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Jetzt braucht's den wahren Vettel

  02.10.2018    

Reisen nach Japan sind immer ein besonderes Erlebnis. Vor zwei Jahren etwa besuchten wir im Rahmen eines Rennwochenendes in Fuji mit einer größeren Gruppe ein typisch einheimisches Restaurant – und bekamen als Höhepunkt des Menüs einen riesigen ganzen Thunfischkopf aufgetischt, aus dem wir von oben das Fleisch rausknibblen mussten.

Im Formel 1-Fahrerlager gibt es nur zwei Lager – entweder man liebt Reisen nach Japan, oder man hasst sie. Ich kenne Teammitglieder von Sauber, die in jenen Städten und Dörfern rund um Suzuka eigens lange Fußmärsche in Kauf nehmen, um nach Feierabend ein italienisches Restaurant zu finden.

Solche kören Eigenheiten sind nicht nur mir fremd – sondern auch Sebastian Vettel. Ich erinnere mich noch sehr gut an dessen ersten Japan-Grand Prix in Fuji, noch bei Toro Rosso und damit außerhalb des engen PR-Korsetts vom Hauptteam Red Bull Racing. Damals wie heute war Japan in ein „Back-to-back“ eingebunden, also zwei Große Preise an jeweils aufeinanderfolgenden Wochenenden. Wir nutzten die Freizeit für zwei Erkundungstage in Tokio, denn gerade bei den langen Flugzeiten nach Fernost ist es sinnvoller, zwischen den Rennen drüben zu bleiben statt Tage in der Luft zu verbringen – denn dabei spränge netto vielleicht ein halber Arbeitstag im Büro bei raus, ansonsten würde man nur rumreisen.

Irgendwann zwischendrin schloss sich Sebastian Vettel unserer Gruppe an, die eigentlich nur aus ein paar Journalisten- und Fotografenkollegen bestand. Der heutige Ferrari-Pilot erkundete mit uns das Elektronikviertel Akihabara und lernte von mir, dass es von alten Rockbands Sonderpressungen gibt, die bei deren Konzerten in Japan entstanden sind und die es nur in Japan zu kaufen gab. Damals zumindest noch.

Als alten Fan der Beatles hat Vettel diese neue Erkenntnis nicht nur fasziniert, sondern auch zu ausgiebigen Schnüstereien in den diversen CD- und Plattenläden von Akihabara inspiriert. Auch die anderen technischen Wunderlichkeiten, teils typisch japanisch, haben Vettel in ihren Bann gezogen.

Auch wenn man es dem heutigen öffentlich zu sehenden Superstar kaum mehr anmerkt: Der wahre Sebastian Vettel ist ein weltoffener, interessierter junger Mann, der auch als Familienvater immer noch mit offenen Augen durch die Welt reist. Wir hatten das Thema gerade erst am vergangenen Wochenende bei der Rennsport Reunion VI, einer Riesenveranstaltung für Besitzer und Freunde historischer Porsche-Rennautos aus diversen Epochen. Porsche hatte dorthin auch seine aktuellen Werksfahrer eingeladen, und ein Sven Müller etwa, Porsche-Junior, konnte mit der geballten Historie auf der kalifornischen Rennstrecke von Laguna Seca nicht allzu viel anfangen. Ich bin sicher: Vettel wäre mit leuchtenden Augen durch die Reihen von Porsche 917, 956, IndyCars, 911 und was noch alles gestiefelt.

Genau wie Le Mans-Sieger André Lotterer übrigens, dem ich an dem Wochenende einige Male versehentlich in sein Smartfonbild gelatscht bin.

Vettel hat diese kindliche Begeisterung für den Motorsport insgesamt von seinem Vater Norbert mitgekriegt. Mit dem kleinen, bärtigen und etwas rundlichen Hessen, der immer wirkt wie ein lieber Onkel, kann man sich noch heute jeden Tag stundenlang über alle möglichen Themen des Motorsports unterhalten. Nicht nur über die Formel 1, sondern auch über Touren- und Sportwagenrennen, Norbert Vettel verfolgt sogar meine Fernsehübertragungen von den Rennen diverser Nachwuchsformeln. Im Fahrerlager haben wir schon so manches Mal die Zeit vertratscht.

Mit seinem Sohn Sebastian ginge das sicher auch. Doch in der modernen Grand Prix-Welt hat die Corporate Identity ihn gefesselt. Ferrari würde am liebsten gar keinen Medienkontakt mehr zulassen. Die alldonnerstäglichen Medienrunden, in denen Vettel vor einem Plenum Rede und Antwort steht, gleichen in ihrer nichtssagenden Uniformität den Bundespressekonferenzen von Berlin. Dabei gilt im Motorsport wie im Fußball: Um begeistern zu können, braucht man Persönlichkeiten, kein Personal.

So mancher Formel 1-Pilot hätte durchaus mehr Format als er öffentlich zeigt, Vettel steht da als bestes Beispiel. Doch Ferrari schirmt ihn vielleicht auch aus Eigennutz ab: Schon lange hat kein Team derart versagt wie die Italiener anno 2018. Trotzdem stellt Vettel sich schützend vor jene Leute, die ihn die WM-Krone gekostet haben. Statt das zu honorieren, brüskiert Ferrari seinen Antreiber weiterhin – und lässt es zu, dass ihm Fehler angekreidet werden, die ursächlich in der mangelhaften Chefetage der Roten liegen.

Das selbst auferlegte Medienembargo ist da verständlich. Denn sonst könnten ja zu kritische Fragen – mit voller Berechtigung – an die Verantwortlichen herankommen. Denen könnte es zwar nicht schaden, ihre Jasager-Entourage zu durchbrechen und sich Gedanken über die eigenen Unzulänglichkeiten zu machen. Aber dazu ist es in ihrem Elfenbeinturm zu bequem.

Nur: Solange sich daran nichts ändert, wird Ferrari weiterhin von Niederlage zu Niederlage hasten. Und es ist an der Zeit für Vettel, sich da intern durchzusetzen, um seine Chefs wachzurütteln. Denn von selbst wird da keiner aufwachen.

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