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Red Bull tanzt wieder am Abgrund

Das kam dem bösen englischen Humor gerade recht. Als sich unter den Briten im Formel 1-Fahrerlager die Kunde breitmachte, dass Max Verstappen und Daniel Ricciardo nach ihrem vermeidbaren Unfall von Baku zum Strafappell zum Teamsitz von Red Bull zitiert wurden, mischte sich bald eine landestypische Portion Sarkasmus unter die Spekulationen, was den beiden teaminternen Bruchpiloten denn wohl für eine Sanktion drohe. Schließlich sei es doch eigentlich schon Strafe genug, überhaupt nach Milton Keynes zu müssen.

Die Kleinstadt unweit von Buckingham und Silverstone gelegen steht in England in keinem guten Ruf. Eigentlich ist Milton Keynes nur eine Trabantenstadt mit Industriegebiet und Bürokomplex, aber keine natürlich gewachsene Besiedlung. Der Milton Keynes Bowl, ein Multifunktionsstadion für Großkonzerte, soll ein bisschen Leben in die Kunstsiedlung bringen. Aber genauso gut könnte man auch das alte Olympiagelände in Wilhelmshaven als einen Traumwohnsitz anpreisen.

Die schwarzhumorige Witzelei konnte das Nachbeben, das in Konsequenz von Max Verstappens Fehltritt von Baku das ganze Red Bull-Team erschütterte, nicht dämmen. Denn für die WM ist die Kollision der beiden Teamkollegen ein Debakel: Red Bull hat ein Auto, das klar die dritte Kraft in der aktuellen Hierarchie ist, hinter Mercedes und Ferrari. Aber das Team der Limoabfüller ist so nah auf Schlagdistanz, dass Verstappen und Ricciardo in Gerd-Müller-Manier sofort abstauben können, sobald die beiden Werksteams ein nicht ganz fehlerfreies Rennwochenende hinlegen.

Das verleiht der WM zumindest in der aktuellen Phase eine ganz besondere Note: Red Bull ist eine latente Gefahr – darf aber selbst nichts verkehrt machen, sonst sind die eigenen WM-Ambitionen beim Teufel. Und die 22 möglichen Punkte, welche die teaminterne Kollision gekostet hat, schmerzen vor diesem Hintergrund doppelt. Gut möglich, dass sie am Ende den Ausschlag in der WM geben können – zugunsten von Lewis Hamilton, der an diesem Wochenende in Barcelona bei normalem Rennverlauf zu einer Siegesserie ansetzen wird, die ihn schon bis zur Sommerpause mit erklecklichem Vorsprung an der Tabellenspitze in die Sonne setzen wird.

Auf der heiklen Aeropiste in der Nähe von Granollers wird der Mercedes aus eigener Kraft nicht zu schlagen sein, selbst Sebastian Vettel muss ins Wochenende gehen wie der HSV in den letzten Spieltag – und auf Hilfe von Dritten hoffen, um einen Hamilton-Triumph zu vereiteln.

Und die beiden Red Bull-Crashkids? Teamchef Christian Horner erwies sich nach Baku wieder mal als Meister der gespaltenen Zunge, indem er die Schuld zu gleichen Teilen auf Ricciardo und Verstappen abladen wollte. In Wahrheit ist Verstappen der allein Schuldige, zumindest wenn man die reine Rechtslage anlegt: Er hat in der Anbremszone mehrfach die Spur gewechselt und so lange hin und her gezuckt, bis er genau vor Ricciardo einscherte. Erlaubt ist aber nur ein einziger Spurwechsel auf der Bremse.

Als Verstappen einmal genau vor Ricciardo fuhr, konnte der den Auffahrunfall nicht mehr vermeiden. Denn sein Frontflügel kriegte nur noch Wirbelschleppen statt freier Luft an, der Wagen tauchte in eine Unterdruckzone hinter dem Heckflügel von Verstappen ein – und ohne aerodynamischen Anpressdruck verlängert sich der Bremsweg eines Formel 1-Wagens überproportional. Der Australier hatte schlicht keinen Platz, so stark zu verzögern, Verstappen nicht hinten drauf zu rauschen.

Die beiden Heißsporne bei Red Bull sind die brachialsten Überholer des ganzen Feldes. Die brutalen Manöver von Verstappen sind offensichtlich. Doch Ricciardo ist in Wahrheit nicht viel besser. Er sticht immer so spät rein, dass er seine Gegner spielerisch in eine Falle lockt. Die sind von dem Angriff, der im Fahrerlagerenglisch längst „Arschbombe“ heißt, dermaßen überrumpelt, dass sie nicht mehr angemessen reagieren können – denn sie sehen nur: „Wenn ich jetzt noch einlenke, berühren wir uns, und ich als außen Fahrender fliege ab.“ Also bremsen die Attackierten zu heftig und scheren einfach hinter Ricciardo wieder ein.

Tatsächlich gebe es ein probates Mittel gegen Ricciardos Überfallkommando, Fernando Alonso und Lewis Hamilton kennen es zur Genüge: einfach warten, den innen einher Zischenden fahren lassen – denn der ist so spät auf der Bremse , dass er vor lauter Angreifen den Scheitelpunkt nicht mehr treffen kann, also auch nicht sauber aus der Kurven rauszufahren vermag. Und genau wenn Ricciardo untersteuernd am Scheitelpunkt vorbei und von der Ideallinie rodelt, können die Angegriffenen einfach stur ihre Linie fahren – und am Kurvenausgang mit mehr Schwung auf der Ideallinie völlig ohne Aufwand und Risiko wieder an Ultrazuspätbremser Ricciardo vorbeigehen.

Red Bull ist in einer beneidenswerten Ausgangslage, die beiden spektakulärsten Fahrer zu haben. Anders als vor Jahren zwischen Sebastian Vettel und Mark Webber, ist zudem die Atmosphäre zwischen den beiden nicht von Hass erfüllt; man respektiert sich als Gegner und bekämpft sich, aber verachtet sich nicht persönlich.

Die große Frage ist: Was ist hinter den Toren von Milton Keynes diese Woche wirklich gesagt worden? Wenn Max Verstappen seine Gardinenpredigt abbekommen hat, mag die Situation entschärft sein. Wenn Horner bei seiner „Keiner hat Schuld“-Appeasementpolitik geblieben ist, dann hat Verstappen gemerkt: Er kann machen, was er will – und sich hinterher mit eleganten Worten wieder rausreden. Das erinnert sehr an jene Freiheiten, die auch Vettel als das Wunschkind aus dem Red Bull-Kader stets genießen durfte.

Das wiederum würde in Ricciardo die Zweifel nähren, ob er bei den Bullen langfristig gut aufgehoben sei. Bislang redet er für die Zukunft nach Auslaufen seines Vertrags Ende 2018 nur mit seinem bisherigen Team. Aber das kann sich ja schnell ändern, denn ein Ass vom Kaliber des Strahlemanns aus Perth verschmäht auch kein anderes Team.

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