die Fans nur mit Maske und nur aus gutem Grund verlassen. Freies Rumflanieren wie früher gibt’s nicht.

So haben die Friesen ein Rennen als Eintagesveranstaltung aufgezogen und den Fahrern die Möglichkeit gegeben, ihren Sport auszuüben.

Die Cimbern-Rallye in Schleswig-Holstein hat es ebenfalls geschafft, ein Coronakonzept zu etablieren und genehmigt zu bekommen. Das Resultat: Die Startplätze bei Deutschlands nördlichster Rallye war in Windeseile ausgebucht, die Veranstalter mussten reihenweise Nennungen ablehnen.

Andere Rallyeveranstalter zogen sich darauf zurück, dass das DMSB-Konzept für Motorsport in Coronzazeiten nicht umsetzbar sei. Und die Deutsche Rallyemeisterschaft ist ebenfalls ganz abgesagt worden. Als ob es gerade dem Rallyesport in Deutschland nicht schon schlecht genug ging – und man als Verband und Veranstalter in der Pflicht sei, gerade diese Sparte besonders zu stützen.

Norden, Meißen, Mo’wi’damm und Cimpern machen deutlich: Man kann, wenn man will.

Aber auch außerhalb des Motorsports herrscht ja noch Chaos und Ratlosigkeit. In den rheinischen Karnevalshochburgen geht man hinter vorgehaltener Hand davon aus, dass bald die ganze nächste Session abgesagt werde. Aber erst nach dem kommenden Wochenende. Denn dann finden in Nordrhein-Westfalen Kommunalwahlen statt. Die wollen die Politiker erst abwarten, damit Volkes Enttäuschung über die Absage der Fünften Jahreszeit sie nicht am Ende noch Stimmen kostet. Wenn sie erst gewählt sind, können sie ihre unpopuläre Enttäuschung dann doch noch verkünden.

Dabei haben die Karnevalisten längst Konzepte erarbeitet, wie ihre Sitzungen doch stattfinden könnten: an runden und dann auch nur halbvoll besetzten Tischen statt den üblichen langen Tafeln, an denen man Schulter an Schulter lacht und schunkelt etwa. Weil Säle und auch Künstler – Bands, Kabarettisten, Büttenredner – alle mindestens zwei Jahre im Voraus gebucht werden müssen, mögen die Vereine ihre Sessionen nicht selbst absagen, das kostet sie Ausfallsalär. Wenn die Politik es ihnen aufzwingt, können sie Höhere Gewalt ins Feld führen.

Selbst für den Elften im Elften und für die Rosenmontagszüge – nur mit Tribünenpublikum, ohne Zugereiste, sogar ohne Alkohol am Zug – gibt es solche Konzepte.

Aber was nützt es, wenn ehrgeizige Leute sich Gedanken machen, wie eine Tradition, eine Veranstaltung oder auch ein Rennen gerettet werden kann, wenn’s letztlich doch nur ums Taktieren geht, wer sich im Absagemikado als Erster bewegt?

In Bremen ist gerade der Freimarkt in abgesteckter Form genehmigt worden, in Hamburg der Winterdom. Aber der HSV und St. Pauli dürfen trotzdem nicht auf Fans im Stadion hoffen. Union Berlin oder RB Leipzig dagegen wohl.

Man sieht auf den ersten Blick: So geht’s nicht weiter.

Aber jemand, der den Gordischen Knoten durchschlägt, ist nicht in Sicht. Politiker besuchen lieber Autohersteller und lassen sich dabei fotografieren so wie Armin Laschet bei Ford – statt zusammenzuarbeiten und belastbare Lösungen zu finden. Die Kanzlerfrage steht über allem, vor allem in Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Der Nürburgring liegt in Rheinland-Pfalz. Genau wie die Panzerplatte, auf der eine abgespeckte Variante der Rallye Deutschland stattfinden sollte. Sie wurde abgesagt. Jetzt fährt die Rallye-WM ihre Läufe in anderen Ländern. Und wir zeigen Sie in der Videosektion auf pitwalk.de unter PITLIVE, dann dem Untermenüpunkt „Bilder des Tages“. Auch hier hat die Absage der Deutschland dem Sport hierzulande einen Bärendienst erwiesen.

Ist die Absage der Deutschland ein Menetekel fürs 24-Stundenrennen? Oder vielleicht sogar ein Segen? Weil der ADAC einen Verlustbringer – die WM-Rallye ohne Fans – zugunsten des anderen  – dem 24h-Rennen ohne Fans – geopfert hat?

Man weiß es nicht.

Es ist unvorstellbar, dass der ADAC nicht auch schon davon gehört hat, dass immer mehr Gerüchte über die Absage des 24-Stundenrennens durchs Land ziehen. Die Funktionäre könnten mit klarer Kommunikation gegensteuern. Nein – sie müssten es sogar.

Stattdessen gibt’s Salamitaktik wie einst bei Christian Wulff.

Weil die Nürburgring GmbH ihre Arbeit so gut macht, wird eine Absage schwierig zu begründen sein. Die Eifelaner haben es geschafft, zu allen großen Rennen der jüngsten Zeit ein kleines Zuschauerkontingent zugelassen zu kriegen. Denn sie arbeiten mit ihrer Lokalpolitik und -verwaltung genau so zusammen, wie PITWALK es in den Berichten über das Comeback des Motorsports beim Speedway in Norden als mustergültig herausgestellt hat. Hand in Hand, konstruktiv und unter gegenseitigem Zuhören kann man einen Teil der Öffentlichkeit wieder herstellen.

Der MC Norden war Vorbild, PITWALK hat es auf seinen Formaten so klar gezeigt, dass Andere sich daran orientieren konnten – wenn sie denn wollten.

Das 24-Stundenrennen ist natürlich eine andere Hausnummer. Und weil das Rennen in den vergangenen paar Jahren immer mehr als eine Art Ballermann des Motorsports vermarktet und kommuniziert wurde, hat man ein Feierpublikum in die Eifel gelockt, das hauptsächlich zum Trinken und Zelten kam. Die Rennwagen waren für sie „booooaah-ey“, aber mehr nicht.

Genau das fällt dem Veranstalter jetzt vor die Füße. Denn der Feiertourist ist, in Massen kommend, nicht so zu bändigen wie ein Motorsportliebhaber, der wegen des Rennens an die Nordschleife pilgert. Ein Konzept wie in Moorwinkelsdamm – das sich vom Kölner Tanzbrunnen bis zum Auricher Hafenplatz auch bei Kulturveranstaltungen und Konzerten längst bewährt hat – kann da nicht funktionieren, wenn der Blutgehalt im Alkohol immer geringer wird.

Das haben die 24h-Macher sich selbst eingebrockt.

Zwar haben die echten Rennfans auch ordentlich gefeiert, aber nicht so ausartend wie die Feiertouristen, die das 24h-Rennen zu ihren ausgedehnten Vatertagstouren genutzt haben. Für sie war immer das Rennen der Anlass zum Feiern, nicht umgekehrt. Das hat man auch an ihrem Betragen gemerkt. In Le Mans und in Sebring ist es genauso, wie es am Ring mal war.

Doch gerade bei PITWALK sind vermehrt Rückmeldungen eingegangen von klassischen Motorsportfans auch mit Hang zum Feiern, die sich von den mehr und mehr werdenden Trinktouris abgeschreckt fühlen und neuerdings lieber zur NLS als zum Vierundzwanziger gehen.

Diese Suppe müssen die Veranstalter aber auslöffeln, sie haben sie auch selbst gekocht.

Also ist klar: Zuschauer kann man unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht zulassen.

Für eine ganze Absage des Vierundzwanzigers gibt es aber keinen Grund, der einer nüchternen Betrachtung standhält. Deswegen wäre es an der Zeit, die dauerhaft grollende Unruhe zu ersticken.

Denn wenn die sogar schon in der Redaktion ankommt – wie muss es dann erst bei den vielen, vielen Teams zugehen, deren maßgebliches wirtschaftliches Standbein das 24h-Rennen ist?


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