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20.09.2019

Ausgeträumt


Wunder gibt’s auch in der Formel 1 nicht. Das steht spätestens seit Donnerstag fest. Da hat Robert Kubica offiziell gemacht, woran es ohnehin keinen Zweifel mehr gab: Seine Zeit bei Williams ist Ende dieses Jahres vorbei.

Auf der einen Seite ist das schade. Aber es war auch schon absehbar, dass es so kommen musste, bevor der Krakauer sein erstes Rennen für den englischen Traditionsrennstall bestritt. Zumindest für jeden, der Kubica in den letzten zwei Jahren mal persönlich gesehen und ihm die verkrüppelte rechte Hand geschüttelt hat. Nach seinem schweren Rallyeunfall, bei dem eine Leitplanke durch den Motor- in den Innenraum seines Wagens gedrückt kam und ihm Hand und Unterarm zerquetscht hatte, hätte die Hand beinahe amputiert werden müssen. Zwar retteten die Ärzte das Gliedmaß. Aber die beschädigten Nerven konnten sie nicht wieder zur Funktionstüchtigkeit erwecken.

Etwas ganz Ähnliches, wenn auch noch eine Spur schlimmer, ist dem Formel 1-Piloten Alessandro Nannini passiert. Dem Bruder der Rockröhre Gianna Nannini wurde bei einem Hubschrauberabsturz 1990 der rechte Unterarm abgetrennt. Die Ärzte nähten ihn zwar wieder an. Aber die Funktionsfähigkeit blieb auch stark eingeschränkt.

Mit solchen Behinderungen kann man nicht Formel 1 fahren. Die körperlichen Belastungen, die über die Fliehkräfte an den Körpern zerren, sind zu groß. Man braucht nicht nur die volle Beweglichkeit, sondern auch eine komplett ausgebildete Muskulatur. Mit beidem konnten weder Nannini noch Kubica nach ihren Unfällen und Rehakuren aufwarten.

Dass Kubica trotzdem bei Williams landen konnte, hatte vor allem finanzielle Hintergründe. In seiner polnischen Heimat ist er immer noch ein Volksheld. Und er brachte Sponsormillionen von einem polnischen Tankstellenimperium mit ein, das über Untermarken auch auf dem deutschen Markt vertreten ist. Williams steckt finanziell in einer dermaßen prekären Lage, dass sie die happige Mitgift von Kubica brauchten. Schließlich waren gerade erst ein Hauptsponsor – eine Branntweinmarke – und dazu noch der Vater von Lance Stroll als still zahlender Mäzen im Hintergrund von Bord gegangen.

Das Geld von Kubica sicherte Williams kurzfristig den Fortbestand. Mittelfristig war das aber kein nachhaltiges Vorgehen. Denn es war allen Insidern klar: Sportliche Erfolge kann Kubica nicht liefern. Deswegen bleibt Williams am Tabellenende der Königsklasse kleben – und kriegt daher fürs Folgejahr auch empfindlich weniger Preis- und Startgeld als bei besseren Resultaten.

Als Bernie Ecclestone in der Formel 1 noch das Sagen hatte, glich der Engländer solche Defizite mit unbürokratischen Vorschüssen und zinslosen Überbrückungsdarlehen aus. So zog er immer wieder bedrohte Teams aus der Schieflage. Denn das Gesamtbild der Formel 1 war ihm wichtig. Teampleiten ließ er nur zu, wenn die aus seiner Sicht selbstverschuldet und unabwendbar waren. Williams hat einige Male von der helfenden Hand Ecclestones profitiert.

Jeder, der in der Formel 1 hinter die Kulissen blicken kann, kennt die Geschichte um die „brown envelopes“ – braune Briefumschläge, mit denen Ecclestone alljährlich beim Großen Preis von Monaco aufwartete und die er dort, prall gefüllt mit Bargeld, unter die Teamchefs brachte.

Als die Herstellerflut die Königsklasse schwemmte, war es mit den brauen Umschlägen vorbei. Denn sie passten nicht mehr in die Welt von politischer Korrektheit und „Compliance“. Konzernvertreter durften sie nicht annehmen. Es hätte zu sehr nach Bimbes ausgesehen.

Private Rennställe wie Williams oder das ehemalige Force India, das jetzt Racing Point heißt, konnten weiterhin auf dem kurzen Dienstweg wandeln. Und taten das auch immer wieder. Doch seit Liberty Media die Rechte an der Formel 1 übernommen hat, gibt es diese Finanzspritzen nicht. Denn, auch wenn es keiner offen zugibt, so herrscht unter Insidern im Fahrerlager doch Konsens darüber: Die Amerikaner möchten die Rechte an der Rennserie so bald wie möglich weiter verkaufen. Sobald die sich wirtschaftlich konsolidiert hat. Also die langfristigen Verbindlichkeiten, die Bernie Ecclestone aufgehäuft hat, abgebaut sind und sich die Grand Prix-Szene in Bausch und Bogen weiter verkaufen lässt.

Entwicklungshilfe oder Insolvenzgelder passen da nicht ins Bild. Die eigene Bilanz geht vor das Gesamtbild, erst recht vor Wohl und Wehe von einzelnen Teams. Auch wenn es sich dabei um Traditionsrennställe wie Williams handelt.

Dort wiederholt sich gerade die Geschichte. Tyrrell war das letzte große Traditionsteam, das pleite machte. Alle anderen, die danach eingingen, waren kurzfristige Erscheinungen. Ecclestone hat Tyrrell auch geholfen, solange er einen Sinn darin sah. Erst als Gründer Ken Tyrrell die Geschäftsleitung an seinen Sohn Bob übertrug und Ecclestone erkannte, der kann’s nicht, hat er das Team in den Abgrund laufen lassen.

Williams wird inzwischen auch in zweiter Generation geführt. Anfangs hat man Tochter Claire mit Wohlgefallen aufgenommen: Endlich mal eine Frau, die sich in die erste Reihe traut. Doch inzwischen wachsen die Zweifel an ihrer Kompetenz. Zu viel ist unter ihrer Regie schiefgelaufen; nicht aus Pech oder höherer Gewalt. Die meisten Fehler sind logisch, wenn man die Mechanismen der Branche kennt.

Auch das Scheitern von Robert Kubica mit seiner Behinderung. Kurzfristig mag das polnische Geld das Team gerettet haben. Doch schon die nächsten Bilanzen, die Williams als börsennotierte Firma offenlegen muss, zeigten das wahre Ausmaß der Finanzkrise. Das Unternehmen taumelt vorm Abgrund. Es lebt nur noch, weil eine Schwesterfirma für Techniklösungen und -entwicklungen genug Einnahmen und Überschüsse generiert. Diese Firma ist aber nicht von Claire Williams gegründet worden, sondern von externen Beratern durchgedrückt worden.

Eine Zeit lang sah es so aus, als wolle sich Jonathan Williams einen internen Krieg mit seiner Schwester um die Führung des Teams liefern. Es wäre so etwas draus geworden wie die Dauerfehde zwischen J.R. und Bobby Ewing. Denn Claire ist zäh und beharrlich wie ihre Mutter Virginia, Jonathan ein echter Racer wie sein Vater Frank.

Ob das das Team gerettet hätte? Oder ob es überhaupt noch zu retten ist?

Kubica dagegen wird denselben Weg gehen wie Nannini. Der Pole wird im kommenden Jahr im Deutschen Tourenwagen-Masters fahren. Ich weiß sogar schon wo. Aber ich darf’s noch nicht verraten.


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