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27.10.2016

Audis Elektroschock


Wird bald alles anders? Am Mittwoch dieser Woche hat ein Entschluss die Motorsport-Welt erschüttert, der mittelfristig große Auswirkungen auf die Formel 1 haben könnte. Audi zieht sich Ende 2016 aus der Sportwagen-WM zurück.

Das Langstrecken-Championat fordert technisch aufwändigere Autos als die aktuelle Formel 1. Zwei Hybridsysteme, reaktive Fahrwerke, eine komplizierte Aerodynamik – die Ingenieure, die an einem LMP1-Sportwagen arbeiten, müssen mindestens so clever sein wie ihre Kollegen aus der Formel 1.

Audi gibt diese Hightech-Spielwiese auf, weil im Zuge des Dieselskandals und der Absatzkrise bei Audi kein Geld mehr für die 250 Millionen Euro-Jahresetats der WM da ist. Künftig verlegen die Bayern sich auf das DTM und irgendwann auch auf die Elektro-Rennserie Formel E. Letztere kann man für weniger als 10 Millionen Euro beschicken, das DTM braucht vielleicht 60.

Und auch dort herrscht schon ein merkwürdiger Sparzwang vor: BMW hat seinen Teams jeweils einen Mechaniker pro Auto weggekürzt, um die immensen Kosten für eine Marketing-getriebene Luxus-Hospitality nicht zusammenstreichen zu müssen.

Um DTM und Formel E zu machen, braucht man keine guten Hightech-Ingenieure mehr. Denn die Formel E bewegt sich auf Formel 3-Niveau, man setzt einfach nur Einheitstechnik ein und dreht an verschiedenen kleinen Stellschrauben bei der Abstimmung, um sich einen Vorteil herbeizutunen. Da tut es das bewährte Muster aus normalen Renningenieuren, die vielfach sogar als Freiberufler in der Szene unterwegs sind und Sommer für Sommer neu angeheuert werden können. Das DTM ist nur unwesentlich aufwändiger.

Audi Sport hat aber gerade ein neues Kompetenzzentrum aufgebaut. Das fällt nun weitgehend brach. Und die Ingenieure, die dort angesiedelt sind, werden in Windeseile nach neuen Jobs suchen. Die einzige Herausforderung, die sie finden, liegen wohl in der Formel 1. Porsche kann für das Sportwagen-WM-Programm zwar noch einen neuen Technischen Direktor gebrauchen, ist aber ansonsten top besetzt. Und Toyota ist ohnedies quer durch die Ingenieursbank sehr homogen und hochwertig besetzt.

All’ jene Formel 1-Teams, die momentan an der Übermacht von Mercedes verzweifeln, haben mit Sicherheit längst ihre Fußangeln nach jenen Ingenieuren ausgeworfen, die durch die Ausstiegsentscheidung bei Audi jetzt frei werden. Der Aderlass wird nicht lange auf sich warten zu lassen.

Zumal meine Gespräche der vergangenen Monate zwei klare Tendenzen ergeben: Der Ausstieg kommt nicht so plötzlich, wie jetzt gerade vermutet wird. Schon bei den 24 Stunden von Spa im Hochsommer hat mir ein VAG-Konzerninsider unmissverständlich gesagt: „Bei Audi stehen alle Sportprogramme auf dem Prüfstand.“ Und: Die Entscheidung gegen die Sportwagen-WM und für die Formel E kam nicht aus der Motorsport-Abteilung, sondern ist ihr vom Vorstand aufgestülpt worden – gegen den erklärten Willen der Sportler.

Das heißt, alle Top-Ingenieure haben den Dolchstoß kommen sehen und sicher schon ihre Fühler anderweitig ausgestreckt. In der Formel 1 konnte man dagegen seit dem letzten Reglementswechsel die genau gegenteilige Tendenz beobachten: Seit 2009 haben reihenweise gute Ingenieure aus tragenden und leitenden Positionen von der Königsklasse abgewandt. Die schiere Anzahl von sehr guten Ingenieuren, die bei Audi Sport jetzt frei werden, wird automatisch dafür sorgen, dass eine große Personalwanderung in Richtung der Formel 1 einsetzt. Damit kommt eine neue Qualität in die Königsklasse.

Vor allem Verfolgerteams wie Red Bull und McLaren, aber auch Außenseiter mit Nachholbedarf wie Renault und sogar Force India und Williams werden zuschlagen. Ferrari nicht, denn die wollen ja neuerdings alles selbst machen. Aber für alle Verfolger außer Ferrari ist die veränderte Situation die große Chance, sich personell so zu verstärken, dass es endlich richtig vorwärts gehen kann mit der Aufholjagd auf Mercedes. Bis sich das in voller Gänze durchschlägt, werden sicher noch zwei Jahre vergehen. Aber die Vorzeichen für – endlich wieder – mehr Spannung in der Formel 1 sind seit Mittwoch deutlich besser geworden.


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