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Jackie Stewart und Sebastian Vettel

  31.08.2017        ##F1 #Vettel #Ferrari #ItalianGP

Bei der Arbeit an der neuen Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK stolperten wir über ein Phänomen aus einer längst vergangenen Zeit. Gegen Ende 1969 überzeugte Jackie Stewart seinen damaligen Teamchef Ken Tyrrell, François Cevert als zweiten Fahrer zu verpflichten. Und in der Folgesaison nahm Stewart, der Platzhirsch, den in seinen Augen hochtalentierten Franzosen brüderlich unter seine Fittiche und förderte ihn so sehr, dass Cevert zuerst ein Talent entfalten und Stewart schließlich sogar in seiner Vormachtstellung im Team gefährlich werden konnte.

Der Schotte tat all’ das selbstlos, um das Team und Cevert voranzubringen. Und ohne Intrigen und Fisimatenten, um seine eigene Stellung innerhalb des Rennstalls und in der ganzen Grand Prix-Szene abzusichern.

Dass gerade in diesen Tagen ein Text über Cevert bearbeitet werden muss, macht nachdenklich. Zeigt es doch, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Schließlich hat Sebastian Vettel just diese Woche seinen Vertrag bei Ferrari um weitere drei Jahre verlängert – nachdem die Italiener seinem Wunsch entsprachen, einen Teamkollegen zu verpflichten, der eben gerade nicht an Vettels Thron rütteln kann.

Denn Kimi Räikkönen ist zwar unorthodox und deswegen irgendwie auch lustig, zumindest auf den ersten Blick. Aber eben auch zu langsam: In den letzten drei Jahren hatte der Finne im Schnitt immer nur zwei Drittel jener Punktzahl eingefahren, die sein jeweiliger Teamkollege holen konnte.

Raikkönen ist ein solider Fahrer. Aber mehr auch nicht. Und damit genau der richtige Teamkollege für Vettel: Er kann ihn gar nicht erst in Bedrängnis bringen, aus eigener Kraft statt Vettel Weltmeister zu werden.
Damit folgt Vettel seinem eigenen Vorbild Michael Schumacher nach. Denn der hat sich bei Ferrari auch stets seine Teamkollegen – Eddie Irvine und Rubens Barrichello – so ausgesucht, dass sie treue Vasallen, aber keine bösen Gegner sein können.

Die ehrenvolle Einstellung eines Jackie Stewart ist heutzutage nicht mehr gefragt. Wahrscheinlich würde man sie sogar als ehrpusselig verunglimpfen.

Ferrari schwächt sich mit dieser Nachgiebigkeit gegenüber seinem Nummer 1-Fahrer an sich selbst. Denn im Kampf um die Konstrukteurs-WM sind Teams wie Red Bull und Mercedes besser aufgestellt, weil sie eine homogenere Fahrerpaarung haben. Aber diese WM-Wertung ist für Ferrari weit weniger wichtig als für die anderen Teams. Denn die Roten bekommen dank ihrer erpresserischen Verhandlungen mit Bernie Ecclestone viel mehr Geld aus den Startgeldkassen der Formel 1-Organisation als jedes andere Team. Entsprechend ist Ferrari nicht auf die erfolgsabhängige zweite Komponente der FOM-Gelder angewiesen – im Gegensatz zu allen anderen Rennställen.

Dieser historisch erstrittene finanzielle Vorteil spielt nun Vettel in die Hände. Der Heppenheimer hat bei Red Bull gemerkt, wie sehr es ihn mitnehmen kann, wenn ein junger Fahrer mit viel Talent seine Vormachtstellung untergraben will. Damals war es Daniel Ricciardo, vor dem Vettel schließlich zu Ferrari geflüchtet ist.
Auch jetzt hätte Ferrari eigentlich einen jungen Mann in petto, der schon Formel 1-reif wäre: Charles Leclerc, ein junger Monegasse, der gerade in der Formel 2 fährt und den ich schon seit seinem Einstieg in die laufende Saison der Formel Renault vor zwei Jahren schwer auf dem Kieker habe. Es gab nämlich schon lange keinen jungen Fahrer mit so hoher Grundschnelligkeit. Ferrari hat Leclerc deswegen auch in seinen Förderkader für Nachwuchsfahrer aufgenommen. Doch ein ungestümer Jung-Siegfried im zweiten Wagen – das hätte Vettel gerade noch gefehlt.

So wird Leclerc sich wohl mit einer Ochsentour bei Sauber, dem unterlegenen Ferrari-Kundenteam aus der Eidgenossenschaft, abmühen müssen. Um darauf zu hoffen, dass man ihn irgendwann quasi gnadenhalber in den Werksrennstall nachrücken lässt. Aber das kann noch dauern. Denn zunächst will Vettel dem großen Schumi bei Ferrari nacheifern. Dazu braucht er Wasserträger Räikkönen, nicht Mittelstürmer wie Leclerc.

Auch Stewart hat Cevert seinerzeit zunächst als Vasallen und Helfershelfer nutzen können. Doch als der Franzose zu aufmüpfig wurde, riet der Schotte ihm, bei Tyrrell zu bleiben, trotz eines Ferrari-Angebots. Denn er hätte seinen Platz freigemacht. Das war schon fest geplant, als Cevert tödlich verunglückte.

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